Meinungsvielfalt «nicht zielführend»: Auch «20 Minuten» regierungstreu

image 9. Februar 2022, 17:30
Gaudenz Looser: «Wenn der Bundesrat Massnahmen anordnet, die schnell wirksam werden sollen, ist es nicht zielführend, diese über Wochen hinweg von verschiedenen Seiten bewerten zu lassen.»
Gaudenz Looser: «Wenn der Bundesrat Massnahmen anordnet, die schnell wirksam werden sollen, ist es nicht zielführend, diese über Wochen hinweg von verschiedenen Seiten bewerten zu lassen.»
«20 Minuten» ist ein Erfolgsprodukt: Es ist, gut 20 Jahre nach seinem Entstehen, das grösste private Medium der Schweiz. Dieser Erfolg hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass «20 Minuten» lieber informiert und unterhält als belehrt. Chefredaktor Gaudenz Looser sagt es so: «Im Unterschied zu den meisten anderen Medien verzichtet ‹20 Minuten› konsequent darauf, in politischen und gesellschaftlichen Fragen eine Position zu beziehen. Unsere Leser sollen sich allein aufgrund von Fakten eine Meinung bilden können. So ermöglichen wir Demokratie, ohne Partei zu ergreifen.»
Doch diese hehren Grundsätze warf das zur TX Group von Verlegerverbandspräsident Pietro Supino gehörende Medium während der Corona-Pandemie kurzerhand über Bord. In einem Gastbeitrag in der «NZZ am Sonntag» vom 9. August 2020 sagte Chefredaktor Looser: «Wenn der Bundesrat Massnahmen anordnet, die schnell wirksam werden sollen, ist es nicht zielführend, diese über Wochen hinweg von verschiedenen Seiten bewerten zu lassen.»
Damit gibt der Chefredaktor des grössten Schweizer Privatmediums zu, die Meinungsvielfalt gezielt beschnitten und seine Redaktorinnen und Redaktoren zu Verlautbarungsgehilfen des Bundesrats degradiert zu haben.

Regierungstreue durchs Band

Der Fall von «20 Minuten» reiht sich ein in ein Muster, das die Berichterstattung der grossen Schweizer Medienhäuser in den letzten zwei Jahre prägte. Wie der «Nebelspalter» enthüllte, zwang Ringer-CEO Marc Walder die Redaktionen des Medienkonzerns in der Pandemie international auf einen Regierungskurs («Wir wollen die Regierung unterstützen»).
Dass der Fall Ringier kein Einzelfall ist, zeigte wenig später eine Recherche von Inside Paradeplatz. Das Portal veröffentlichte eine E-Mail-Nachricht von Walder an alle Schweizer Medienkonzerne und deren Verleger, die dokumentierte, dass die Grossverlage ihre Berichterstattung mit dem Bundesrat absprachen und sogar noch Regierungs-PR im redaktionellen Teil machten. Dies dürfe aber gegen aussen nicht publik werden, mahnte Walder. Dasselbe hatte er schon im Video gesagt, das der «Nebelspalter» veröffentlichte: Auch dort forderte Walder die Mitwisser dazu auf, die Information über die selbst verordnete Regierungstreue im kleinen Kreis zu behalten.

Bundesratskurs war «Fehler»

Ringier und alle grossen Schweizer Verlagshäuser von CH Media bis NZZ – und jetzt sogar das auf seine Neutralität sonst so stolze «20 Minuten»: Der Reigen der Medien, die sich selbst in die Fänge des Staates begeben und auf kritischen, unabhängigen Journalismus erklärtermassen verzichtet haben, wird immer grösser. Wirksamer, als sie es selbst tun, könnte man die Glaubwürdigkeit der Medien nicht untergraben.
Vom «Nebelspalter» darauf angesprochen, sagt «20 Minuten»-Chefredaktor Looser: «Es spricht aus publizistischer Sicht nichts Grundsätzliches dagegen, kurzfristig Notmassnahmen koordiniert zu kommunizieren.» Was nicht gehe und auch die Glaubwürdigkeit beschädige, sei «eine anhaltende und generelle Beisshemmung gegenüber der Obrigkeit, sei sie verordnet oder selbstgewählt». Rückblickend erachtet Looser die «selbstgewählte Nähe» zum Bund als «Fehler», wie er gegenüber der «Weltwoche» in einer Umfrage zum Fall Ringier gestand.

Orchestrierte Aktion von Staat und Medien

Dennoch verhehlt Looser nicht, dass auch «20 Minuten» bei der vom Verlegerverband, den Medienkonzernen und dem Bundesrat eingefädelten Propaganda-Offensive widerspruchslos mitmachte. Auf die Frage des «Nebelspalters», ob «20 Minuten» an den Absprachen zwischen Bundesrat und Grossmedien beteiligt gewesen sei, antwortet Looser: «‹20 Minuten› hat am 17. März 2020 zum Auftakt des ersten Lockdowns den orchestrierten Aufruf des Bundesrates an die Bevölkerung zu Hause zu bleiben – wie die anderen Medien – prominent veröffentlicht, genauso wie den offenen Brief von Bundesrätin Simonetta Sommaruga vom 21. März 2020.»
Dies zeigt: Dass die tonangebenden Schweizer Medien in der Pandemie mit dem Bundesrat unter eine Decke steckten, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist eine Tatsache, die nun Stück für Stück ans Licht kommt.

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