Nationale Impfwoche – nationaler Flop

Nationale Impfwoche – nationaler Flop

Es hätte ein Festival des Impfens werden sollen, ein Rütlischwur der Impfgenossen, stattdessen liessen sich ein paar verlorene Seelen mehr impfen. Kostenpunkt: 96 Millionen Franken. Was wäre zu tun? Ein paar Vorschläge.

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von Markus Somm am 13.11.2021, 04:04 Uhr
Die Konzerte der Impfwoche fanden zum Teil fast ohne Publikum statt. Sehr wenige liessen sich impfen. Im Bild: Stefanie Heinzmann.
Die Konzerte der Impfwoche fanden zum Teil fast ohne Publikum statt. Sehr wenige liessen sich impfen. Im Bild: Stefanie Heinzmann.
Die nationale Impfwoche, angekündigt auf allen Kanälen, auf Plakaten, in den Medien, ja selbst auf den Leuchtanzeigen der Autobahn, wo man sonst vor einem Stau am Gotthard gewarnt wurde – diese grösste staatliche Motivationskampagne seit vielleicht der Geistigen Landesverteidigung in den 1930er Jahren: Sie ist gescheitert, vermutlich grandios, sicher mit enormen Kostenfolgen. 96 Millionen Franken schüttete der Bund aus, um eine im internationalen Vergleich peinlich tiefe Impfquote in die Höhe zu treiben. Ohne sichtbaren Erfolg.
Wenn sich jemand impfen liess, dann eher ältere, bereits doppelt Geimpfte, die die günstige Gelegenheit nutzten, sich den Booster, die dritte Impfung, zu beschaffen. Günstig, weil die Impfzentren leer standen, und das Personal froh war, wenigstens etwas Sinnvolles tun zu können. Offiziell gibt es den Booster noch nicht. Gewiss, da und dort mag sich ein Einzelner, echt Ungeimpfter eines Besseren besonnen haben, doch er gehört einer der kleinsten Minderheiten der Gegenwart an: nämlich zu jenen Leuten, die sich noch keine Meinung zum Impfen gemacht haben. Wer kein Problem mit der Impfung hat, ist geimpft, wer es noch nicht getan hat, so die Erkenntnis, lässt sich kaum mehr umstimmen.

Vor leeren Rängen

Noch fehlen die endgültigen Zahlen, noch steht eine offizielle Bilanz aus. Doch die anekdotische Evidenz ist erdrückend: Konzerte, wo kaum jemand auftauchte, geschweige denn sich impfen liess, Impfnächte ohne Kunden, Impfbusse ohne Interessenten, selbst die Medien, die sich zuerst so viel Mühe gegeben hatten, positiv, ja begeistert von diesem staatlichen Festival des Impfens, dieser Impf-Expo, diesem Rütlischwur der Impfgenossen zu berichten, kamen nicht umhin, stattdessen von einem Desaster zu erzählen.
Eindrücklich eine Reportage des Tages-Anzeigers aus Riemenstalden im Kanton Schwyz: 89 Einwohner, 9 Schüler, mehrheitlich wohl ungeimpft, wo am Montag deshalb im Gemeindehaus eine Ärztin, zwei Beamten (für das Zertifikat), eine Rettungssanitäterin und zwei Sicherheitsleute, insgesamt sechs Leute, stationiert wurden, in der Hoffnung, einen Riemenstalder zur Impfung verführen zu können. Alles hatte man getan, um es den Kunden möglichst angenehm zu machen, so dass man sich höchstens fragt, warum das Team nicht gerade jeden Haushalt persönlich aufgesucht hatte: mit Blumen, Kuchen, einer Flasche Wein und Geschenken für die Kinder, eine Art Impf-Samichlaus; doch selbst diese medizinisch-karitative Darreichung wäre wohl nicht goutiert worden. Die Impftruppe im Gemeindehaus wartete und wartete und wartete. Niemand kam. Dann brach man ab. Riemenstalden will vom Bund nichts wissen.
Der Bund. Die Zentrale. Die in Bern oben. Wer dieses Land und dessen Einwohner, besonders in Gegenden wie Riemenstalden kennt, wäre wohl nie auf die Idee gekommen, eine «nationale Impfwoche» vorzunehmen. Staat als Beglücker, Staat als Konzertveranstalter, Staat als Spassmacher: Der Schweizer reagiert auf solche von ihm selbst zu finanzierenden Schmeicheleien eher allergisch. Man durchschaut die Absicht und ist verstimmt.

Hohe Impfquote als Fetisch

Gewiss, eine hohe Impfquote hätte etwas Beruhigendes, besonders für die Behörden, die seit Monaten nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden sind. Immer steigen die Fallzahlen wieder, immer scheinen die Beamten vom BAG und den kantonalen Verwaltungen von neuem zu versagen, wie übrigens auch jetzt. Um die «nationale Impfwoche» zu organisieren, vernachlässigte man etwa die Booster-Impfung. Während manche Nachbarländer bereitstehen, um den Risikogruppen eine dritte Impfung zu ermöglichen, fehlt es in der Schweiz an Personal, an Impfstoffen, an den nötigen Bewilligungen. Wenn man bedenkt, dass es viel wichtiger wäre, jene älteren Leute mit einem aufgefrischten Impfschutz zu versehen, für die Corona ein reales, hohes Risiko darstellt, als mit allen Mitteln junge Leute an Konzerte zu locken, wo sie sich dann nicht einmal impfen lassen, muss man von einem erheblichen Flop reden. Immer wieder, so wirkt es, versteifen sich die Berner Beamten auf ein Ziel, das sie zu erreichen meinen, um dann alles andere zu vergessen. Eine hohe Impfquote als Fetisch. Derweil die Welt versinkt.
Das tut sie natürlich nicht. Dennoch schlittern wir alle in eine dritte oder vierte Hölle. Man sieht es den Behörden schon an. Die Nervosität steigt, die Interventionsfreude – oder besser: die Interventionsverzweiflung – nimmt zu. Stets wird die Höllenfahrt rhetorisch vorbereitet. Man beginnt mit einem Dementi, mit pathetischen Beteuerungen, gerade das nicht zu tun, was man insgeheim wohl schon mental beschlossen hat: Von 2G, also der Regel, wonach nur mehr das vollständige soziale Leben geniessen darf, wer entweder von Corona genesen oder dagegen geimpft ist, wolle man nichts wissen. Natürlich nicht. Gar nichts. Angesichts der Tatsache, dass andere Länder sich bereits in diese Richtung bewegen, dürfte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis auch unsere Beamten ihre alten Dementi verschlucken. Hilft 2G? Zweifel sind angebracht. Wenn jemand jetzt noch nicht geimpft ist, wird ihn auch 2G kaum davon überzeugen, stattdessen wird es ihn aber gegen die Mehrheit der Geimpften, vor allem gegen die Behörden aufbringen. Was als «Spaltung unserer Gesellschaft» in aller Munde ist (und das zu Recht), wird sich vertiefen.

Was wäre zu tun?

Erstens mehr Ehrlichkeit. Unsere Impfquote lässt sich nicht wesentlich steigern, selbst wenn wir den Druck weiter erhöhen und in Kauf nehmen, dass eine Minderheit sich als Bürger zweiter Klasse fühlt. 2G, 1G, Impfzwang, Impfen unter polizeilicher Aufsicht, Impfgefängnisse? All das wird niemanden oder fast niemanden beeindrucken.
Deshalb zweitens. Impfen wäre gut, aber wir müssen es auch ohne galaktische Impfquoten schaffen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich halte die Impfung für sicher und wirksam, ich vertraue auch dem Booster und empfehle ihn besonders allen Älteren, die nicht schwer an Corona erkranken, geschweige denn daran sterben möchten.
Doch die Kirche muss im Dorf bleiben:
- 10'855 Menschen sind seit Beginn der Pandemie an oder mit Corona gestorben.
- 10'544 davon waren über sechzig Jahre alt.
- 311 dagegen waren jünger als 60.
- Bloss 68 waren jünger als 50.
Mit anderen Worten, das ist eine Seuche, die ganz, ganz überwiegend ältere Menschen trifft. Das ist schlimm, das ist traurig, aber das gilt es zu berücksichtigen, wenn man eine rationale Politik betreiben will. Ich bin immer wieder erstaunt, ja ratlos, dass unsere Politiker und Beamten in Bern diese Zahlen, die sie genauso gut kennen wie ich (wenn nicht besser, weil sie sie selbst erheben), nicht ernster nehmen. Eine sinnvolle Corona-Politik heisst in erster Linie: Risikogruppen, also die Senioren, schützen. Deshalb sollten möglichst viele von ihnen geimpft werden – was wir mit einer Quote von 83 Prozent (60 – 69-jährige) bis 89 Prozent (über 80-jährige) bereits annähernd fertiggebracht haben. Aus dem gleichen Grund müsste der Booster längst zur Verfügung stehen. Je mehr Senioren die dritte Impfung erhalten haben, desto besser könnten wir mit der (tieferen) Impfquote der übrigen Bevölkerung leben. Denn diese müssen wir weit weniger intensiv und einschneidend schützen als die Älteren. Ihr Risiko ist sehr gering.
Drittens. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig moralisch abzuurteilen. Wer der Impfung das Wort redet – wie zum Beispiel auch ich, ist kein Faschist und will weder die Demokratie noch den Westen beseitigen. Gleichzeitig gilt, dass die Impfung ein persönlicher Entscheid bleiben soll – und wer sich aus welchen Gründen auch immer dagegen ausspricht, ist kein schlechter Mensch, dem Solidarität fremd ist. Ausserdem verlängert er die Pandemie nicht.
Tatsächlich tragen die Ungeimpften im Wesentlichen alle Risiken selbst. Sie können schwer erkranken, sie sterben, doch sie bringen andere damit nicht in grössere Gefahr als wir Geimpfte das tun – auch wenn immer wieder das Gegenteil angedeutet wird. Leider hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Ungeimpfte als auch Geimpfte sich mit dem Virus anstecken können – und andere Leute ebenfalls. Eine Impfung bewahrt nicht vor einer Infektion. Was sie aber garantiert, ist ein milder Verlauf. Vor allem schützt sie sicher vor dem Tod.
Und die Spitäler, die von Ungeimpften überlastet werden? 96 Millionen kosteten die paar kaum besuchten Konzerte und andere Bemühungen im Zeichen der Impfwoche. Damit hätten wir wohl besser die Kapazität unserer Intensivstationen etwas ausgebaut. Mit 96 Millionen findet man auch genügend Pflegepersonal.
In Anbetracht der Tatsache, dass wir diese Pandemie ohnehin nur zu überwinden imstande sind, wenn möglichst viele von uns entweder geimpft oder vom Corona-Virus infiziert und genesen sind, gibt es keinen Grund, die Mehrheit der Geimpften gegen die Minderheit der Ungeimpften auszuspielen – und umgekehrt. Alain Berset schätzt die Freiheit genauso wie die Freiheits-Trychler. Und die Freiheits-Trychler sind genauso solidarisch wie Alain Berset.
Wir alle sind Menschen mit Ängsten, mit falschen und richtigen Ansichten, aber den gleichen Hoffnungen. Niemand will in Kauf nehmen, dass Leute unnötig leiden oder gar sterben. Es ist Zeit, mit den Anschuldigungen, dem Hass und der Hysterie auf beiden Seiten aufzuhören.
Das Ende der Pandemie kommt irgendwann so sicher wie das Amen in der Kirche – es wäre fatal, wenn wir danach noch jahrelang mit der politischen und mentalen Zerrüttung kämpfen müssten, die wir jetzt hervorrufen.

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