Natalie Ricklis Wandel: Image first

Natalie Ricklis Wandel: Image first

Die Zürcher Politikerin war einst der Senkrechtstarter der SVP – gehasst von Links, geliebt von ihrer Partei. Nun bricht sie mit ihrer Wählerschaft. Ein Porträt.

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von Serkan Abrecht am 31.12.2021, 19:00 Uhr
Alles für die eigene Marke: Rickli beisst während ihres Regierungsratswahlkampfes 2019 in einen Apfel. Bild: Keystone-SD
Alles für die eigene Marke: Rickli beisst während ihres Regierungsratswahlkampfes 2019 in einen Apfel. Bild: Keystone-SD
Die ganze SVP-Fraktion steht kopf. Das Vizepräsidium wird gewählt, und alles scheint klar: von den fünf Bewerbern haben sich Guy Parmelin (VD), Yvette Estermann (LU), Peter Spuhler (TG) und Alex Kuprecht (SZ) durchgesetzt. Die Stimmen sind gezählt, weiter geht's mit der Session. Sollte es jedenfalls.
Doch dann unterbrechen die Zürcher das eigentlich unspektakuläre, obligatorische Prozedere. Es sei nicht richtig ausgezählt worden, sagt Christoph Mörgeli. Die Unterlegene Natalie Rickli sei eigentlich gewählt. Auch Doyen Christoph Blocher mischt sich ein. Er wolle eine «Verjüngung» des Fraktionsvorsitzes. Mit «Verjüngung» meint Blocher SVP-Shootingstar Rickli, ebenfalls aus Zürich. Sie hatte die Wahl jedoch verloren.
Blocher will das Fraktionsreglement ändern: Neu soll es fünf Vizepräsidenten geben. Einige SVP-Parlamentarier verwerfen die Hände. Und letztlich wirft Kuprecht den Bettel hin. Er habe kein Interesse mehr, Fraktionsvize zu sein. Aber Natalie Rickli will auch nicht mehr. Sie schmollt. Man wolle sie ja offensichtlich nicht. Nach gutem Zureden, unter anderem von Blocher, nimmt sie den Sitz von Kuprecht an.

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Protegiert von Parteigrössen: Natalie Rickli, Christoph Blocher und Christoph Mörgerli 2013 im Nationalrat. Bild: Keystone-SDA
Das war 2012. Natalie Rickli 35 Jahre alt, im rechten Lager der SVP zu verordnen, Everybody's Darling, protegiert von den Parteigrössen. Rickli nahm kein Blatt vor den Mund. Sie war ehrgeizig, ambitioniert, und sie gefiel der SVP-Basis. Sie ist die «Zukunft der SVP». Forderte härte Strafen für kriminelle Ausländer, beispielsweise eine schnellere Ausschaffung. Ein Höhepunkt war für sie die mit grosser Mehrheit gutgeheissene Volksinitiative zum Berufsverbot für verurteilte Straftäter, die sich an Kindern vergingen.

Feindbild Rickli

Im Jahr zuvor, 2011, als die SVP knapp drei Prozent bei den Nationalratswahlen verlor, wurde Rickli mit dem schweizweit besten Resultat in den Nationalrat gewählt. Zuerst auf Migrations- und später auf Medienpolitik spezialisiert, war sie eine Scharfmacherin, die über die Landesgrenzen hinaus für Furore sorgte. Beispielsweise als sie eine Ventilklausel für Deutsche in der Schweiz forderte. «Sind wir ehrlich: Die Leute regen sich halt auf, weil zu viele Deutsche im Land sind», sagte sie zu «TeleZüri». Deutsche würden die eidgenössische Infrastruktur überbelasten.
Die hübsche, blonde Zürcherin – sie erlangte Feindbildstatus. «Irgendwo zwischen ‹attraktiv› und ‹dümmlich›», beschrieb daraufhin die deutsche «Welt» Rickli. Roger Schawinski nannte sie ein «politisches Leichtgewicht».
Doch Rickli liess sich nicht beirren. Die Marketing-Fachfrau machte sich selbst zur Marke. Auch als die gesamte deutschsprachige Medienwelt die junge Frau aus dem Kanton Zürich verriss, machte sie stoisch weiter, ja, legte sogar noch einen drauf: «Es stört mich, wenn ich nur noch von Ausländern bedient, nur noch von Ausländern gepflegt werde», sagte sie 2012 dem «Blick». «Die gefährlichste Frau der SVP», nannte sie die «NZZ».

Harte Schale, verunsicherter Kern

Die Linken verbissen sich in sie. Das Berner Rapkollektiv «Chaostruppe» aus dem Umfeld der extremistischen Reitschule sang über Rickli:
«Liebsch das Umegzigge mit em Räschte vodr Regierig, doch würsch du mal widdr richtig gfiggt, wärsch gloub ou e Liebi.»
Rickli blieb ruhig, brachte die vier Rapper aber vor Gericht, wo sie wegen Beschimpfung und Verleumdung verurteilt wurden.

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Verurteilt: Mitglieder des Kollektivs Chaostruppe: Tilt und 200BPM. Die beiden Rapper produzierten mit anderen Musikern den gewaltpornografischen Song über Rickli. Bild: zvg.
Gegen Aussen hart, als Person aber einfach zu verunsichern, beschreiben sie Personen, die politisch und beruflich mit ihr zusammengearbeitet haben. «Es geht ihr immer um das eigene Image. Darum gegen Aussen souverän und hart aufzutreten, aber sich keiner Kritik aussetzen zu müssen», sagt einer ihrer Weggefährten.

Unter Gesundheitsdirektoren

2021 steht Natalie Rickli im Medienzentrum des Bundeshauses. Sie hat gerade mit Alain Berset (SP) und dem Chef der Gesundheitsdirektoren, Lukas Engelberger (Mitte, BS), die nationale Impfwoche lanciert. Fast euphorisch kündigt sie ein Impfdorf im Zürcher Hauptbahnhof an. Da gibt's für den Besucher Berliner, Raclette, heissen Kakao und Moderna, Pfizer/Biontech. Die Impfwoche wurde zu einem nationalen Flop, der die Impfquote kaum anhob, aber den Staat Millionen kostete (Lesen Sie hier unseren Bericht). Natalie Rickli, mittlerweile 45, schwatzt nach der Pressekonferenz fröhlich mit Engelberger. «Du, super, ich habe heute meine Grippeimpfung bekommen.» – «Ja, ich auch. Sehr gut.» Gesundheitsdirektoren unter sich.
Natalie Rickli, die Kämpferin aus der Privatwirtschaft, die mit jungen 21 Jahren in der Marketing-Branche Karriere machte – am Ende bei Goldbach Media –, ist nicht mehr Kämpferin für die SVP. Sie ist eine der vielen helfenden Hände für Bundesrat Berset und seine Corona-Politik. Die Frau, die in der Vergangenheit öffentliche-rechtliche Medien privatisieren wollte, die Landeskirche abschaffen, die das Gesundheitssystem von den «vielen Deutschen» befreien wollte, ist selbst zum Staat geworden.

Gebrochene Herzen

Sie regiert im vorauseilendem Gehorsam. Kritisiert die Landesregierung und die Behörden nur, wenn es mit den coronabedingten Freiheitsbeschränkungen nicht schnell genug geht. Rickli forderte den Bundesrat auf, die Zertifikats-Pflicht «so schnell wie möglich» einzuführen. Im September sagte Rickli: «Wer Impfgegner ist, der müsste eigentlich eine Patientenverfügung ausfüllen, worin er bestätigt, dass er im Fall einer Covid-Erkrankung keine Spital- und Intensivbehandlung will.»
Dass die Mehrheit der SVP-Wähler Impfgegner oder Massnahmenkritiker sind, scheint ihr egal zu sein. Obwohl sie 2012 zum «Blick» sagte, dass sie Politik für ihre Wählerschaft mache und nicht für das gesamte Volk. Vom Shooting-Star der SVP wird sie zum Feindbild der Basis. Einige konservative Herzen sind da zerbrochen.

Abstecher in den Indischen Ozean

Mit ihrer Corona-Politik hat sich bei ihrer Partei unbeliebt gemacht. Rickli unterscheidet sich stark von anderen SVP-Gesundheitsdirektoren. Ist der Berner Pierre-Alain Schnegg, einer, der mit neuen Einschränkungen und Massnahmen lieber abwartet (Sehen hier Sie das Gespräch bei Feusi Fédéral), ist Rickli vorschnell – und manchmal inkonsequent. Seit Beginn der Pandemie hat sie die Bürgern gemahnt, nicht zu verreisen, in den Ferien nicht Skifahren zu gehen.
Dann, im Winter 2020 ging sie auf die Malediven sich erholen – zwei Wochen, nachdem sie in der Schweiz die Schliessung von Restaurants befürwortet hatte. «Wasser predigen und Wein trinken», warfen ihr Politiker von SVP, FDP, Grüne und SP vor. Rickli wollte zu ihrem Urlaub keine Stellung nehmen.

Kritiker werden ausgegrenzt

Heikle Themen will die Zürcher Regierungsrätin lieber nicht kommentieren, sondern möchte sie aussitzen. Ein weiteres Beispiel: Im April 2021 machte der «Nebelspalter» publik, dass Rickli aus Gründen der eigenen Befindlichkeiten ein privates Impfzentrum im Kanton Zürich verhinderte. Zwar wiederholt Rickli gebetsmühlenartig den Regierungs-Slogan «Impfen, impfen, impfen!», doch als eine private Firma dem Kanton Zürich bei der Impf-Kampagne helfen wollte, verweigerte sie die Zusammenarbeit. Dies, weil der Leiter der Firma «laut Kritik an der Gesundheitsdirektion geübt» habe. Tatsächlich hat er die Test-Strategie des Kantons Zürich kritisiert. Aber der Vorfall zeigt: Wer etwas von Rickli will, darf sie nicht kritisieren. Bei der Marketing-Fachfrau geht es immer um die Marke, die eigene.

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Des Bundesrats helfende Hand: Alain Berset und Natalie Rickli. Bild: Keystone-SDA
Der «Nebelspalter» hat Rickli bereits im Sommer um ein Gespräch gebeten. Ihr Mediensprecher sagte ab. Auf eine erneute Anfrage einige Monate später folgte keine Antwort.
Rickli ist eine One-Woman-Show, die ihre eigene Basis empört und sich mit ihrem Verhalten Feinde über das ganze politische Spektrum hinweg macht. Denn trotz ihrer Unterstützung für Alain Berset: Lieben wird sie die Linke trotzdem nicht. Ob sie – die ambitionierte Politikerin – noch Bundesrätin wird, ist fraglicher denn je.

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Serkan Abrecht31.12.2021comments

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