Muss man es denn immer wieder sagen? Oder über das Corona-Risiko in der Gartenbeiz

Muss man es denn immer wieder sagen? Oder über das Corona-Risiko in der Gartenbeiz

Was ist falsch am folgenden Satz: «Der Bundesrat geht mit der Öffnung der Terrassen ein Risiko ein»? Es ist nicht der Bundesrat, der ein Risiko eingeht, wenn ich mich in die Gartenbeiz setze. Die Verantwortung, das Risiko liegt allein bei mir. Und das ist gut so.

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von Gottlieb F. Höpli am 16.4.2021, 06:00 Uhr
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«Lohnt es sich, dieses Risiko einzugehen?», wurde Bundesrat Berset am Mittwoch von einer Journalistin gefragt, nachdem er eine mässig aufregende Reihe von Lockerungen seiner Pandemiemassnahmen angekündigt hatte. Gemeint war: «Wie kann der Bundesrat die Verantwortung dafür übernehmen, wenn ich ab nächster Woche wieder ins Hallenbad, ins Kino oder ins Theater gehe?» Die Frage ist falsch gestellt: Der Bundesrat hat lediglich beschlossen, dass ich wieder selbst entscheiden kann, mich in die Gartenbeiz zu setzen oder an einer Sportveranstaltung teilzunehmen. Er hat mir lediglich die Möglichkeit zurückgegeben, wieder selbst ein Stück Verantwortung über mein Leben zu übernehmen. Es war höchste Zeit.
Die Fragestellerin hatte sich aber keineswegs versprochen, sondern exakt ausgedrückt, was sie sagen wollte. Für sie, ebenso wie für die Mehrheitsfraktion der Bedenkenträger in unseren Medien, ist klar: Der Bundesrat, also der Staat ist schliesslich für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden verantwortlich. Ebenso wie für meine Altersvorsorge, die Qualität der Lebensmittel, die ich konsumiere, oder meine Sicherheit auf dem Fussgängerstreifen.
Und sehr viel Anderes mehr. Es ist der Rundumversorgungs- oder «Allomutterstaat» (Sloterdijk), der den nur im Notfall intervenierenden «Vater Staat» schon seit langem abgelöst hat. Folglich hat dieser Staat nun auch dafür zu sorgen, dass ich davor bewahrt werde, etwas für mich oder andere Schädliches zu unternehmen: zu rauchen, fremde Kinder zu fotografieren, oder eben: mich in Pandemiezeiten auf eine Beizenterrasse zu setzen.
Die Pandemiezeit, in der wir uns befinden, hat diese Entwicklung nur noch akzentuiert: Der Staat nimmt uns bei der Hand, sorgt für uns, für unsere Kinder und unsere alten Eltern. Zu diesem Zweck muss er an unserem Lebensweg einen soliden Zaun aus Verboten und Geboten aufstellen. An die wir uns zu halten haben. Aber nicht nur dies: für deren Aufstellung und Instandhaltung wir auch zu bezahlen haben. Jedes Jahr ein bisschen – oder jetzt gerade: viel – mehr. Geht ja wohl nicht anders, bei der zusätzlichen Verantwortung, die er für uns übernimmt.
Denkt man über den Staat im gegenwärtigen «Verordnungsrausch» (nochmals Sloterdijk) nach, dann könnte man selbst zum Bedenkenträger werden. Vor allem, wenn man in unser nördliches Nachbarland blickt, wo Kanzlerin Merkel inzwischen beabsichtigt, eine ganze Nation nachts einzusperren. Nicht zuletzt deshalb, weil selbst bei den obrigkeitsgläubigen Deutschen der blinde Glaube an immer neue, widersprüchliche «Massnahmen» vergeht und die Kanzlerin deshalb zu immer noch schärferen Eingriffen ins Privatleben Zuflucht nehmen muss. Wie will sie da wieder herauskommen? Nun gut, nach den deutschen Wahlen im Herbst ist das nicht mehr ihr Problem, sondern dasjenige ihrer Nachfolger…
Muss man es denn immer wieder sagen? Die Lockerungs-Annehmlichkeiten, die der Bundesrat verkündet hat, sind eine Möglichkeit, wieder mehr Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Risiko für sein eigenes Tun abschätzen und übernehmen zu dürfen, hat übrigens einen Namen. Für jene, die es zurzeit vergessen haben: Er heisst Freiheit.

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