Sexismus hinterm Bügelbrett. Da taar me nöd

Sexismus hinterm Bügelbrett. Da taar me nöd

Eine kleine Landgemeinde im Kanton St.Gallen wird unvermutet zum Bollwerk des Feminismus. Im Mitteilungsblatt des Dorfs darf ein Inserat für einen Bügelservice nicht erscheinen. Denn eine Frau an einem Bügelbrett sei eine sexistische Darstellung.

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von Stefan Millius am 16.4.2021, 05:00 Uhr
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Mörschwil, direkt vor den Toren der Stadt St.Gallen, ist eine ländliche Gemeinde. 3600 Einwohner, 900 der insgesamt 984 Hektaren Fläche bestehen aus Wald, Wiesen und Äckern. Im Kanton bekannt ist das Dorf in erster Linie aufgrund seines sehr tiefen Steuersatzes. In der Stadt eine Führungsfunktion bekleiden, in Mörschwil wohnen: Das ist ein beliebtes Modell. Die Dichte an Chefärzten ist überdurchschnittlich. Und als man letztmals nachzählte, fanden sich weit über 200 Millionäre im Dorf.

Erste Frau Gemeindepräsidentin

Rund 30 Jahre lang wirkte hier Paul Bühler als Gemeindepräsident, Ende Jahr dankte er ab und ging in den Ruhestand. Seit dem 1. Januar 2021 sitzt an seiner Stelle ein veritabler Gegenentwurf zum früheren klassischen Gemeindeoberhaupt: Martina Wäger, 33 Jahre jung, Juristin und politische Quereinsteigerin. Sie ist die allererste Frau Gemeindepräsidentin in Mörschwil. Und das soll man offenbar gleich merken.
Denn 3,5 Monate nach Amtsantritt setzt Wäger bereits Signale. Es geht um das Mitteilungsblatt der Gemeinde, ein Sammelsurium aus behördlichen Mitteilungen, Vereinsnachrichten und den üblichen «Wo bringe ich mein Altöl hin?»-Serviceleistungen. Man kann darin recht günstig inserieren, und weil es hier viele Gutverdiener als potenzielle Kunden gibt, tun das manchmal auch Auswärtige.

Werbung wie aus den 60ern

Zum Beispiel die St.Gallerin Franziska Portmann. Sie zieht gerade einen Bügelservice für vielbeschäftigte Berufstätige auf. Ihr Partner Andreas Müller wollte zur Lancierung des neuen Angebots ein Inserat im Mörschwiler Mitteilungsblatt publizieren. Die grafische Umsetzung dafür lieferte seine Tochter. Die Idee: Ein Sujet im Stil der 60er-Jahre, «weil mir diese alten Haushaltswerbungen gefallen», wie Müller sagt.
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Die Anzeige für den neuen Bügelservice.
Der Redaktion des Mitteilungsblattes, angesiedelt in der Gemeindeverwaltung, gefiel die Idee aber weniger. Man lehne die Veröffentlichung des Inserats ab, schrieb eine Sachbearbeiterin per E-Mail an Andreas Müller, weil dieses nicht den «internen Richtlinien» entspreche. Was damit genau gemeint ist, erfuhr er auf seine Nachfrage hin am Telefon: Man wolle keine Anzeige, in der ein so traditionelles Rollenbild wie eine Frau am Bügelbrett zu sehen sei.

Richtlinien: Nicht schriftlich, nur gefühlt

Auf Anfrage präzisiert die neue Gemeindepräsidentin Martina Wäger, dass es die im E-Mail erwähnten Richtlinien nirgends schwarz auf weiss zu sehen gibt und man sie einer Zeitung daher auch nicht weiterleiten könne. Es sind also offenbar Richtlinien, die nur in den Köpfen im Gemeindehaus existieren. Aber jedenfalls veröffentliche man ganz grundsätzlich keine diskriminierenden oder sexistischen oder rassistischen Inserate, und im Fall des Bügelservice handle es sich um eine sexistische Darstellung.

«Die abgebildete Frau zeigt eine Hausfrau im Stile der 60er-Jahre – und damit in jener Zeit, in welcher die Frau zuhause hinter den Herd beziehungsweise das Bügelbrett gehörte.»

Martina Wäger, Gemeindepräsidentin Mörschwil
Mit der Illustration werde die «typische Rollenverteilung» gefestigt und die Frau als reine Haushaltsarbeiterin abgewertet, heisst es weiter. Das sei jedenfalls die Sicht in der Gemeindeverwaltung, ausserdem habe man andere Personen gefragt, die das Bild ebenfalls für sexistisch hielten. Etwas Vorsicht dürfte bei der Entscheidung auch mitgespielt haben. Jüngst hatte die Mitteilungsblatt-Redaktion offenbar negative Rückmeldungen erhalten aufgrund eines Inserats zur Fasnacht.

Bügeln ja, aber dann nur die Chefin

Wobei man in Mörschwil offenbar nicht grundsätzlich etwas dagegen hat, wenn eine Frau Kleider bügelt. Allerdings hätte Franziska Portmann sich selbst hinter das Bügelbrett stellen müssen, dann wäre klar gewesen, dass das Inserat «die Frau hinter dem Bügelservice darstellen soll», so die Gemeinde. Damit hätte man offenbar leben können. Aber anscheinend nicht damit, das Geschlecht der Frau ganz allgemein mit einem so niederen Dienst in Verbindung zu bringen.
Andreas Müller schwankt bei diesem Hinweis zwischen Lachen und Verzweiflung, denn die Anzeige zeige eben gerade wirklich seine Lebenspartnerin, «und das unverkennbar», wenn auch gezeichnet.
Als reichste Gemeinde im Kanton St.Gallen, die tendenziell immer reicher wird, hat Mörschwil wenig echte Probleme. Geht es um Projekte wie neue öffentliche Bauten, ist höchstens der Standort oder die Architektur ein Streitthema, aber nie das Geld. Was passiert, wenn es einem richtig oder vielleicht sogar zu gut geht, zeigt die Sexismusdebatte über eine bügelnde Frau wahrhaft exemplarisch.

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Stefan MilliusHeute, 07:46comments

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