No Woman, no Auflage

No Woman, no Auflage

Ringier will mehr über Expertinnen, Bäuerinnen und Politikerinnen schreiben. Männer sollen als Kindergärtner porträtiert werden. Der Verlag erhofft sich dadurch mehr Leserinnen. Die zieren sich aber noch.

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von Gast Autor am 21.5.2021, 11:00 Uhr
Ringier will Männer auch als Kindergärtner und Floristen porträtieren. Bild: Screenshot / Ringier
Ringier will Männer auch als Kindergärtner und Floristen porträtieren. Bild: Screenshot / Ringier
Der Verleger, der CEO, der oberste Chefredaktor: Mann, Mann, Mann. Wer beim Blick die Karriere hochklettern will, hat als Mann die besten Chancen. Auch im oberen Kader ist die Männertoilette häufig besetzt: Von den 27 Stellen in der Chefredaktion und den Kaderpositionen der redaktionellen Ressortabteilungen werden 22 von Männern besetzt.
Dieses Ungleichgewicht ist dem Verlag natürlich bekannt und peinlich. Die 22 Männer müssen aber nicht um ihre Jobs bangen. Ringier setzt seine Schwerpunkte anderswo: In der Berichterstattung sollen Frauen mehr Gewicht erhalten. 75 Prozent der Medienberichte handeln über Männer, schreibt Ringier.
Im November 2019 wurde von Ringier das Projekt EqualVoice lanciert. Ziel sei es, «Frauen in der Berichterstattung sichtbarer zu machen und ihnen die gleiche Stimme zu geben.» Seitdem ist viel gelaufen. Eine aufwändige Recherche habe gezeigt, dass der «Blick» im Jahr 2019 die Frauen in den Berichterstattungen nur zu 28,5 Prozent erwähnte. Dank EqualVoice konnte der Anteil letztes Jahr um 1,5 Prozent erhöht werden.
Die Erfolgsgeschichte soll aber weitergehen. Der «Roll-out» der EqualVoice-Initiative soll dieses Jahr auch die zwölf osteuropäischen Zeitungen, die zur Ringier-Gruppe gehören, erfassen, heisst es im Jahresbericht.
Dass beim Blick der Frauenanteil nochmals um 1,5 Prozent steigt, dafür ist Katia Murmann verantwortlich. Die Chefredaktorin von Blick.ch ist eine grosse Anhängerin von EqualVoice. Mehr Texte über Frauen sollen den Verlag vorantreiben. Murmann: «Mehr Diversität bedeutet mehr Erfolg.» Hoffentlich erfüllt sich das. Mit 95’944 Abos (2020) liegt die Auflage der Boulevardzeitung so tief wie seit knapp 60 Jahren nicht mehr.
Unterstützung erfährt Ringier durch das Advisory Board von EqualVoice, das «hochkarätig» besetzt ist. Unter anderem mit Köchin Tanja Grandits, Ingrid Deltenre und Pascale Baeriswyl. Baeriswyl ist Diplomatin und Chefin der Ständigen Mission der Schweiz bei den Vereinten Nationen. Die Personalie erstaunt ein wenig: Eine vollamtliche Diplomatin in New York soll die Berichterstattung des Blicks weiblicher machen?
Das EDA beschwichtigt: Der Aufwand von Baeriswyl sei äusserst bescheiden: Zweimal im Jahr nimmt sie an einer Videoschalte teil. Dauer: 2 Stunden. Ringier bestätigt diese Angaben. Auch die anderen Frauen treffen sich an diesen zwei Videokonferenzen.
Was kommt da raus, wenn sich insgesamt zehn Frauen zusammenschalten und über die Männerberichterstattung diskutieren? Die Sitzungen «sind sehr ergiebig und produktiv», antwortet Ringier. In den zwei Stunden kämen immer wieder neue Projektideen auf den Tisch.
Zum Beispiel EqualPyxx. Damit soll auch die «Visibilität» der Frauen erhöht werden, also mehr Bilder von Frauen. Mehr Fotostrecken. Insgesamt wolle man so «Stereotypen aufbrechen und die Diversität zeigen: Frauen in Geschäftsleitungspositionen, Männer als Kindergärtner.», sagt Annabella Bassler, CFO Ringier.

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