Mögen die Spielchen beginnen

Mögen die Spielchen beginnen

Er ist da, der neue Nebelspalter vor und für die Sommerpause. Vergessen Sie nicht, ihn zusammen mit Badehose, Sonnenbrille und Ihrem Impfzertifikat einzupacken, bevor es losgeht, wohin auch immer.

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von Ralph Weibel am 1.7.2021, 22:02 Uhr
Nebelspalter Print-Ausgabe, Titelbild 7/8 2021 (Marco Ratschiller)
Nebelspalter Print-Ausgabe, Titelbild 7/8 2021 (Marco Ratschiller)
Sicher landen! Das ist unser grösster Wunsch. Doch bevor wir landen können, müssen wir zuerst abheben, das liegt in der Natur der Sache. Dieser ist gleichzeitig ein permanentes Scheitern zu eigen. Nehmen wir beispielsweise die Fussball-EM. 24 Teams sind mit hochfliegenden Zielen angetreten, um dann kolossal abzustürzen. Selbst Nicht-Fussballexperten verstehen noch vor der Offsideregel, dass nur ein Team ein Endrundenturnier gewinnt und sich fortan Europameister nennen darf. Folgerichtig sind 23 Teams gescheitert. Anders ausgedrückt, die überwiegende Mehrheit scheitert. Ähnliches wird sich an den Olympischen Sommerspielen in Tokyo wiederholen. Reihenweise pilgern Athletinnen und Athleten nach Japan. Neben der Erfahrung, ein fangfrisches Walfischschnitzel vorgesetzt zu bekommen und sich beim Versuch, dieses landesüblich mit Stäbchen zu essen, ein Auge ausgestochen zu haben, werden sie mit leeren Händen die Rück­reise antreten.
Von dieser noch weit entfernt sind all die Doppeltgeimpften. Der Pandemie-Sommer im vergangenen Jahr, mit Reisemoratorium, schien für viele der grössere Eingriff in die persönliche Freiheit zu sein als die eingesperrte Oma im Alters- oder Pflegeheim. Allenthalben sprechen sie um mich herum davon, wie unsäglich gross die Sehnsucht nach dem Blick über das Meer ist. In die wässrigen Augen der eigenen Verwandten will niemand schauen. Vielleicht vergessen wir wenigstens in diesem Jahr nicht, ihnen eine Postkarte zu schicken. Oder zumindest eine SMS.
Dafür soll man sich jetzt also impfen lassen. Aus Solidarität mit denen, die in ferne Gestade abheben wollen, um dort eines zu machen: abstürzen. Im besseren Fall erst nach dem Landeanflug, beim Ballermann. Ermutigt werden wir von den verschiedensten Diagrammen, die den Absturz der Coronafallzahlen dokumentieren. Und natürlich vom Bundesrat, der so viele Impfdosen gekauft und bestellt hat, dass wir genug für die dritte und vierte Welle haben. Für alle, vom Greis bis zum Kleinkind. Wenn es sein muss, hauen wir auch noch dem Goldfisch eine Spritze rein.
Einmal mehr möchte ich Sie nicht mit negativen Gedanken in die Ferien entlassen. Geniessen Sie das süsse Nichtstun in den kommenden Wochen, Sie haben es sich verdient. Denken Sie nicht an die bevor­stehenden Bruchlandungen, die kommen ohnehin. Und wenn Sie etwas Sinnvolles tun wollen, lernen Sie das griechische Alphabet. Nicht für die nächste Mutation. Bestellen Sie damit einen Ouzo.

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Ralph Weibel15.10.2021comments

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