Somms Memo: Akademiker sind faul und leben auf Kosten der Allgemeinheit. Stimmt das?

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Student bei der Repetition des gelernten Stoffes.
Student bei der Repetition des gelernten Stoffes.
Die Fakten: Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten mehrheitlich Teilzeit und verdienen wenig. Oft weniger als den Medianlohn aller Schweizer.

Warum das wichtig ist: Hat die Schweiz ein akademisches Proletariat herangezogen? Leute mit bester Ausbildung begnügen sich mit einer Karriere als Telefonistin oder Velokurier.


Seit Andrea Franc, eine Wirtschaftshistorikerin aus Basel, der NZZ ein Interview gegeben hat, wo sie über die Berufsaussichten ihrer Studenten Auskunft gegeben hatte, erlebt sie, was man in unserer wenig eleganten Mainstream-Sprache einen «Shitstorm» nennt, – ein unappetitlicher Begriff, dessen Übersetzung wir uns ersparen:
  • Franc wird in den Social Media beschimpft, beleidigt, verrissen – natürlich auch als Frau, was aber niemanden zu kümmern scheint im sonst, was das betrifft, eher übersensibilisierten, linken Lager
  • Seit Tagen wird sie in fast allen Medien mit Kritik eingedeckt. Journalisten machen einen «Faktencheck» ihrer Aussagen, Kommentatoren zeigen sich erschüttert, – selbst der Dekan der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Luzern, wo Franc einen Lehrauftrag hatte, distanziert sich mit einer Replik in der NZZ grossräumig

Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.
Was hat Franc ausgesprochen, was niemand hören will?
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Eigentlich sind es bloss Fakten – über deren Interpretation man sich streiten kann, aber sicher nicht dermassen empören muss:
  • Wer Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert hat, verdient auch fünf Jahre nach Abschluss durchschnittlich bloss 48 000 Franken. Das ist weniger als etwa ein Polymechaniker heimträgt. Das sind Zahlen des Bundesamtes für Statistik und der schweizerischen Berufsberatung
  • Damit geben diese hochqualifizierten Akademiker wohl nie zurück, was der Steuerzahler in sie investiert hat, als er ihnen ein fast kostenloses, oft jahrelanges Studium finanziert hat
  • Ihr durchschnittliches Einkommen liegt so tief, weil mehr als die Hälfte dieser Historiker, Germanistinnen, Soziologinnen oder Ethnologen Teilzeit arbeitet
  • Franc sieht darin eine Umverteilung von unten nach oben. Da viele Geisteswissenschaftler lange studieren und erst im Alter von 30 Jahren in den Beruf einsteigen, zahlen sie auch weniger lang in die Sozialwerke ein – im Vergleich etwa zu einem Polymechaniker. Weil sie Teilzeit vorziehen, tragen sie noch einmal weniger zum Sozialstaat bei. Das gleiche gilt für ihre Steuern, wo sie geringere Beträge zahlen, als sie müssten, wenn sie Vollzeit tätig wären – zu einem hohen Lohn, wie er ihrer guten (und teuren) Ausbildung entspricht. Last but not least beziehen sie zahlreiche Subventionen – weil ihr Einkommen so gering ist: verbilligte Krankenkassenprämien, tiefere Kita-Tarife, Sozialwohnungen, usw.
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Mit anderen Worten, diese Angehörigen der Elite, oft mit einer Herkunft aus der oberen Mittelschicht, leben und werden von der Allgemeinheit am Leben erhalten, als zählten sie zur Unterschicht.
Arme Akademiker?
In den späten 1920er Jahren kam in Deutschland der Begriff des «akademischen Proletariats» auf, um dieses Phänomen zu beschreiben
  • Damals redete man allerdings von Akademikern, die infolge der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden waren
  • Sie waren unfreiwillig in die Armut gestürzt, sie litten, viele dieser Akademiker schlossen sich zu jener Zeit den Nazis an

Heute haben wir es mit dem Umstand zu tun, dass diese Akademiker sich freiwillig nur minimal am Berufsleben beteiligen:
  • Sie entziehen sich einer Karriere – aus Überzeugung
  • Stattdessen finden sie ihre berufliche Erfüllung darin, 33,3 Prozent in einer Gemeindebibliothek Bücher einzuordnen oder in einer Firma an zwei Nachmittagen am Empfang zu sitzen
  • In der restlichen Zeit betreuen sie ihre Kinder, fahren Velo oder verfolgen ihre vielversprechenden Kunstprojekte – von denen wir leider nie hören

Finanziell können sie sich das bestens leisten, weil der Partner oder die Partnerin ebenfalls Teilzeit angestellt ist. Dank des hohen Lohnniveaus in der Schweiz bringen es die beiden auf ein recht angenehmes Einkommen.
Da die meisten Akademiker in der Schweiz nach wie vor aus Akademikerfamilien stammen, wie alle Statistiken belegen, können sie auch davon ausgehen, dass sie einmal angenehm erben. Das Ferienhaus der Eltern im Engadin benutzen sie schon heute.
Denn im Gegensatz zu ihnen arbeiteten ihre Eltern noch Vollzeit und hielten eine Karriere für erstrebenswert. Geld ist vorhanden.
Häufig stellt ihnen der Vater oder die Schwiegermutter noch das Eigenkapital zur Verfügung, das sie brauchen, um im Kreis 4 Stockwerkeigentum zu erwerben. Wenn sie aus einer einst erfolgreichen bürgerlichen Familie kommen, ziehen sie jetzt in die Villa der Grosseltern am Zürichberg.
  • Immerhin lassen sie Solarpanels auf dem schönen Walmdach montieren
  • Und die Garage, die der Grossvater in den 1950er Jahren in den Garten stellen liess, wird nur für Velos benutzt

Disclaimer: Ich bin selbst Historiker – und ahne deshalb, warum sich die vielen Journalisten derart aufregen über Andrea Franc.
Sie fühlen sich ertappt.
Denn selbstverständlich hat Franc recht.
Womit die Baslerin die Journalisten (in der Regel selbst Historiker und Germanisten) wohl am meisten provoziert hat: Sie unterstellt den Geistes- und Sozialwissenschaftlern Faulheit.
  • Viele sitzen bekifft in der Vorlesung, berichtete Franc
  • Oder sie «zeigen sich gegenseitig ihre Ferienbilder, schicken sich Whatsapp-Nachrichten oder schiessen auf dem Handy Zwerge ab»
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Aufmerksame Vorlesungsteilnehmer.
Wenn das auch sicher vorkommt, mag es eine unnötige Polemik sein – denn sie lenkt davon ab, worum es wirklich geht und was uns Sorgen machen muss:
  • Dieser verbreitete Minimalismus in Kreisen der intelligentesten Leute unseres Landes ist ein Symptom des Untergangs
  • Wenn Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Wohlstand für solche Leute keinen Sinn mehr ergeben, dann muss man sich fragen: Wohin führt das?

Ein gutes Land braucht gute Leute, die das Land noch besser machen möchten. Einen Sense of Purpose, wie die Amerikaner sagen: Sinnhaftigkeit, das Streben nach Glück, Lebensmut.
Solche Halbzeit-Akademiker verpassen nicht nur ihr Leben, wenn sie sich zu schade für eine Berufung in einem Beruf sind, sie machen sich auch unglücklich.
Oder wie es Thomas Jefferson, der grosse amerikanische Gründervater, ausdrückte:
«Ich glaube fest an Glück, und je härter ich arbeite, desto mehr habe ich davon

Ich wünsche Ihnen einen arbeitsreichen Tag Markus Somm

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