Neue Covid-Vorschriften für die Schweiz: Totale Ernüchterung

Neue Covid-Vorschriften für die Schweiz: Totale Ernüchterung

Wer ist der Feind? Ungeimpfte oder das Virus? Wie geht es weiter in der Schweiz? Ein Bericht aus der Medienkonferenz.

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von Serkan Abrecht am 8.9.2021, 16:18 Uhr
«Die Lage ist ernst»: Alain Berset. Bild: Keystone-SDA.
«Die Lage ist ernst»: Alain Berset. Bild: Keystone-SDA.
«Schluss mit Schreckensszenarien und Angstmacherei», konnte der «Nebelspalter» noch Ende Juni, kurz vor den Sommerferien, schreiben (Lesen Sie hier). Damals machte Gesundheitsdirektor Alain Berset (SP) der Schweiz Hoffnung. Er schlug optimistische Töne an, vieles machte wieder auf.
Restaurants, Clubs, Stadien konnten öffnen, Hochzeiten und Schwingfeste wurden organisiert. Der Sommer durfte kommen. «Die Schweiz scheint aus der Krise zu sprinten», war das Fazit. Heute kam der Sommerkoller in Gestalt von Alain Berset. Die Zertifikatspflicht wird schweizweit ausgeweitet (hier geht es zu den aktuellen Massnahmen). Es sei die einzige Möglichkeit, um die Schweiz vor einem Lockdown zu bewahren, sagt Berset. «Die Lage ist kritisch.» Einmal mehr.
Die Intensivstationen seien überlastet, weshalb diese Massnahmen notwendig sind, argumentierten Berset und Lukas Engelberger (CVP), Präsident der Konferenz der Gesundheitsdirektoren.
Überrascht haben die Massnahmen und die Argumente der Herren niemanden mehr. Die Massnahmen wurden vorgängig in einem breiten medialen Crescendo angekündigt. Und trotzdem herrscht Ernüchterung. Vorbei ists mit dem Optimismus und einem baldigen Ende der Krise.

Grenzschwelle nicht erreicht

Alain Berset setzt zu Beginn der Medienkonferenz eine Trauermiene auf. «Gemeinsam sind wir seit 18 Monaten in dieser nicht einfachen Situation. Brutale Restriktionen mussten verabschiedet werden. Doch momentan ist die Situation instabil.» Doch genau gesehen spalten sich schon hier die Geister. Was heisst den «instabil»? Die Fallzahlen sind momentan stabil, stagnieren sogar, ebenso die Spitaleintritte.
«Wir haben nirgends mehr Kapazitäten», sagt Berset dann auch noch und meint die Intenisvplätze in den Spitälern. Diese sind zu 77 Prozent ausgelastet. Dabei ist die Grenzschwelle von 300 Intensivplätzen für Covid-Patienten, wie sie das BAG selbst festgelegt hat, nicht erreicht. In den ersten beiden Wellen waren die Patientenzahlen mehr als doppelt so hoch (lesen Sie hier unseren Bericht). Die Frage bleibt auch: wie weiter?

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«Es wurden keine Intensivplätze abgebaut»: Lukas Engelberger. Bild: Keystone-SDA

Alain Berset sagt, dass man mit den Impfungen «vorwärtsmachen» müsse. In der Schweiz sind 52 Prozent der Gesamtbevölkerung und ungefähr 70 Prozent der Erwachsenen geimpft. Aber es scheint nicht zu reichen – obwohl es dies müsste. Denn eigentlich befindet sich die Schweiz gemäss dem bundesrätlichen Drei-Phasen-Modell in der «Normalisierungsphase».
Und diese definierte der Bundesrat im April so: «Sind alle impfwilligen erwachsenen Personen vollständig geimpft, beginnt die Normalisierungsphase. Der Bundesrat ist der Ansicht, dass dann keine starken gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen mehr zu rechtfertigen sind.»
Und weiter: «Die verbleibenden Massnahmen (Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen) sollen schrittweise aufgehoben werden. An dieser Strategie soll auch dann festgehalten werden, wenn die Impfbereitschaft der Bevölkerung entgegen den Erwartungen tief bleibt.» Gemäss diesem Argumentarium sollten doch eigentlich Massnahmen fallen und nicht neue eingeführt werden. Der «Nebelspalter» bittet Alain Berset dazu zu einer Stellungnahme.
Berset zur Normalisierungsphase
«Aber es ist auch klar in diesem Phasenmodell niedergeschrieben, dass eine Überlastung des Spitalsystems – und das ist genau der Punkt, der jetzt droht – eine neue Ausgangslage schaffen wird», antwortet der Bundesrat. Das Versprechen von damals, es war also nie eines.

Wieso ausgerechnet jetzt?

Doch auch andere Journalisten werden stutzig. Ein NZZ-Redaktor fragt Berset, weshalb er denn jetzt Massnahmen einführt, wo sich die Zahlen ja wieder stabilisiert haben und tiefer sind und es nicht letzte Woche getan hat, wo sie noch höher waren? Daraufhin kommt der Bundesrat ins Schlingern. Er verweist darauf, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder ansteige, man wolle kein Risiko eingehen. Stets wird das Argument der Überlastung der Spitäler ins Feld geführt. Doch wann sind diese denn überhaupt überbelastet? Alain Berset kann und will das nicht so genau sagen. Klar ist nur: in der Vergangenheit waren sie deutlich höher.
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«Der Feind sei immer noch das Virus»: Guy Parmelin. Bild: Keystone-SDA.

Ein Journalist des «Tagesanzeiger» wollte deshalb von Lukas Engelberger wissen wo all die Betten hin sind. So standen in den ersten beiden Wellen über 1000 Intensivbetten zur Verfügung. Nun sind es noch 850. Wie viele Betten wurden denn mittlerweile abgebaut, fragte der Tagi-Journalist? «Kein einziges», sagt Engelberger. Eine Aussage, die einige Anwesende nicht zufriedenstellt.
Eine Journalistin, sichtlich ernüchtert nach dieser eineinhalbstündigen Pressekonferenz, fragt Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) zum Abschluss: «Also es klingt schon so, dass momentan nicht das Virus der Feind ist, sondern ungeimpfte Menschen.» Der Feind sei immer noch das Virus, nicht die ungeimpften Personen, erwidert Guy Parmelin. Man versuche einfach, die schwierige Situation zu lösen, um eine erneute Schliessung von Lokalen zu verhindern.

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