Schlumpfs Grafik, Folge 12: Die Schweiz ist beim Impfen das Schlusslicht Westeuropas

Schlumpfs Grafik, Folge 12: Die Schweiz ist beim Impfen das Schlusslicht Westeuropas

Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz bei der Durchimpfung ihrer Bevölkerung zwar im Mittelfeld, aber hinter allen westeuropäischen Staaten. Nur die Osteuropäer weisen einen geringeren Impfschutz aus.

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von Martin Schlumpf am 20.9.2021, 12:30 Uhr
Quelle:  Ourworldindata.org
Quelle: Ourworldindata.org
Die Corona-Pandemie stellt im Weltmassstab eine Grosskatastrophe dar, deren Ausmass in den letzten Jahrzehnten ohne Parallele ist. Gemessen an der Übersterblichkeit war das in der Schweiz in der ersten Welle noch wenig, in der zweiten dann aber dramatisch zu spüren (siehe hier).
Im Gegensatz zur Spanischen Grippe von 1918/19, der letzten grossen Pandemie vor Corona, gelang es diesmal aber, vor Ablauf eines Jahres nach Ausbruch der ersten Infektionswelle, verschiedene Impfstoffe anwendungsreif zu entwickeln – eine beispiellose medizinische Leistung.

Erfolgreiche Impfvergangenheit

Damit eine Impfung aber wirksam werden kann, braucht es eine möglichst grosse Durchimpfung der Bevölkerung: Erst wenn sehr viel Personen geschützt sind, kann sich das Virus nicht mehr entscheidend ausbreiten, und dabei neue gefährlichere Varianten bilden. Diese Erfahrung haben wir aus einer erfolgreichen Impfvergangenheit: Geisseln der Menschheit wie Pocken, Diphterie, Kinderlähmung oder Masern konnten in entwickelten Ländern zu beinahe hundert Prozent ausgerottet werden.
Wie erfolgreich ist die Schweiz bisher mit ihrer Corona-Impfkampagne? In der folgenden Grafik wird der Anteil der vollständig Geimpften an der Gesamtbevölkerung (Impfquote) am 15. September 2021 dargestellt. Als Vergleichsmassstab habe ich sämtliche Länder Europas verwendet, die mehr als eine Million Einwohner haben. Die Zahlen stammen aus dem «Covid-19 Explorer» der Datenbank «Our World in Data» (siehe hier).

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Quelle: Ourworldindata.org

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Die Schweiz (mit blauen Strichen eingerahmt) liegt mit 52 Prozent zwar etwas über dem gesamteuropäischen Durchschnitt von 50 Prozent, sie bildet aber, sogar leicht abgeschlagen, nach Österreich und Finnland das Schlusslicht aller westeuropäischen Staaten – unseren geografisch und kulturell nächsten Verwandten.

Portugal an der Spitze punkto Impfquote

An der Spitze glänzt Portugal unangefochten allein, und dies auch weltweit. Mit über 81 Prozent hat es als einziges Land die Marke von 80 Prozent übertroffen, wo von einer erfolgreichen Durchimpfung der Bevölkerung gesprochen werden kann (Kinder werden ja auch mitgezählt). Mit Spanien, Dänemark, Irland und Belgien folgt dann ein Quartett, das es auf über 70 Prozent gebracht hat. Ausserhalb Europas schaffen das nur noch die Vereinigten Arabischen Emirate, Singapur, Qatar, Uruguay und Chile.

Es wird spannend sein zu verfolgen, ob Dänemarks starke Durchimpfung Schutz genug ist, um ohne erneute Restriktionen durchzukommen.


Von besonderem Interesse ist die Entwicklung in Dänemark, weil die Dänen aufgrund ihrer hohen Impfquote beschlossen haben, alle Corona-Einschränkungen fallen zu lassen. Als erstes europäisches Land kehren sie zur «Normalität» zurück. Und es wird spannend sein zu verfolgen, ob ihre starke Durchimpfung Schutz genug ist, um auch in der kommenden kalten Jahreszeit ohne erneute Restriktionen durchzukommen.

Israel nicht mehr Impfweltmeister

Hinter den fünf Spitzenländern finden wir mit etwas Abstand England, Norwegen, Niederlande und Frankreich, alle fast gleichauf und kurz vor 65 Prozent, unmittelbar gefolgt von Deutschland und Schweden. Dazu ein interessantes Detail: Israel, das oft als Impfweltmeister bezeichnet wird, liegt mit 61 Prozent genau bei Schweden: Der Weltmeistertitel ist offensichtlich nicht (mehr) gerechtfertigt.
Und wie steht es mit den Osteuropäern? Da liegt Litauen mit 59 Prozent zusammen mit Ungarn, Griechenland und Tschechien an der Spitze – alle noch vor der Schweiz. Dann geht es nach Polen mit 50 Prozent teilweise rasant nach unten: Wir sehen Russland bei 28 Prozent, Kosovo bei 20 Prozent, und am Schluss die Ukraine mit 12 Prozent. Diese Ostländer ziehen den europäischen Schnitt auf 50 Prozent herunter – ein Wert, der im Vergleich zum Weltdurchschnitt von 30 Prozent, aber auf privilegierter Höhe ist.

Impfungen bringen mehr als Lockdown

Die Erkenntnis, dass die Schweiz bei der Impfquote der vollständig Geimpften erst bei gut 50 Prozent steht und damit die westeuropäische Schlusslaterne trägt, ist beunruhigend. Vor allem deshalb, weil die Impfung – mit all ihren Mängeln – das einzige Mittel ist, von dem wir genügend gut wissen, dass es entscheidend zur Eindämmung der Pandemie beiträgt. Ziemlich sicher deutlicher als ein Lockdown, vor allem aber bei weit geringerem Aufwand und weniger Einschränkungen der persönlichen Freiheit.

Die Ängste vor dem Impfen bleiben, und sind meist immun gegen wissenschaftliche Argumente.


Da aber liegt die Crux: Selbstverständlich sind mit Impfen auch Probleme verbunden. Sind die Impfstoffe in so kurzer Zeit genügend getestet? Gibt es nicht auch – sogar gravierende – Nebenwirkungen? Diese Fragen sind berechtigt, und leider gibt es keine Antworten, die völlig eindeutig und risikolos sind. Aber auch wenn bei uns Berichte über Nebenwirkungen des Impfens gesammelt und von der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) ausgewertet und eingeordnet werden, genügt das vielen nicht. Die Ängste bleiben, und sind meist immun gegen wissenschaftliche Argumente.

Alles tun, um die Impfquote zu steigern

Letztlich müssen wir also abwägen zwischen der Angst vor der Erkrankung an Covid-19 und der Angst vor Nebenwirkungen der Impfung. Weil nach den Erkenntnissen unserer unabhängigen wissenschaftlichen Gremien – Swissmedic (und viele weitere Zulassungsbehörden in auf der ganzen Welt) und EKIF – die Wahrscheinlichkeit, an Corona schwer zu erkranken, viel grösser ist, als bei einer Impfnebenwirkung – sehe ich keine guten Gründe, es anders einzuschätzen. Wir sollten ohne Zwang alles tun, um die Impfquote zu steigern, und so wieder alle Freiheiten zurück zu bekommen.

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