Schamlos. Levrat wird Präsident der Post. Sind wir Österreich oder schon Bulgarien?

Schamlos. Levrat wird Präsident der Post. Sind wir Österreich oder schon Bulgarien?

Ein Personalentscheid, den man unter keinem Titel nachvollziehen kann.

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von Markus Somm am 31.3.2021, 15:09 Uhr
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) hat ihren Parteifreund Christian Levrat (SP) zum Verwaltungsratspräsidenten der Post vorgeschlagen – und ein kurioser, bürgerlich beherrschter Bundesrat hat dem sogar zugestimmt. Der ehemalige SP-Präsident Levrat, ein Gewerkschafter und Jurist, der nie in seinem Leben bei der Post, geschweige denn in einem Unternehmen an verantwortlicher Stelle gearbeitet hat, wird so über Nacht zu einem Spitzenmanager in einem Staatsbetrieb, dessen Reform er und seine Partei seit Jahren eher behindert als vorangetrieben haben.
Wenn man je den Bock zu einem Gärtner machen wollte, dann vollzog sich das jetzt, wobei unklar ist, wer der Gärtner ist, wer der Bock: Levrat oder Sommaruga?
Es hat etwas Schamloses. Dass eine Partei so offensichtlich das Leistungsprinzip in den Wind schlägt, nur um einen aus ihrer Sicht verdienten Präsidenten mit einer Sinekure auszustatten, ist allerhand.
Leben wir jetzt also in Österreich oder gar Bulgarien? Gewiss, auch Doris Leuthard von der Mitte tat das Gleiche, als sie Urs Schwaller, Mitte, und ebenfalls ein Berufspolitiker, zum Post-Präsidenten bestimmte. Das macht es nicht besser. Schon das war schamlos – und wie sich heute herausstellt, ein Fehlentscheid. Schwaller tritt früher ab, als ihm wohl lieb ist, besonders im Griff hatte er seine Firma nie.

Elend der Berufspolitiker

Wie weit sind wir gekommen? Offenbar ist es auch in unserem Land inzwischen normal geworden, dass Leute ein Leben lang in der Politik verbringen, um am Ende ihrer Karriere mit einer hochdotierten, staatsfinanzierten, also politisch vermittelten Spitzenposition vertröstet zu werden. Schaller wäre gerne Bundesrat geworden, Levrat vielleicht auch, beide erleben das Glück einer vorgezogenen Frühpensionierung ohne jedes Risiko, ohne den Schmerz, nichts mehr zu sagen zu haben.
Levrat ist 50 Jahre alt. Wie so viele Berufspolitiker, die in jungen Jahren Erfolge feierten, stand er vor der Herausforderung: Was will ich in meinem Leben noch? Gott sei Dank gibt es den Staat und eine Bundesrätin mit dem gleichen Parteibuch. Warum nicht Post-Präsident? Auch eine schöne Aufgabe.
Was in den EU-Ländern eine führende Stelle in Brüssel ist, wenn es darum geht, abgewählte oder abgetretene Politiker zu versorgen, sind in der Schweiz nun die vielen gut bezahlten Ämtlein im Staat, hier eine Kommission, dort ein Präsidiumlein, am liebsten bei einem Staatsbetrieb, wo die höchsten Entschädigungen einzustreichen sind. Levrat erhält für seine neue Stelle (50%) rund 250 000 Franken, – so viel verdiente jedenfalls sein Vorgänger Schwaller laut Geschäftsbericht der Post im Jahr 2018.

Eine Herkulesaufgabe für Levrat

Die Post ist nicht mehr die alte, gemütliche PTT, sondern sie ist ein gigantisches Unternehmen, das in Turbulenzen steckt, in politischen (Postauto-Skandal), aber auch unternehmerischen (Digitalisierung, etc.). Ein Präsidium in so einem anspruchsvollen Kontext einfach einem Parteifunktionär zu überlassen, ist nicht bloss schamlos, sondern auch hoch riskant.
Doch riskant für wen? Nicht für Levrat, der wie Schwaller sich einfach zurückziehen kann, nicht für Sommaruga, die ihr Salär und ihre Rente genauso auf sicher hat, – die Risiken tragen nur zwei Gruppen: Die vielen fleissigen, aber gebeutelten Post-Angestellten, deren Firma nun von einem Politiker geführt wird, der noch nie am Markt einen Franken verdienen musste, und schliesslich wir Steuerzahler, die wir eventuell eine Sanierung zu finanzieren haben, sollte Levrat scheitern. Denn die Post ist ein Staatsbetrieb, das heisst, was immer ihre Manager an Unsinn oder Genialität zu bieten haben, am Ende zahlen wir.

Vom roten und schwarzen Filz

Die Berufspolitiker und ihre teure Frühpensionierung ist das eine, das andere ist die Tatsache, dass Beziehungskorruption offensichtlich bestimmte Parteien mehr durchdringt als andere. Wer lebt vom Filz – und wer nicht? Längst nicht alle Parteien bedienen sich so hemmungslos der offenen Stellen im Bund. Es sind, so scheint es, in erster Linie die SP und die Mitte, während sich FDP und SVP mehr zurückhalten.
Oder haben wir je Vergleichbares von diesen beiden Parteien vernommen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hat Ueli Maurer, als er VBS-Chef war, etwa Toni Brunner, den SVP-Präsidenten zum Chef der Ruag erhoben, dem Rüstungsbetrieb des Bundes? Oder würde Ignazio Cassis (FDP) je erwägen, Petra Gössi (FDP) als Botschafterin nach Washington zu schicken und ihr gleichzeitig eine Professur in Genf antragen, damit es ihr nicht langweilig wird?
Es ist schwer zu verstehen, dass ausgerechnet diese beide Parteien, die (noch) über eine Mehrheit im Bundesrat verfügen, einen solchen Personalentscheid mittragen. Oder hat man ihnen zugesichert, die nächsten zwei Bundesweibel zu stellen?

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