Schlumpfs Grafik, Folge 14: Das Bevölkerungswachstum stabilisiert sich

Schlumpfs Grafik, Folge 14: Das Bevölkerungswachstum stabilisiert sich

Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung geht seit 1968 zurück. Etwa um das Jahr 2015 haben wir «peak child» erreicht. Trotzdem wird die Menschheit bis 2100 wahrscheinlich bis auf etwa elf Milliarden wachsen.

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von Martin Schlumpf am 4.10.2021, 12:30 Uhr
Quelle: Our World in Data
Quelle: Our World in Data
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Leben kurz und hart – nicht nur für Bauern, sondern auch für Könige. Dann setzte mit der industriellen Revolution eine beispiellose Entwicklung ein, die durch verbesserte Lebensbedingungen ermöglicht hat, dass heute etwa neunmal mehr Menschen leben als damals (siehe hier).
Bevölkerungswachstum entsteht, wenn in einer bestimmten Zeitspanne die Geburtenrate einer Bevölkerung höher ist als deren Todesrate: Wenn in einem Jahr also mehr Kinder geboren werden, als Menschen sterben, ergibt sich eine positive Wachstumsrate, deren Grösse in Prozent ausgedrückt wird.

Demografischer Wandel in vier Phasen

Aus der folgenden Grafik kann man die jährliche Wachstumsrate sowie die absolute Grösse der Weltbevölkerung für den Zeitraum von 1700 bis 2100 ablesen. Die Zahlen stammen von der Webseite «Our World in Data».

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Quelle: Our World in Data

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In dieser Grafik sieht man also nicht nur den Zustand der Welt bis heute, sondern darüber hinaus auch noch eine Zukunftsprojektion bis Ende Jahrhundert. Diese Projektion folgt dem mittleren UNO-Bevölkerungs-Szenario «Medium Fertility Variant».
Konzentrieren wir uns zuerst auf die reale Entwicklung bis zur Gegenwart, und dabei auf die rote Kurve der jährlichen Wachstumsrate. Warum ist diese bis 1968 auf über 2 Prozent angestiegen, und danach wieder gesunken? Der Prozess, der zu dieser Entwicklung geführt hat – der sogenannte «demografische Wandel» (demografic transition) – lässt sich in vier nacheinander ablaufende Phasen unterteilen.

Die Lebenserwartung bei der Geburt beginnt zu steigen

Die erste Phase, die in der ganzen vormodernen Zeit geherrscht hat, ist geprägt von hohen Fruchtbarkeitsraten der Frauen und hoher Sterblichkeit, vor allem bei den Kindern. In der zweiten Phase, die etwa um 1700 beginnt, sinkt zuerst die Sterblichkeitsrate, insbesondere bei den Kindern. Überall dort, wo sich die medizinischen, hygienischen und Ernährungsbedingungen schrittweise verbessern, gelingt es, mehr Leben zu retten – aber nicht nur in der Kleinkinderzeit, sondern ganz generell. Und damit beginnt zum ersten Mal in der Geschichte die Lebenserwartung bei Geburt zu steigen. Dies zusammengenommen führt zu einer steigenden Wachstumsrate der Bevölkerung.

Die wachsende Sicherheit, dass ein geborenes Kind das Erwachsenenalter erreichen kann, führt zu einer gesteigerten Bedeutung der Bildung.


In der dritten Phase reagieren dann die Mütter auf die verbesserten Überlebenschancen ihrer Kinder damit, dass sie weniger Geburten haben. Die wachsende Sicherheit, dass ein geborenes Kind das Erwachsenenalter erreichen kann, führt zu einer gesteigerten Bedeutung der Bildung: Nun lohnt es sich, in gute Bildung zu investieren. Weil das aber teuer ist, kann dies nur mit wenigen Kindern geschehen. Kurz: Die steigende Wachstumsrate wird dadurch zum ersten Mal gebremst.

Auch die «Pille» senkte die Wachstumsrate

In der vierten Phase schliesslich sind sowohl die Todes-, als auch die Geburtenraten auf einem optimal tiefen Niveau, wodurch die Wachstumsrate der Bevölkerung am Ende auf Null Prozent sinkt, und je nachdem sogar negative Werte aufweisen kann.
Wo stehen wir heute weltweit in diesem demografischen Wandel? Die rote Kurve der Grafik zeigt: Nach einer langen und seit 1920 starken Zunahme der Wachstumsrate bis auf 2,1 Prozent im Jahr 1968, ist diese seither mehr oder weniger gleichmässig auf 1,1 Prozent gesunken. Sicherlich hat dabei auch die Einführung der «Pille» ab 1960 eine Rolle gespielt. Seit den 1970er-Jahren sind wir jedenfalls auf dem richtigen Weg in Richtung einer Stabilisierung der Weltbevölkerung.
Dies kann man zudem daran ablesen, dass die Gesamtzahl aller neugeborenen Kinder pro Jahr seit etwa fünf Jahren auf ihrem Höhepunkt bei 140 Millionen stillsteht. Man spricht von «peak child» und meint damit, dass die Zahl der Neugeborenen ihren Höhepunkt wahrscheinlich überschritten hat.

Wie das Abbremsen eines riesigen Tankers

Warum aber steigt die Bevölkerung weiter an, obwohl wir die Wachstumsrate halbiert und die Zahl der Neugeborenen stabilisiert haben? Das erklärt sich daraus, dass wir das Wachstum in Prozent messen, das heisst relativ auf die absolute Bevölkerungsgrösse bezogen. So wuchs die Weltbevölkerung 1968 um 70 Millionen (2 Prozent von 3,5 Milliarden), während sie 2019 sogar um 77 Millionen zunahm (1 Prozent von 7,7 Milliarden): Die halbierte Wachstumsrate wird kompensiert durch die verdoppelte Zahl der Menschen. Das Bremsen des Bevölkerungswachstums gleicht dem Abbremsen eines riesigen Tankers im Wasser: Auch wenn viele Bremselemente bereits wirken, werden sie doch über längere Zeit vom Gewicht des Tankers überspielt.

Heute haben alle Länder, ausser diejenigen in Sub-Sahara-Afrika, mindestens die dritte Phase des demografischen Wandels erreicht.


Trotz allem sind wir aber seit den 70er-Jahren auf gutem Weg: Heute haben alle Länder, ausser diejenigen in Sub-Sahara-Afrika, mindestens die dritte, die grosse Mehrzahl sogar die vierte Phase des demografischen Wandels erreicht. Diese Länder haben ihre Pflicht sozusagen erfüllt. Und dass der erfolgreiche Abschluss dieses Weges direkt mit dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zusammenhängt, haben wir bereits angesprochen. In der folgenden Grafik (wiederum aus «Our World in Data») wird dieser Zusammenhang verdeutlicht.

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Quelle: Our World in Data


Hier wird die rote Kurve aus der ersten Grafik, die die jährliche Wachstumsrate der Weltbevölkerung gezeigt hat, für die Zeit nach 1950 nach drei Ländergruppen differenziert: Die wirtschaftlich hoch entwickelten Länder (Europa, Nordamerika, Australien, Japan), unten braun; die weniger entwickelten Länder, in der Mitte, grau; und die 48 am wenigsten entwickelten Länder (vor allem aus Afrika), oben, violett.

Wohlstand bremst die Bevölkerungsvermehrung

Der Befund ist eindeutig: Die Trendwende zum Absinken der Wachstumsrate beginnt in der hochentwickelten Gruppe schon 1953, in den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Ländern aber erst 1992, und dies dann auch noch von einem mehr als doppelt so hohen Niveau aus. Es gibt also offensichtlich eine klare Korrelation zwischen Wohlstand gleich Wirtschaftsentwicklung gleich hohes Bruttoinlandprodukt und dem Wachstum der Bevölkerung: Je reicher und entwickelter ein Land ist, desto stärker und früher wird es die Bevölkerungsvermehrung bremsen. Aber – und das wird oft vergessen – wie die Grafik zeigt sind heute sämtliche Länder, auch die ärmsten, bereits auf diesem entscheidenden Weg der sinkenden Wachstumsraten.

Von 1950 bis 2015 nahm die Weltbevölkerung um 5 Milliarden zu. Allein 3 Milliarden davon in Asien, und je 1 Milliarde in Afrika und den beiden Amerikas.


Spekulationen darüber, wieviel Zeit wir noch brauchen werden, bis wir die Zahl der Menschen auf diesem Planeten stabilisiert haben, kann man in beiden Grafiken auf der rechten Seite ablesen. Dort sind die Prognosen der künftigen Entwicklung der Weltbevölkerung bis ins Jahr 2100 nach dem wahrscheinlichsten Szenario der UNO abgebildet, das bis Ende Jahrhundert die Welt bei etwa 11 Milliarden Bewohner sieht.

Künftiges Bevölkerungswachstum fast nur in Afrika

Weil dieses Wachstum aufgrund der geschilderten Prozesse in den verschiedenen Weltregionen aber sehr unterschiedlich stattfindet, werfen wir zum Schluss noch einen kurzen Blick auf diese regionalen Veränderungen. Im Zeitraum von 1950 bis 2015 nahm die Weltbevölkerung um 5 Milliarden zu. Allein 3 Milliarden davon in Asien, und je 1 Milliarde in Afrika und den beiden Amerikas. Die kleine Zunahme in Europa ist vernachlässigbar. So lebten 2015 60 Prozent der Menschen in Asien, 16 Prozent in Afrika, 14 Prozent in den Amerikas und 10 Prozent in Europa.
Nach den UNO-Prognosen gibt es bis 2100 nochmals eine Zunahme um 3,5 Milliarden. Diese findet aber fast ausschliesslich in Afrika statt: Einem Plus von 3 Milliarden in Afrika steht ein solches von 0,5 Milliarden in Asien gegenüber. Europa und die Amerikas verändern sich nur marginal. Die Weltbevölkerung würde Ende 21. Jahrhundert also aus 44 Prozent Asiatinnen, 40 Prozent Afrikanern, 10 Prozent Süd- und Nordamerikanerinnen sowie 6 Prozent Europäern bestehen.

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