Mit Beton gegen das Unerwünschte: Neu ist die Idee nicht

Mit Beton gegen das Unerwünschte: Neu ist die Idee nicht

Die Polizei hat in Zermatt zu einer unkonventionellen Methode gegriffen, um das Restaurant «Walliserkanne» abzuriegeln: Betonblöcke. Erfunden haben die Walliser das aber nicht. Behörden scheinen Beton zu lieben. Mal geht es um die Sicherheit, mal um Parkplätze – und mal um eine Hauseinfahrt.

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von Stefan Millius am 3.11.2021, 08:30 Uhr
Der Betonblockwall in Zermatt. Die Sprüche sind inzwischen überpinselt worden.
Der Betonblockwall in Zermatt. Die Sprüche sind inzwischen überpinselt worden.
Beton ist ein praktischer Werkstoff. Er ist aber auch symbolträchtig. Die Berliner Mauer ist so ziemlich das erste, was vielen einfällt, wenn sie an einen Betonwall denken. Ob die Polizisten in Zermatt diese Assoziation gemacht haben, weiss man nicht. Für den Betrachter war sie aber schnell hergestellt.
Behörden mögen Beton. Sie setzen ihn immer mal wieder ein – meist gegen Dinge, die unerwünscht sind. Nach diversen islamistischen Terroranschlägen wurden auch in der Schweiz öffentliche Zonen mit Betonblöcken vor Amokfahrern geschützt, beispielsweise an Weihnachtsmärkten oder an Veranstaltungen wie dem «Lake Festival» 2016 in Genf.

Mit Beton gegen Parkierer

Was ist fast so unerwünscht wie Terrorakte? In gewissen Städten: Autofahrer. Der Lausitzer Platz in Kreuzberg in Berlin war im vergangenen Frühling einige Zeit lang Heimat für grosse Betonbrocken, mit denen Parkplätze ihrer Aufgabe entzogen wurden. Der Platz wurde damals nach und nach zur Fussgängerzone gemacht, doch die Poller, mit denen er abgesperrt werden sollte, waren nicht rechtzeitig einsatzbereit. Also wurden die Parkplätze vorübergehend mit grossen Quadern aus Beton belegt. Da der Platz damals aber nach wie vor befahrbar war, stellte sich bald ein anderes Problem: Die Dinger stellten im Dunkeln ein gefährliches Hindernis dar.

Hauszufahrt «einbetoniert»

Die wohl bizarrste Betonstory kommt aus Österreich und ist genau ein Jahr alt. Die Gemeindebehörde von Zirl blockierte eine private Hauseinfahrt mit Leitwänden aus Beton. Der Hausbesitzer musste staunend zusehen, wie man ihn einschloss. In höchster Not gelang es ihm gerade noch, sein Auto aus der Garage zu fahren, bevor die Zufahrt dicht war. Der Grund für die Intervention: Der Mann war jeweils rückwärts aus der Einfahrt gefahren, an der eine Bundesstrasse durchführt. Das ist verboten. Allerdings hatte es der Anwohner 20 Jahre lang unfallfrei genauso gemacht, bis ihn ein Nachbar verpfiff. Weil der Hausbesitzer nicht fristgerecht belegte, dass er in seiner Einfahrt durchaus auch wenden kann, verunmöglichte man ihm die Ausfahrt gleich ganz. Kurz darauf wurden die Betonblöcke allerdings wieder entfernt. Den Behörden war plötzlich aufgefallen, dass auch Rettungsdienste oder die Feuerwehr im Notfall keine Zufahrt mehr gehabt hätten.

Schleichweg «dank» Beton

Überhaupt sind Betonblöcke nicht selten «gut» gemeint und richten dann das Gegenteil an. Zum Beispiel, wenn sie dazu dienen, in den Strassenverkehr einzugreifen. In einem Aarauer Wohnquartier herrschte vor drei Jahren Aufruhr, weil der Schleichverkehr dort immer mehr zunahm und Anwohner um die Sicherheit der Kinder bangten. Der Grund für die Zunahme: Weil an einem anderen Punkt eine Strassenzufahrt mit Betonblöcken versperrt worden war, suchten sich die Autofahrer andere Wege. Schnell sprach sich herum, dass gerade bei grossem Verkehrsaufkommen eine «Schlangentour» durch das bewusste Wohnquartier einige Minuten Zeitersparnis bringt.

Grenzweg dichtgemacht

Mit Beton lassen sich auch Grenzen dichtmachen. Im Frühjahr 2020 wollte eine Bauernfamilie aus dem aargauischen Wil ihre Felder bestellen, die sich in direkter Nachbarschaft, aber auf deutschem Boden, befinden. Das taten sie jeweils über einen Feldweg. Der war eines Morgens aber mit Betonblöcken versperrt, mit denen der Grenzverkehr coronabedingt unterbunden werden sollte. Dass man damit auch gleich einer Schweizer Bauernfamilie den Weg zur Arbeit versperrt, daran hatte offensichtlich niemand gedacht. Und vorgewarnt hatte die Leute keiner.
Diese Aufzählung ist alles andere als abschliessend. Das Bild ist aber ziemlich einheitlich: Wenn Behörden gar nichts mehr anderes einfällt, entscheiden sie sich für Beton.

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