Nackt im Keller

Nackt im Keller

Was ist das Peinlichste, das Ihnen je passiert ist? Ein Mann für heisse Sekunden. Oder wie ich fast mit dem Feuerungskontrolleur durchbrannte.

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von Dominique Feusi am 13.5.2021, 18:41 Uhr
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Nein, heute regen wir uns nicht auf, jedenfalls nicht hier. Lassen Sie uns etwas Spass haben, da ist so viel Trübsal da draussen, und Lachen ist bekanntlich die beste Medizin. Okay, statistisch gesehen sind wahrscheinlich Antibiotika die beste Medizin, und einen gebrochenen Arm lacht man sich jetzt auch nicht weg. Obwohl, mein lieber Vater selig hat ja stets gesagt: «Das ist alles psychosomatisch, einfach nicht dran denken!» Im Spital haben sie dann allerdings gesagt: «Das ist alles gebrochen. Und die Schulter müssen wir einrenken.»
Richtig, meine liebe Mutter selig war dann etwas sauer. Und doch sorgte die fundierte medizinische Diagnose meines Vaters fortan für grosse familiäre Erheiterung, ja wurde ein veritabler Hit. Wer auch immer Schaden erlitt, Fieber hatte, eine Streptokokken-Infektion rauskotzte oder sich in den Finger schnitt, erhielt den berühmten Befund.

«Das ist alles psychosomatisch, einfach nicht dran denken!»


So auch mein Vater, als er sprichwörtlich den Ast absägte, auf dem er sass, bevor er mitsamt dem Ast in den Weiher fiel, wo er wie im Trickfilm im Schlamm steckenblieb, sich in den Seerosen verhedderte und die Enten beschimpfte. Ein grandioses Schauspiel. Seiner Meinung nach haben wir dann auch alle viel zu lange gelacht, statt ihn sofort rauszuziehen («HÄHÄHÄ! Isch gar nöd luschtig! Jetzt mached emal!»). Tja, man erntet, was man sät, und so sprach meine Mutter, als sie ihren nassen, schlammbedeckten Liebling in den Notfall fuhr, süffisant über den Lenker: «Das ist alles psychosomatisch, einfach nicht dran denken!»
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.
Oder Ihren Feuerungskontrolleur. Ja, ich liege manchmal nachts wach und denke an unseren Feuerungskontrolleur. Denn ich glaube, ich habe ihn letzte Woche auf der Strasse gesehen. Und nun möchte ich mit ihm durchbrennen.
Nein, aber der Schenkelklopfer war zu schön, in Wahrheit möchte ich den Mann mit der akkuraten Kurzhaarfrisur nie mehr wiedersehen. Vielleicht sollten wir das Haus verkaufen und umziehen?
Dabei hat mit dem Umziehen alles angefangen. Es ist ein paar Jahre her, es war ein Tag im Mai, es war zum ersten Mal heiss, ich kam aus der Dusche und dachte: «Alright, alright, alright, es ist Zeit für ein Sommerkleid!» Tja, die Geissel der Eitelkeit. Denn das Kleid, in dem ich gedachte, frisch wie der Morgentau über die Flora zu hüpfen, verbrachte noch Zeit im Winterschlaf. Man könnte auch sagen: Es hing im abgeranzten Stoffschrank im Keller.

«Der Mann wird’s schon regeln», dachte ich. Ja, so emanzipiert bin ich dann.


Also hüpfte ich frisch wie der Morgentau über die Stiegen ins Souterrain nieder, und gerade als ich vor dem abgeranzten Stoffschrank stand, klingelte es oben an der Haustür. Egal. «Der Mann wird’s schon regeln», dachte ich. Ja, so emanzipiert bin ich dann.

Nackte Tatsachen
Der Mann sprach mit einem andern Mann. Das war mir auch egal, bis ich bemerkte, dass die Stimmen näher kamen. Die Treppe runter. Auf mich zu. Was ging denn hier ab? Suchten die Herren ebenfalls ein Sommerkleid? Ein bisschen amüsiert von dieser Vorstellung glitt mein Blick über den ... Stromzähler! Shit! Der Typ vom EWZ! Der muss hier rein und ich stehe nackt vor dem Stromzähler rum! Suboptimal!
Doch dann handelte ich blitzschnell, hechtete verwegen in den winzigen Heizungskeller gleich daneben, echt jetzt, Tom Cruise in «Mission Impossible» oder Matt Damon in «Bourne Identity» sind ein Dreck dagegen. Zack, Türe zu. Phu, schon kamen die zwei Männer ums Eck. Zwar hatte ich es nicht mehr geschafft, das Licht anzumachen und stand im Dunkeln im winzigen Heizungsraum, aber ich war schon stolz auf meine Aktion.
Kennen Sie diese Augenblicke, wenn man sich selbst unglaublich intelligent vorkommt?
Und dann ging das Licht an, die Tür auf, und ich stand nackt vor dem Feuerungskontrolleur. Und dahinter stand der Schatz und schaute mich sehr fragend an.

Er verhielt sich, als sei das alles ganz normal. Daily biz. Heating and titties.


Ein Mann für heisse Sekunden
Was sagt man dann? Ich sagte: «Grüezi!» Und der Feuerungskontrolleur sagte: «Grüezi!» Und dann fragte ich, ob ich rasch vorbeikann und der Feuerungskontrolleur sagte: «Auf jeden Fall!» Er verhielt sich, als sei das alles ganz normal. Daily biz. Heating and titties.
Ja, wir haben später sehr gelacht. Und ich sagte dem Schatz, wie peinlich mir das sei, und der Schatz sagte, aber hallo, er sei ja schliesslich der Typ, der nackte Frauen im Keller halte, und dass er nicht erstaunt wäre, wenn später noch die Polizei vorbeikäme. Doch sie kam nicht.
Und seither fragen wir uns: Sollte das beunruhigen? Sind nackte Frauen im Heizungskeller in der Schweiz normal? Haben Sie vielleicht auch eine? Und: Hat man als Feuerungskontrolleur da schon ganz anderes gesehen?
Aber Sie wissen nun: «Das ist alles psychosomatisch, einfach nicht dran denken!»

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Von kriminellen Raben

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