Pandemiebekämpfung: Note ungenügend

Pandemiebekämpfung: Note ungenügend

Bund und Kantone haben beim Testen, Tracen und Impfen zögerlich gehandelt. Eine Bilanz nach einem Jahr Covid-19.

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von Dominik Feusi am 20.3.2021, 10:59 Uhr
Gemäss Epidemiologen hat die Schweiz zu spät mit Massentests begonnen. Bild: Shutterstock
Gemäss Epidemiologen hat die Schweiz zu spät mit Massentests begonnen. Bild: Shutterstock
Testen, Tracen und Impfen: Experten fordern seit Beginn der Pandemie, das Virus mit mehr Tests, rascher Verfolgung der Ansteckungsketten und schneller Impfung zu bekämpfen. Dies sei die Voraussetzung für weitere Öffnungsschritte. Bund und Kantone haben diese Aufgabe übernommen. Nach einem Jahr Pandemie sieht die Bilanz durchzogen aus. «Weil Bund und Kantone zu wenig tun, um Testen, Tracen und Impfen zu verbessern, bleibt dem Bundesrat nur noch der Lockdown-Hammer», sagt Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte bei Comparis.

Lange zuwenig Tests

Vor kurzem, ein Jahr nach den ersten Fällen, verkündete Alain Berset eine Testoffensive. Die ganze Bevölkerung soll sich gratis testen lassen können. Die Tests sollen in Apotheken und Testzentren möglich sein. Sobald Selbsttests zugelassen sind, soll jeder kostenlos fünf pro Monat erhalten, um sich zu Hause testen zu können. Die Testoffensive kommt Monate nach ähnlichen Bestrebungen in Nachbarländern. Für Experten kommt sie zu spät. Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner sagte Anfang Februar der NZZ: «Wir haben in der Tat Zeit verloren, indem wir die neuen Testmöglichkeiten zu lange nur ungenügend gezielt eingesetzt haben.»
Die Schweiz hinkt jedoch schon bei der Zulassung einfacher Schnelltests den Nachbarländern hinterher, wie die Sonntagszeitung berichtete. Dort sind solche seit Monaten millionenfach im Einsatz. Hier hofft Alain Berset, dass dies «in den nächsten Wochen» der Fall sein wird. Diese Woche hiess es vom Bundesamt für Gesundheit (BAG), es werde nun doch April.

BAG lässt Gesuche liegen

Beim BAG liegen seit Mitte Januar entsprechende Zulassungsgesuche von Tests mit einer Sicherheit von 94 %, ein Prozentpunkt weniger als der heute eingesetzte PCR-Test. Alain Berset sagte trotzdem, es gebe keine verlässlichen Selbsttests auf dem Markt. Die Zurückhaltung des BAG bei der Zulassung hat einen anderen Grund. Das Bundesamt verliere die Kontrolle über die Testresultate, warnte Patrick Mathys. stellvertretender Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG vor den Medien. «Dann wird es schwierig, die Epidemie zu überwachen, denn diese Tests werden nicht mehr gemeldet werden.»
Auch an der Grenze führte der Bundesrat erst Anfang Februar eine Testpflicht ein. Zahlreiche Länder haben bereits im Sommer damit begonnen, um insbesondere Rückkehrer aus den Ferien auf das Virus zu testen und allenfalls in Isolation zu schicken. Die zweite Welle in der Schweiz setzte nicht nur nach der ersten Kältewelle im Oktober, sondern auch gut zehn Tage nach dem Ende der Herbstferien ein. Erfolgreiche Länder wie Taiwan und Südkorea haben von Anfang an Einreisende rigoros getestet und auch damit die Pandemie deutlich besser kontrolliert als die Schweiz.

Note: 3 (ungenügend)


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Mit dem Contract Tracing sollen möglicherweise infiszierte rasch benachrichtigt werden können. Bild: Shutterstock

Zu wenig Contact Tracing

Ist jemand positiv getestet, muss er isoliert werden, damit er niemanden mehr anstecken kann. Gleichzeitig versucht das Contact Tracing herauszufinden, wer durch die Person schon angesteckt worden ist. Diese Personen werden dann vorsorglich in Quarantäne geschickt und ebenfalls getestet. Damit soll die Ansteckungskette des Virus unterbrochen und die Pandemie eingedämmt werden.
Dieses Contact Tracing wird von den Kantonen übernommen. Allein der Kanton Zürich setzt mittlerweile 800 Tracer ein, welche mögliche Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig machen und benachrichtigen. Das war vor einem halben Jahr noch anders: Kaum rollte im letzten Oktober die zweite Welle an, waren die Kantone mit der Aufgabe heillos überfordert. In Zürich oder auch in Schwyz wurden die Infizierten zur Mithilfe bei der Benachrichtigung von Kontakten aufgefordert. In Schaffhausen musste der Zivilschutz aushelfen. Mit ein Grund für die Misere: es bestand keine Datenbank und die Tracer mussten die Kontakte in Excellisten eintragen und diese von Hand abgleichen. Erst im Januar 2021 sollten die Kantone eine gemeinsame elektronische Datenbank aufbauen. Geschafft haben sie dies gmäss BAG erst Ende Februar.
Das grösste Problem ist, dass sich die Infizierten oft gar nicht mehr daran erinnern, mit wem sie in den letzten Tagen Kontakt gehabt haben. Abhilfe schaffen sollte da die Swiss Covid-App, die zwar von fast drei Millionen Nutzern heruntergeladen wurde, jedoch nur von gut der Hälfte auch gebraucht wird, Tendenz sinkend.
Hinzu kommt, dass das BAG mehrere Angebote ausgeschlagen hat, Kontaktdaten von Privaten für das Contact Tracing zu verwenden, wie die Sonntagszeitung berichtete. Restaurants und Veranstalter mussten auf Geheiss des Bundes seit dem vergangenen Mai Daten der Besucher sammeln. Darauf entstanden insgesamt zwölf Anbieter von elektronischen Lösungen dafür. Deren Daten decken nach eigenen Angaben 85 Prozent der Kontakte ab. Damit könnten in sekundenschnelle alle Personen gewarnt werden, die sich im gleichen Raum wie eine infizierte Person aufgehalten haben, auch solche welche die Swiss-Covid-App nicht verwenden oder sie nicht aktiviert haben. Alain Berset verteidigte die Haltung des Bundes damit, dass er den Kantonen keine Lösung vorschreiben dürfe.

Note: 2 (schlecht)


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Die Schweiz hat zu wenig Impfstoff bestellt. Bild: Shutterstock

Zu wenig Impfstoff

Anfang Jahr sagte BAG-Chefin Anne Levy gegenüber SRF, die Kantone müssten «bis in die Nacht hinein impfen, und auch am Wochenende.» Dann schaffe man es, jene, die sich impfen lassen wollten bis im Juni zu impfen. Der Bund rechnet mit 5,25 Millionen Menschen. Damit wären 60 bis 70 Prozent der Erwachsenen geimpft. Bloss: Der dazu notwendige Impfstoff fehlt. Das liegt einerseits an der weltweiten Nachfrage an Impfstoff und an den Lieferschwierigkeiten, die bei allen Herstellern zu Verzögerungen geführt hat.
Das BAG hat bei der Impfstoffbeschaffung einiges richtig gemacht. Im vergangenen Mai gab es rund 200 Kandidaten und es war fast unmöglich, vorauszusehen, wer wie schnell einen ebenso wirksamen wie sicheren Impfstoff herstellen würde. Die Schweiz setzte auf die neuartige mRNA-Technologie. Dabei wird nicht wie bei herkömmlichen Impfstoffen ein unschädlich gemachtes Virus oder Teile davon gespritzt, sondern bloss der Bauplan. Dieser löst dann eine Abwehrreaktion aus, welche den Körper schützen soll.
Entsprechend bestellte das BAG früh 4,5 Millionen Dosen Impfstoff bei Moderna und etwas später drei Millionen Dosen bei Pfizer/Biontech, welche diese Technologie einsetzen. Diese Bestellungen reichten jedoch nicht einmal für die Hälfte der Bevölkerung. Wie das BAG auf diese Zahlen gekommen ist, legt das Bundesamt nicht offen. Bei AstraZeneca wurden 5,3 Millionen Dosen bestellt. Letzte Woche bestellte der Bund noch einmal drei Millionen Dosen bei Pfizer. Doch trotzdem hinkt die Schweiz beim Impfen weit hinterher, nicht nur gegenüber Grossbritannien, sondern auch gegenüber Serbien oder Marokko.

Angebot von Moderna ausgeschlagen

Da Moderna den Impfstoff bei der Lonza in Visp herstellen lässt, habe Lonza angeboten, sich bei Moderna für eine grössere Liefermenge einzusetzen. Man habe Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Gesundheitsminister Alain Berset kontaktiert. Diese hätten jedoch gemäss der Zeitschrift Bilanz abgelehnt. Gemäss dem Sonntagsblick hätte der Bund auch bei Pfizer früher und Mehr Dosen bestellen können, lehnte aber ab. Und der bestellte beim britischen Hersteller AstraZeneca bestellte Impfstoff wurde bis heute nicht zugelassen, es gibt Zweifel an seiner Sicherheit. BAG-Chefin Levy sagte dennoch kürzlich gegenüber der Aargauer Zeitung: «Wir werden AstraZeneca einsetzen. Es ist ein guter Impfstoff.» Und auf den in Bümpliz produzierten Impfstoff von Johnson&Johnson verzichtet der Bund sogar, dies, obwohl er in der Schweiz zugelassen wäre. Angeblich, weil er erst im Herbst geliefert würde. Insider der Firma sagen gemäss Sonntagsblick, eine Lieferung im zweiten Quartal wäre möglich gewesen, wenn das BAG rechtzeitig bestellt hätte.
Israel und Grossbritannien haben Gerüchten zu Folge mehr und rascher Impfstoff erhalten, weil sie einen deutlich höheren Preis bezahlt haben, dies berichtete Reuters unter Berufung auf ein Regierungsmitglied. Israel hat Pfizer zudem die Daten der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Und wurde so rascher beliefert.
Der Bund hat insgesamt 400 Millionen Franken für die Beschaffung von Impfdosen bereitgestellt. Der Lockdown kostet allerdings gemäss der wissenschaftlichen Taskforce 100 Millionen Franken pro Tag. Angesichts dieser Kosten wäre ein höherer Preis zweifellos zu verkraften gewesen, wenn damit die Restriktionen früher wieder aufgehoben könnten. Die Verzögerung beim Impfen hat Folgen. Vor zehn Tagen revidierte das BAG an einer Medienkonferenz denn auch die Aussagen der Amtschefin. Jetzt ist von "Ende Juni" die rede, bis das alle, die es wollen geimpft sein sollen.

Note 3 (ungenügend)

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