In Umfragen geben sich die Schweizer super-grün, in der Realität fahren sie immer mehr Autos

In Umfragen geben sich die Schweizer super-grün, in der Realität fahren sie immer mehr Autos

Laut einer Studie wünschen sich Schweizer Bürgerinnen und Bürger mehr Nachhaltigkeit im Verkehr. Steuerzahler und Arbeitgeber sollen dafür in die Tasche greifen.

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von Nicole Ruggle am 12.8.2021, 04:00 Uhr
Bild: Unsplash
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Im Mai 2021 befragte das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte 1501 Teilnehmenden zum Thema «Nachhaltige Dekarbonisierung – neue Handlungsmöglichkeiten in der Mobilität». Die Resultate zeigen, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer «nicht klimaskeptisch» sei, Emissionen grundsätzlich vermeiden wolle und klimafreundliche Lösungen in der Mobilität befürworte.

Wunschvorstellung und Realität

Laut den Studienergebnissen ist es für 70 Prozent der Umfrageteilnehmer «eher oder sehr wichtig», Emissionen in der Mobilität zu vermeiden. 57 Prozent gaben gar an, in ihrem persönlichen Mobilitätsverhalten durch «Überlegungen zur Reduktion von Emissionen» beeinflusst zu werden. Aber: Decken sich diese Angaben zum eigenen Verhalten der Befragten auch mit der Realität auf der Strasse? Denn laut Bundesamt für Statistik wuchs der Personenverkehr bis 2019 schneller als die Bevölkerung.
So verkehren auf den Schweizer Strassen derzeit mehr als 6 Millionen Motorfahrzeuge, 4,5 Millionen davon sind Autos – so viel wie noch nie. Durchschnittlich werden pro 1000 Einwohner 541 Personenwagen gezählt (Motorisierungsgrad 2020). Der Bestand an Personenwagen, die mit Benzin betrieben werden, hat in den letzten 20 Jahren leicht abgenommen (über drei Millionen), dafür ist die Anzahl an Dieselfahrzeugen auf mehr als eine Million Personenwagen stark angestiegen. Die Nutzung von Hybrid- und Elektroautos nimmt zwar ebenfalls zu, ist in totalen Zahlen im Vergleich zu den Diesel- und Benzinfahrzeugen aber immer noch gering.
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Quelle: Mobilität und Verkehr. Taschenstatistik 2020, BfS

Der Trend mag derzeit gebremst sein, da die Neuzulassungen von Personenwagen im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr um fast einen Viertel eingebrochen sind – allerdings dürfte dieser Rückgang grösstenteils der Corona-Pandemie geschuldet sein. Trotz der starken Abnahme bei den Neuzulassungen ist der Gesamtfahrzeugbestand in der Schweiz im Jahr 2020 weiter angewachsen: Bei den Motorfahrzeugen um 1,3 Prozent, bei den Personenwagen um 0,7 Prozent.
Auch der Flugverkehr hat über die Jahre beständig zugenommen. 2019 lag die Anzahl aller ankommenden und abfliegenden Passagiere bei fast 60 Millionen. Einzig im Coronajahr 2020 brach er aufgrund der Massnahmen stark ein, die alle Länder gegen die Pandemie ergriffen hatten.
Dass die Menschen nicht immer ganz ehrlich sind, wenn man sie zu politisch kontroversen Gegenständen befragt, ist offenbar auch den Autoren der zitierten Studie bewusst. Sie weisen selbst auf den Umstand hin, dass der hohe Zustimmungswert zu mehr Nachhaltigkeit von persönlichen Wunschvorstellungen oder gar politischer Korrektheit beeinflusst sei. Die Umfrageergebnisse sind dementsprechend mit Vorsicht zu geniessen. Die Leute sagen das, was sie für korrekt halten, ob sie sich daran halten, ist eine andere Sache.
Auch bei den Vergleichswerten, wie wünschenswert und wie wahrscheinlich die Umsetzung von bestimmten Massnahmen seien, ergeben sich dementsprechend frappante Unterschiede. So wünschen sich 61 Prozent der Befragten eine Reduktion des Luftverkehrs (private oder geschäftliche Reisen), aber nur 30 Prozent halten diese Umsetzung auch für wahrscheinlich. Bei anderen Punkten finden sich ebenfalls grosse Diskrepanzen; etwa bei der Reduktion von fossil betriebenem Privatverkehr oder der Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene. Man wünscht sich etwas, woran man selber nicht glaubt.
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Quelle: Deloitte-Studie, 2021

Laut den Umfrageergebnissen sähe es ein Viertel der Befragten gerne, wenn es mehr emissionsarme Produkte und Dienstleistungen im Bereich der Mobilität gäbe. Doch fühlen sie sich selbst dafür offenbar nicht zuständig. Dass sie allein mit ihrem Kaufverhalten diese Situation ändern könnten, scheint ihnen nicht bewusst zu sein. Stattdessen sollen Arbeitgeber und Staat für sie die Arbeit erledigen: 28 Prozent der Befragten sehen den Arbeitgeber in der Pflicht, die Emissionen weiter zu reduzieren.
Dies soll hauptsächlich über finanzielle Anreize geschehen, die dem Arbeitnehmer zugute kommen. So gaben 76 Prozent der Befragten eine Kostenbeteiligung am ÖV-Abonnement (Halbtax, GA) als wünschenswerte Massnahme an. 56 Prozent würden eine Förderung der Velonutzung (Firmenrabatte für Velos, Leasing von E-Bikes) schätzen. Und stolze 52 Prozent würden sich über einen Mobilitätsbonus für Mitarbeitende, die ohne Auto anreisen, freuen. Der tiefste Zustimmungswert der zur Auswahl stehenden Massnahmen findet sich hingegen bei der Möglichkeit, eine Parkgebühr für die Parkplatznutzung am Arbeitsort einzuführen. Nur 26 Prozent der Befragten wären bereit, persönlich in die Tasche zu greifen. Kurz: Alle sollen sich ändern – aber mit allen sind nicht wir gemeint, sondern die andern.
So fällt auch das Fazit der Autoren eher ernüchternd aus: «Ein relativ hoher Anteil der Befragten ist nicht bereit, für eine Reduktion der Emissionen für Produkte oder Dienstleistungen einen Aufpreis zu bezahlen. Der Einsatz von Steuergeldern zur Unterstützung von emissionsarmen Produkten und Dienstleistungen hingegen wird weniger kritisch betrachtet – wobei dieser indirekt natürlich ebenfalls durch die Steuerzahler zu tragen wäre.»

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