Schreinerlehre oder Gymi?

Schreinerlehre oder Gymi?

Warum Akademiker-Eltern im dualen Bildungssystem der Schweiz über ihren eigenen Schatten springen sollten.

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von Martin Breitenstein am 27.10.2021, 10:00 Uhr
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So weit man unseren Familienstammbaum (nach klassischer patrilateraler Deszendenz) zurückverfolgen kann, bin ich der Erste, der noch alle Finger in voller Länge an jeder Hand hat (bis zur Niederschrift dieses Textes). Meine Vorfahren waren und sind allesamt Schreiner, während der früheren Blüte der Basler Seidenbandindustrie, sogenannte Stuhlschreiner für Webstühle. Die Schreiner arbeiten mit gefährlichen Maschinen und Werkzeugen. Trotz aller Suva-Schutznormen kann da eine Fingerbeere oder mehr in ein Sägeblatt oder in eine Hobelmaschine geraten.

Linkshänder

Meinerseits hatte ich nicht wegen dieser Gefahr das Jus-Studium der Schreinerei vorgezogen, sondern weil ich irgendwie gar nie richtig erwogen hatte, den Schreinerberuf zu ergreifen. Zum Schreck meiner Vorfahren sollte sich nämlich bald einmal herausstellen, dass ich Linkshänder war. Und Linkshänder waren nach damaliger landläufiger Vorstellung eben Personen mit zwei linken Händen und für das Handwerk kaum zu gebrauchen. Hinzu kam: Meine Mutter (matrilaterale Deszendenz!) setzte sich in ihrem frühfeministischen Streben in den Kopf, wohl als eine der ersten Frauen in der Schweiz die Schreinerlehre zu absolvieren, und zwar mit ihrem Ehemann als Lehrmeister. Als früherer Patron war mein Grossvater auch noch im Betrieb und mischte sich mitunter in die Geschäftsführung ein. Drei Generationen plus eigene Mutter – das wäre mir dann doch zu viel Familienbetrieb gewesen.
Als Jung-Akademiker gönnte ich mir zunächst eine Emanzipationsphase von meiner Schreinerfamilie. Nach und nach bekam ich aber Lust am Schreinern als Hobby. Schliesslich hatte ich bei meiner Mithilfe (Kinderarbeit nicht gerade, aber immerhin) in der Werkstatt und auf dem Bau doch einiges gelernt. Es sollte sich sogar herausstellen, dass das Linkshänder-Handicap nichts mehr als ein überkommenes Vorurteil war. Heute muss ich für mein Seelenheil nebenher immer ein Bauprojektli haben. Aktuell baue ich ein «Haus im Haus» in unserem historischen Dachstuhl. Es hat neben der intellektuellen Arbeit etwas Beglückendes, das Ergebnis eigener Hände Arbeit so plastisch sehen und greifen zu können.

Statusängste

Bei dieser Arbeit hilft mir mein Sohn tatkräftig mit, der nun ins Berufswahlalter kommt. Und ich ertappe mich beim Gedanken, ob es vielleicht nicht gescheiter wäre, wenn er zum Beispiel Schreiner lernen würde. Statt ihn wieder an die Gymiprüfung zu prügeln (Schule und Buben ist ein Thema für sich) und ihn allenfalls durchs Gymnasium zu schleppen. Als Akademiker-Elternpaar hat man es bei dieser Weichenstellung nicht ganz einfach: familieninterne Debatten über Zukunftsbarrieren, Statusängste, intellektuelle und andere Entwicklungswege.
In unserer virtuellen, fiebrigen Zeit wäre eine handwerkliche Ausbildung vielleicht eine gute Erdung. «Handwerk hat goldenen Boden», diese Losung ist zwar im Verhältnis zu Salären etwa in Pharma oder Hochfinanz zu relativieren. Aber auch bei den Handwerkern gilt das helvetische Rezept: gut gejammert ist halb gebauert. Ich kenne jedenfalls einige Handwerker-Unternehmer, die dank ihrem innovativen Unternehmergeist jeweils ansehnlich Cash-in notieren.

Ius-Absolventen, die wissen, was arbeiten heisst

Kommt hinzu, dass das heutige schweizerische Bildungssystem viel durchlässiger ist als früher. Über den Weg der Fachhochschule ist der Zugang auch zu vormals rein universitären Berufen offen. Rechtsanwalt zum Beispiel kann man heute auch über die Stufen Berufsausbildung, Fachhochschule, Passerelle, Uni werden. In meiner Anwaltskanzlei beschäftigen wir immer auch solche Studenten als Praktikanten. Sie stehen den klassischen Uni-Absolventen in der Regel in nichts nach. Jedenfalls wissen sie immer schon, was arbeiten heisst.

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