Nur noch dreimal schlafen bis Konsumrausch

Nur noch dreimal schlafen bis Konsumrausch

Als der Kaufrausch noch in den Windeln lag, war er ein niedliches Kerlchen, das nur gelegentlich seine kleinen Hände begehrlich nach Dingen ausstreckte, die sich in Reichweite befanden. Mit den Jahren aber änderte sich das.

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von Gerd Karpe am 23.11.2021, 08:00 Uhr
André Poloczek
André Poloczek
Der Kaufrausch entwickelte als Kind eine zupackende Energie, die so manchen das Fürchten lehrte, weil der lebhafte Knabe keine Ruhe gab, bevor eines der Regale gähnend leer war. Bei aller Liebe zum Umsatz ging mit den Auftritten des Kaufrausches eine erschreckende Unordnung einher, wie man sie bis zum heutigen Tage bei Ausverkäufen an Ramschtischen erleben kann.

Halli und Hallo

Ladenbesitzer und Verkaufspersonal verloren in der Hektik die Übersicht und mussten sich am Ende fragen, ob denn alles ordentlich abgerechnet und bezahlt worden war. Da es auf diese Weise immer wieder zu Unregelmässigkeiten kam, sahen einige Geschäftsleute den Kaufrausch lieber gehen als kommen. Den aber kümmerte das nicht, wenn er mit Halli und Hallo durch die Stadt zog.
Die Kaufrauschdroge war von Kindesbeinen an das Bargeld. Mit leuchtenden Augen liess er die Scheine knistern und die Münzen klimpern. Das war für ihn die grosse Einkaufs-Ouvertüre, die ihn an Tagen wie dem Black Friday so richtig in Stimmung brachte. War das Geld futsch, verfiel der Kaufrausch in tiefe Depressionen, weil er sich seines Lebensinhaltes beraubt fühlte. Eine Zeitlang probierte er es mit Krediten. Aber die Banken wurden rasch hellhörig und sperrten seine Konten. Zudem waren dem Kaufrausch Kleinkredite viel zu klein, und an das grosse Geld kam er nicht heran, weil die Sicher­heiten, die er zu bieten hatte, für die Katz waren.
Als das Dasein für den Kaufrausch schier unerträglich zu werden begann, begegnete er der Konsumorgie. Bei einem gemeinsamen Bummel durch die Geschäfte der Innenstadt kamen sie sich näher und waren alsbald ein unzertrennliches Paar. Die Konsumorgie, ein raffiniertes Luder, konnte über seine Finanzprobleme nur lächeln und verriet ihm ihr Zauberwort, das Kreditkarte hiess. Mit dem Plastikkärtchen in der Hand fanden sie offene Türen und gefüllte Regale.

Konten plündern

Hei, war das ein Einkaufsfest! Der Rubel rollte, Verkäuferinnen erbleichten, und die beiden umarmten sich und zogen singend durch die Stadt. Eines Tages jedoch waren alle Konten geplündert. Die Kreditkarten schrumpften auf ihren Plastikwert und waren reif für den Abfall. Die fröhliche Konsumwelt verlor ihren Glanz, und der Kaufrausch erklärte sich bereit, eine Entziehungskur zu machen. «Kopf hoch, alter Junge!», ermunterte ihn seine Gefährtin. Und tatsächlich, sie hatte eine glänzende Idee. Die beiden belegten einen Computerkurs, kauften sich von dem letzten Geld einen PC und machten sich ans Werk.

Grimmiges Vergnügen

Heute surfen sie auf allen Kanälen im Internet und schlagen beim Online-Shopping eiskalt zu. Noch wiegen sich die Betreiber jener Online-Handelshäuser in virtueller Sicherheit. Der Kaufrausch und die Konsumorgie lassen indessen ihrer kriminellen Energie freien Lauf. Sie verstehen es, elektronische Sperren cool zu knacken. Dabei scheuen sie keinerlei Risiko. Mit grimmigem Vergnügen hocken sie vor dem Laptop, krümmen die Finger zum Anschlag und summen dazu ein fröhliches Weihnachtslied.

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