Sie hängen an Gerüsten, sie kleben an Fässern: Und am Ende werden Dutzende Klimaaktivisten verhaftet

Sie hängen an Gerüsten, sie kleben an Fässern: Und am Ende werden Dutzende Klimaaktivisten verhaftet

Über hundert Aktivisten blockierten am «Rise up for Change» für eine Offenlegung der Finanzflüsse des Schweizer Finanzsektors und nachhaltige Investitionen verschiedene Banken. Für die Polizei ist es ein Grosskampftag.

image
von Stefan Bill am 2.8.2021, 17:25 Uhr
Foto: Stefan Bill
Foto: Stefan Bill
Noch überwiegt die Enttäuschung, als der Wecker frühmorgens erbarmungslos klingelt. Der Abend zuvor ist ernüchternd zu Ende gegangen: Ein Besuch beim Klimacamp am Sonntagabend verhilft nicht zu wertvollen Informationen über die Pläne der Aktivisten. Da ich nicht vor Ort übernachten will, verlasse ich das Camp frühzeitig.
image
Das Hauptzelt auf dem Klimacamp auf der Hardbrache. (Foto: Stefan Bill)
Aber das hilft jetzt alles nichts – ich erfahre auf Twitter, dass die Aktivisten bereits seit sechs Uhr auf dem Paradeplatz sind. Ich nehme das Velo, fahre an den Ort des Geschehens. Dort angekommen sehe ich bereits von weitem ein grosses Polizeiaufgebot. Sämtliche Medien der Region sind ebenfalls vor Ort. Diverse Eingänge zur Credit Suisse und UBS sind blockiert. Aktivisten sitzen angekettet vor den Banken und schreien ihre Parolen in die Morgenluft.
Damit beginnt also die Aktionswoche des Klimabündnisses «Rise up for Change»: Mit einer Demonstration am Zürcher Finanzplatz und einem Grossaufgebot der Polizei.

Das Klimacamp

Bereits vor Wochen haben sich die Aktivisten mit Aktionstraining auf diesen Tag vorbereitet (Lesen Sie hier: Wie ich zum Aktivisten ausgebildet wurde). Ich war an einem Training dabei. Nun will ich mehr erfahren, also gehe ich am Sonntagabend ins Klimacamp. Ich will wissen, wo die Aktionen stattfinden und was geplant ist. Ich muss meine Angaben hinterlegen und werde dann eingelassen. Etwa hundert Personen sind hier. Nebst einer Bar, einem Konzertzelt und einem grossen Versammlungszelt stehen am Rand rund 20 Zelte, in denen die Aktivisten die Woche verbringen.
image
Das Letzte Breefing für die Aktivisten im Gemeinschaftszelt auf dem Klimacamp. (Foto: Stefan Bill)
Dann kommt eine Durchsage: Es sollen sich alle Aktivisten im grossen Gemeinschaftszelt einfinden. Geschlagene zwei Stunden dauert das Plenum. Nochmals wird der Aktionskonsens erklärt; warum man hier ist, was man bewirken will und wie man sich zu verhalten hat. Anscheinend haben das noch nicht alle auf dem Camp begriffen.
Danach folgt erneut ein langer Theorieblock: Man erklärt uns unsere Rechte, sagt, wie wir mit der Polizei umgehen sollen und für welche Aktionen uns welche Strafen drohen. Alles Informationen, die ich bei meinem Aktionstraining bereits erhalten habe. Allgemeine Infos zu den geplanten Aktionen, zum Beispiel wann es losgeht, fehlen. Man werde am nächsten Morgen geweckt, mehr wird nicht verraten.
Die Redner wollen wissen, wer denn überhaupt alles dabei sein wird. Dann gibts eine Volkszählung und eine «freudige Nachricht». «Zusammen mit den Leuten, von denen wir wissen, dass sie heute nicht hier sein können, morgen aber ebenfalls dabei sind, werden wir 180 Aktivist*innen sein», geben die beiden Moderatoren des Abends bekannt. Zum Abschluss wird noch ein Lied gesungen, um sich auf die Tage der zivilen Ungehorsamkeit einzustimmen. Ich möchte aber nicht singen – ist Singen eigentlich überhaupt wieder erlaubt? – und schleiche mich daher aus dem Zelt.

Der nächste Morgen

Ausgeschlafen, zumindest ein bisschen, aber noch lange nicht ausgesungen sind sie nun in der Stadt angekommen, die Klima-Besorgten. Vor den Absperrungen, die die Polizei vor der CS bereits errichtet hat, stehen nebst vielen Schaulustigen und Medienschaffenden auch Dutzende weitere Aktivisten, die mit Liedern und Parolen die angeketteten Aktivisten unterstützen wollen. Sie haben nicht das gleiche «Aktionslevel» – wie das die Moderatoren auf dem Klimacamp gennant haben. Sie sind also nicht bereit, dieselben Strafen in Kauf zu nehmen, wie jene, die sich vor die Banken gesetzt haben. Sie wollen aber auch Teil der Demonstration sein. Es wäre ja auch doof, würden am ersten Tag einer Aktionswoche bereits alle Aktivisten verhaftet werden.
Nur die Aktivisten, die an Fässer gekettet sind, wurden noch nicht vom Eingang der CS weggeschafft. (Video: Stefan Bill)
Unter den Aktivisten mit tieferem Aktionslevel sind auch die beiden Zürcher SP-Kantonsräte Leandra Columberg und Nicola Siegricht. Letzterer fungiert als Kommunikator zwischen den Aktivisten und der Polizei, die auch mit Dialogteams vor Ort sind. Wie viele Polizisten heute im Einsatz stehen: Das sagt mir Judith Hödl, Mediensprecherin der Stadt Zürich, nicht. «Sicher ist es ein grösseres Aufgebot.»

Auf Zeit spielen

Alleine vor der CS stehen vierzig Polizisten in Vollmontur. «Wir haben auch Schutz und Rettung aufgeboten, weil die einen Aktivisten in luftiger Höhe hängen», sagt Hödl. Damit meint sie die sogenannten Tripods, hölzerne Konstruktionen, etwa drei Meter hoch, an denen Aktivisten in Hängematten angemacht sind. Darunter sind Schilder angebracht. «Keine Seile oder Holz durchschneiden. Es besteht Lebensgefahr», steht darauf geschrieben. Sind die Aktivisten also bereit, ihr Leben für ihre Sache aufs Spiel zu setzen? Oder wissen sie genau, dass die Polizei ihr Leben nicht gefährden würde, dadurch aber viel länger braucht, um die Plätze zu räumen?
Vermutlich letzteres. Denn es scheint alles darauf ausgerichtet zu sein, die Polizei möglichst lange aufzuhalten. Dutzende Aktivisten an Fahrräder angekettet. Vier Personen haben sich an 700 Kilogramm schwere, mit Beton gefüllte Fässer angekettet. «Wir bleiben hier, solange wir können, wir blockieren», sagt Emma Müller, die sich selbst als Mediensprecherin des «Rise up for Change» betitelt. Diese Mediensprecher wuseln überall auf den Plätzen herum, versuchen, ihre Botschaft zu verbreiten. Nebst den Sprechern sind weitere Aktivisten mit Megafonen unterwegs, um ihre Botschaft in die Welt zu schreien.
Der Plan der Aktivisten scheint aufzugehen. Die Räumung geht nur langsam voran. Zwar sind vor der CS schon um neun Uhr beinahe alle Aktivisten weggeschafft worden. Doch es warten noch diverse weitere Eingänge. Über Lautsprecher gibt die Polizei bekannt, dass man die Blockaden nicht toleriere und die Aktivisten vor der UBS noch zehn Minuten Zeit hätten, den Platz zu räumen. Niemand bewegt sich. Nach zehn Minuten laufen rund 20 Polizisten in Vollmontur auf den Eingang zu, beginnen, mit schweren Geräten, Sägen und Zangen die Aktivisten von den Ketten loszuschneiden und wegzutragen.
Die Polizei räumt den Eingangsbereich der UBS. (Video: Stefan Bill)
Jeder, der weggetragen wird, wird von den Aktivisten vor der Absperrung beklatscht. Nur ein junger Herr, der gerne in die UBS will, regt sich auf. Er beschimpft die Aktivisten, sagt, sie sollen sich einen Job suchen. Passanten, die vorbei laufen, teilen seine Meinung, sprechen sie aber nicht ganz so laut aus und wollen nicht mit ihrem Namen im Artikel vorkommen. Doch die Lager scheinen tief gespalten zu sein. Viel Zustimmung, aber auch viel Ablehnung. Denn zwischenzeitlich wird durch den ausgelösten Polizeieinsatz auch der Tramverkehr unterbrochen.
Unter Applaus wird ein von seinen Ketten befreiter Aktivist weggetragen. (Video: Stefan Bill)
Um 11:48 Uhr kommt die erste Medienmitteilung der Stadtpolizei. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits rund 30 Aktivisten verhaftet. Zehn Minuten später sieht Frau Hödl Licht am Ende des Tunnels: «Wir haben nebst dem Ort, wo wir gerade am räumen sind, noch eine besetzte Örtlichkeit. Ich denke, sobald wir dort auch noch alle kontrolliert haben, können wir den Einsatz abschliessen.» Die Einsatzkosten der Stadtpolizei werden bislang nicht berechnet. Eventuell kann ein Teil den Aktivisten verrechnet werden.
Tatsächlich löst sich die Masse langsam auf. Die Feuerwehr holt gerade mit grossen Fahrzeugen die letzten hängenden Aktivisten von Ihren selbstgebauten Strukturen herunter, am Paradeplatz werden die letzten Aktivisten, immer noch an Fässer gekettet mit einem Palettrolli in einen Lastwagen verfrachtet und abtransportiert. Nach etwa acht Stunden ist die Veranstaltung des Jahres für die einen – und der Spuk für die anderen – wieder vorbei. Vorerst.
Doch die nächste Demo ist bereits angesagt. Noch für heute Abend.
Die Aktivisten müssen aber wohl mit ihrem «zivilen Ungehorsam» einen Gang herunter schalten. Denn wenn die Zahl der Verhaftungen in diesem Ausmass weitergeht, bleiben bis am Ende der Aktionswoche wohl nicht viele von ihnen übrig.

Mehr von diesem Autor

image

Referendum gegen das Mediengesetz: Warum die grossen Verlage schweigen

Ähnliche Themen