Referendum in Rekordzeit: Die eindrückliche Mobilisierungskraft der Verfassungsfreunde

Referendum in Rekordzeit: Die eindrückliche Mobilisierungskraft der Verfassungsfreunde

Eine grosse Kartei an Email-Adressen, Wurfsendungen der Post – und nicht zwingend viel Social Media. Das sind derzeit die Erfolgsfaktoren der Graswurzelbewegung. Ob das die perfekte Strategie oder nur kurzfristig erfolgreich ist, wissen aber auch die Verantwortlichen nicht genau.

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von Sebastian Briellmann am 23.7.2021, 04:00 Uhr
Gute Laune: Michael Bubendorf und Sandro Meier – die Köpfe der Verfassungsfreunde. Foto: Sebastian Briellmann
Gute Laune: Michael Bubendorf und Sandro Meier – die Köpfe der Verfassungsfreunde. Foto: Sebastian Briellmann
Irgendwann hat es Michael Bubendorf einfach versucht, und beschwingt einen Brief geschrieben, in dem er die «Freunde der Verfassung» vorgestellt hat, die Ziele erklärt und die Wichtigkeit des Anliegens beteuert auch – «es lag doch auf der Hand», sagt Bubendorf lachend, «dass wir wenigstens versuchen müssen, um Unterstützung zu bitten.»
Der Adressat seines Schreibens: Christoph Blocher.
Der SVP-Doyen sollte dann kein Supporter der Verfassungsfreunde werden, und er ist es auch bis heute nicht geworden, aber diese kleine Anekdote zeigt: Gesucht wird der Austausch mit den grossen Playern – mit dem Selbstvertrauen, ebenfalls zu diesen zu gehören.
Und dies exakt ein Jahr nach der Gründung: Dieser Freitag ist der erste Geburtstag eines Vereins, der von der NZZ bereits als «neue Grossmacht in der direkten Demokratie der Schweiz» geadelt wird. (Lesen Sie hier das Porträt über die «Freunde der Verfassung»)
Wie macht man das?

Reichlich Engagement

Michael Bubendorf und Sandro Meier, die zwei prägenden Figuren der Verfassungsfreunde, blicken sich einen Moment lang an. Den Erfolg erklären? Gar nicht so einfach. Man hat das Gefühl, so ganz genau wissen auch sie nicht, wie aus einem ersten Treffen auf dem Rütli in nur zwölf Monaten eine Bewegung mit Hunderttausenden von Sympathisanten geworden ist. Vielleicht kann man das auch gar nicht.
Bleibt die Option des Erklärungsversuches. Meier sagt: «Was es für den Erfolg zuerst einmal braucht, ist Engagement – das zählt für uns, als mittlerweile grosser Verein, genauso wie für einen kleinen Buchclub mit fünf Mitgliedern. Und wir, das sage ich mit Stolz, haben reichlich Engagement.»
Das lässt sich mit Zahlen ganz gut einordnen: Es gibt über 100 regionale Gruppen, die sich selbstständig organisieren, Unterschriften sammeln, Plakate von der Zentrale ordern – ohne, dass das Hauptquartier gross eingreifen muss. Trotzdem kosten solche Aktionen Geld.

Keine Garantie

Wer die Verfassungsfreunde finanziert, wird nicht verraten. Bubendorf sagt: «Dreiviertel unserer Einnahmen kommen von den Mitgliedsbeiträgen und Kleinstspenden. Das andere Viertel sind Privatpersonen, die vier- oder fünfstellige Beträge geben.» Bisher habe man einmal sogar einen sechsstelligen Betrag erhalten.
Dieses Geld richtig einzusetzen: Das ist die Krux, die Marketingfachleute bis heute beschäftigt. Der Industrielle Henry Ford hat mit einem Satz die Branche geprägt: «Ich weiss, die Hälfte meiner Werbung ist rausgeworfenes Geld. Ich weiss nur nicht, welche Hälfte.» Das mag heute insofern nicht mehr ganz richtig sein, da die Effekte in der Onlinewerbung genau gemessen werden können: Eine allgemein gültige Garantie, wie die Werbung genau (und langfristig) auf die Menschen wirkt, gibt es aber nicht.

«Wir haben für das zweite Referendum gegen das Covid-Gesetz explizit jene Gemeinden angeschrieben, die bei der ersten Abstimmung ein Nein in die Urne gelegt haben.

Michael Bubendorf

Um solche Unwägbarkeiten bestmöglich zu umgehen, haben sich die Verfassungsfreunde auf wenige, aber effektive Massnahmen konzentriert. Entscheidend für den flächendeckenden Erfolg – etwa das Sammeln von 190’000 Unterschriften in mickrigen drei Wochen – ist eine Kartei von über 100’000 Email-Adressen. Einfacher gelangt man kaum mit den Adressaten in Kontakt, auch wenn die Aufmerksamkeit dieser im heutigen Wust der elektronischen Post nicht garantiert ist.
Clever ist sicher auch die Strategie, auf jene Orte zu setzen, in denen viele Unterstützer leben. Bubendorf sagt: «Wir haben für das zweite Referendum gegen das Covid-Gesetz explizit jene Gemeinden angeschrieben, die bei der ersten Abstimmung ein Nein in die Urne gelegt haben. Das geht dank eines Wurfsendung-Angebots der Post ganz simpel.» In linksgrün dominierten Städte wie Basel, Bern und Zürich wird dagegen nicht investiert.

Wenig Reichweite

Dank der bienenfleissigen Basis, über 12’000 Mitglieder stark, ist auch ein weiteres analoges Marketinginstrument beliebt: Hohlkammerplakate. «Das hat zwar seinen Preis», sagt Meier, «hat sich aber als sehr effektiv erwiesen.» Interessant ist die Tatsache, dass die Verfassungsfreunde, au contraire sozusagen, ihre Anliegen kaum online bewerben. Die Accounts in den Sozialen Medien haben wenig Reichweite.
Warum ist da so, wo heute doch jeder auf die Macht des Internets setzt? Bubendorf sagt: «Wir wollen politische Wirkung bei den Abstimmungen erzielen, deshalb setzen wir gezielt auf Kommunikation mit Menschen, die auch an Abstimmungen teilnehmen. Wir haben hierfür durchaus auch auf Online-Werbung gesetzt, jedoch nicht auf den Aufbau einer grossen, eigenen Präsenz auf Social Media»

«Wir dürfen nur unterstützen, wo die allermeisten Mitglieder gleicher Meinung sind. Sonst kannibalisieren wir uns selber.»

Michael Bubendorf

Am Ende ist dies von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist, gerade für junge Bewegungen, eine untadelige Glaubwürdigkeit. Das treibt auch Bubendorf um: «Wir dürfen nur unterstützen, wo die allermeisten Mitglieder gleicher Meinung sind. Sonst kannibalisieren wir uns selber.»
Ein Beispiel, dass sich die Verantwortlichen diesem Risiko bewusst sind, ist die «Ehe für alle», die im Herbst vors Volk kommt. Die Verfassungsfreunde sind von einer Partei Organisation angefragt worden, ob sie im Abstimmungskampf mithelfen würden. Bubendorf sagt: «Wir haben das kurz geprüft, aber schnell abgelehnt – da die Meinungen an der Basis total auseinandergehen.»
In solchen Fällen gilt es, die Bewegung nicht zu spalten. Kommt das Angebot von aussen, ist das nicht so schwer. Geht es um die eigene Initiative, die ja kommen soll, wird es schon heikler. Ist der Kitt dieser rasend schnell wachsenden, enorm heterogenen Gruppe nicht einfach die umstrittene Corona-Politik?

Unenziehbare Kompetenzen

Meier und Bubendorf sind sich sicher, dass dem nicht so ist, aus dieser Graswurzelbewegung sogar eine politische Partei werden könnte. Das wird nun evaluiert.
Wo nimmt man dabei Rücksicht auf die Meinung Einzelner, wo muss man als Verantwortliche einfach entscheiden? Meier sagt: «Dies ist in den Statuten der Verfassungsfreunde geregelt: Die Beschlussfassung über die Wahrnehmung von Volksrechten, namentlich das Ergreifen von Referenden und die Lancierung von Initiativen, gehören zu den unentziehbaren Kompetenzen der Mitgliederversammlung.» Diese werde auch über die Beteiligung der Verfassungsfreunde an Wahlen entscheiden. «Klar ist: Wir wollen weiter mitreden – bis die Politik wieder zur Vernunft gekommen ist.»

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