Sie diffamieren, sie spotten, sie klagen – die Götter der Corona-Taskforce halten sich für unfehlbar

Sie diffamieren, sie spotten, sie klagen – die Götter der Corona-Taskforce halten sich für unfehlbar

Die Stars der Corona-Pandemie offenbaren ein seltsames Wissenschaftsverständnis. Wer nicht so denkt wie sie, muss falsch liegen.

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von Sebastian Briellmann am 21.4.2021, 07:33 Uhr
Lockdown für immer? Die leere Bahnhofstrasse in Zürich – ein Anblick, der vielen Epidemiologen gefallen dürfte. Foto: Shutterstock
Lockdown für immer? Die leere Bahnhofstrasse in Zürich – ein Anblick, der vielen Epidemiologen gefallen dürfte. Foto: Shutterstock
Christian Drosten, hochstilisiert zum Popstar, verklärt als «Corona-Papst», ist zweifellos ein hochdekorierter Wissenschaftler, ein angesehener Berater der deutschen Bundesregierung – aber wegen seines immensen Einflusses auf die öffentliche Meinungsbildung hält er sich, so scheint es zumindest, mittlerweile für unfehlbar. Wer nicht so denkt wie er, muss falsch liegen. Wer nicht auf seine Ratschläge hört, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Drosten, Superstar?
Das ist ein seltsames Verständnis von Wissenschaft. In seinem wöchentlichen Podcast, den Millionen von Menschen, wenn nicht hören, dann zumindest über Umwege transportiert bekommen, greift er immer wieder auf – ziemlich unwissenschaftliche – Brachialrhetorik zurück. Vor wenigen Wochen beobachtete er «Grundmotive der Wissenschaftsleugnung», verbreitet von «Pseudoexperten», die «gerne im Fernsehen präsentiert werden». Sich selber, obwohl überhaupt nicht medienscheu, hat er damit offensichtlich nicht gemeint.
Abgesehen hat es Drosten – das ist unschwer zu erkennen, auch wenn er keinen Namen nennt – auf Kollegen wie Hendrick Streeck, die eine andere Haltung zu Lockdowns und zur Pandemie-Bekämpfung haben als er. Dieser vertritt die Haltung, man müsse mit diesem Virus leben; für Drosten ist das ein «typischer, mehrdeutiger Begriff im Sinne der Wissenschaftsleugnung.» Drosten, eine wichtige Stimme gewiss, verkennt jedoch, dass er selber keine Handlungsfähigkeit besitzt, nur beratend wirkt. Dennoch spielt er sich auf wie Gott.
Das Phänomen ist kein unbekanntes und Drosten wohl nur das schillerndste Beispiel. Diese Krise hat aus völlig unbekannten Wissenschaftlern Berühmtheiten gemacht – und einigen ist dies nicht gut bekommen.

In seinen Twittersalven lässt Epidemiologe Christian Althaus keinen Zweifel übrig, wie wenig er von den bundesrätlichen Massnahmen hält. Zuerst abtreten, dann nachtreten.


In der Schweiz kennen wir das Gebaren ebenfalls, wie gewöhnlich eine Nummer kleiner, mit ein bisschen weniger Allmachtsfantasie, das schon, aber es wirkt nicht minder verstörend, wie sich gewisse (ehemalige) Mitglieder der Corona-Taskforce aufführen. Wie kleine Kinder, die nicht bekommen, was sie wollen, plärren sie in Interviews, wie es Politiker eigentlich wagen könnten, ihre Vorschläge nicht zu befolgen.
Dass auch die Schweizer Wissenschaftler bloss in beratender Funktion tätig sind – die Taskforce hat dem Bundesrat ihre Dienste selber angeboten –, dass am Ende noch immer die Politiker die Entscheide fällen: Das passt den neuen Göttern augenscheinlich nicht. Der Berner Epidemiologe Christian Althaus forderte nach seinem Rücktritt aus der Taskforce, dass «die Politik lernen müsse, der Wissenschaft auf Augenhöhe zu begegnen.» In seinen Twittersalven lässt Althaus keinen Zweifel übrig, wie wenig er von den bundesrätlichen Massnahmen hält. Zuerst abtreten, dann nachtreten.
Er ist damit nicht alleine. Der Basler Neurowissenschaftler Dominique de Quervain hat die Taskforce ebenfalls verlassen, da das ihr auferlegte «politische Korsett» die «dringend notwendige, ungefilterte wissenschaftliche Aufklärung» verhindere. (Lesen Sie hier: «Sogar den Stressforscher stresste den Job»)
Dass sich viele Politiker – und auch kein kleiner Teil der Bevölkerung – an der Panikmacherei zu stören begannen, da in den Medien praktisch jeden Tag ein Mitglied der Taskforce seine Meinung kundtat, sehen die Wissenschaftler bis heute nicht ein – und beschweren sich darüber, dass ihnen die Politik einen «Maulkorb» verpassen wollte. Wir erinnern uns: Die Wirtschaftskommission des Nationalsrats wollte, dass nur noch der Präsident im Namen des Beratergremiums sprechen sollte. Dieser Vorschlag wurde jedoch abgelehnt.
Dass die Forscher derart wehleidig agieren, über einen vermeintlichen «Maulkorb» jammern: Das überrascht. Sind es nicht zuletzt sie, die der Öffentlichkeit das eine richtige Vorgehen einhämmern wollen. Für kritische Stimmen ihrer Kollegen, die es vielleicht anders sehen, haben sie nichts als Spott und Diffamierung übrig. In der Taskforce, stolze 76 Mitglieder stark, hat es für diese Abweichler wenig überraschend keinen Platz.

An einem fordernden, kritischen Austausch, an einem Kampf ums beste Argument: Daran zeigen die vermeintlichen Massnahmen-Götter kein Interesse.


Michael Esfeld, Professor der Philosophie an der Universität Lausanne, hat zuletzt im «Nebelspalter» anschaulich erklärt, was die Folge davon ist: «Auch bisher unverdächtige Wissenschaftler können ruckzuck in der schmuddeligen Ecke landen. Auf einmal werden Top-Experten wie der Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis verleumdet – alleine wegen ihrer Meinung, die vom Mainstream abweicht. Zuvor nannte man sie noch Koryphäen. Das ist keine gute Entwicklung.» Es sei problematisch, wenn die Taskforce Kritik von Experten mit anderer Meinung nicht wahrnehme. Es gebe nicht die Wissenschaft. «Die Wissenschaft spricht mit mehreren Stimmen.» (Lesen Sie hier: «Cancel Culture gibt es auch in der Schweiz»)
Oder sprach sie mit mehreren Stimmen? Von den Taskforce-Mitgliedern oder auch Christian Drosten heisst es immer: Hört auf die Wissenschaft. Dabei meinen sie nur sich selbst. An einem fordernden, kritischen Austausch, an einem Kampf ums beste Argument: Daran zeigen die vermeintlichen Massnahmen-Götter kein Interesse. Sie verkriechen sich lieber hinter ihre Schreibtische und preisen die angebliche Wirksamkeit ihrer Computer-Modelle an. Dass ihre Prognosen anschliessend nur selten eintreffen: geschenkt. (Lesen Sie hier: «Panik-Prognosen bestimmen unsere Corona-Politik»)
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