Lockdown: Der Fokus auf die Fallzahlen verhindert Lockerungen

Lockdown: Der Fokus auf die Fallzahlen verhindert Lockerungen

Die Spitäler sind nicht ausgelastet, die Risikogruppen geschützt. Trotzdem dürfte enttäuscht werden, wer auf Öffnungen hofft.

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von Sebastian Briellmann am 19.3.2021, 06:00 Uhr
Allein, allein: Der Lockdown verhindert Besuche in den Restaurants. Foto: Shutterstock
Allein, allein: Der Lockdown verhindert Besuche in den Restaurants. Foto: Shutterstock
Heute wird der Bundesrat verkünden, welche Lockerungen aus seiner Sicht für die Schweiz möglich sind. Vier Kriterien müssen erfüllt sein:
  • Positivitätsrate bei den Corona-Tests unter fünf Prozent
  • Weniger als 250 Intensivplätze in den Spitälern mit Corona-Patienten belegt
  • R-Wert über die letzten sieben Tage unter 1
  • 14-Tage-Inzidenz am 17. März nicht höher als am 1. März (164)
Schon jetzt ist absehbar: Wer auf Lockerungen hofft, dürfte enttäuscht werden. Drei von vier Kriterien sind nicht erfüllt. Und zwar jene, die direkt mit den Fallzahlen zusammenhängen. Nur die Auslastung der Intensivplätze mit Corona-Patienten ist tiefer als vorgegeben.
Das sorgt für Unverständnis: Mehrere Kantone fordern vom Bundesrat beherztere Lockerungen. Baselland möchte die Restaurants - inklusive Innenräume – etwa bereits im April öffnen. Der Kanton Aargau plädiert ebenfalls für eine komplette Öffnung der Gastro-Betriebe. (Lesen Sie hier, wie sich die Kantone für Lockerungen einsetzen.)
Auch die Infektiologin Valérie D’Acremont hat kürzlich im Schweizer Fernsehen gesagt, «dass die Fallzahlen weniger stark gewichtet werden sollten». Die Forscherin hat sich in der Romandie angesehen, wie sich das Virus ausbreitet. Sie kommt zum Schluss: Da die gefährdeten Personen geimpft werden – beziehungsweise geimpft sind –, sei die Zahl der Fälle nicht mehr massgebend.
Gegenüber SRF schlägt sie drei andere Kriterien vor: «Wichtig ist die Anzahl der Spitaleinweisungen, die Zahl der Todesfälle und die Zahl der Betroffenen in Alters- und Pflegeheimen. Und da sehen wir zum Beispiel im Kanton Waadt bereits einen deutlichen Rückgang der Fälle und Todesfälle dank der Impfung in den Altersheimen.»

Risikogruppe gut geschützt

Die neusten Zahlen des BAG für die ganze Schweiz zeigen im Sieben-Tage-Schnitt: Auf 100’000 Einwohner gibt es in der Kategorie der über 80-Jährigen aktuell 55 Fälle und 12 Spitaleintritte. Zur Einordnung: In der zweiten Welle waren es über 400 Fälle respektive über 100 Spitaleintritte pro 100’000 Einwohner.
Die Zahl der Todesfälle, wiederum auf 100’000 Einwohner gerechnet, sank von rund 100 im Dezember auf knapp acht.
Die Risikogruppe wird also mittlerweile gut geschützt.
Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll der Fokus auf die Fallzahlen ist. Im Vergleich zur letzten Woche sind zwar ein Viertel mehr positive Fälle gemeldet worden, allerdings stieg auch die Anzahl Tests um rund 25 Prozent. Ein Nullsummenspiel?
Befürworter der bundesrätlichen Strategie sagen gerne: Käme es nur auf die «Auslastung der Intensivplätze mit Corona-Patienten unter 250 belegten Betten» an, könnte der Bedarf bei einem starken Anstieg zu spät erkannt werden. Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen spricht sich ebenfalls für mehrere Kriterien aus. Er sagt aber auch: «Die Schwierigkeit dabei ist, dass auch diese im Gesamtkontext interpretiert werden müssen.» Vollständig überzeugt wirkt dies nicht.
Das wichtigste Ziel des ersten Lockdowns vor einem Jahr: Die Gesundheitsversorgung soll sichergestellt werden. «Flatten the curve.» Das Flachhalten der Kurve. Jetzt ist die Situation anders. Die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens scheint relativ gering. Die Spitäler sind derzeit nur zu 76 Prozent ausgelastet – 3,7 Prozent davon sind Corona-Patienten. Die Intensivstationen sind sogar nur zu 70 Prozent belegt (knapp 17 Prozent von Corona-Patienten).
Berücksichtigen muss man auch, dass die Betten auf den Intensivstationen seit November stetig weniger werden. Circa 930 sind es derzeit. Mitte April letzten Jahres sind es noch 1500 gewesen. (Lesen Sie hier die Recherche zur Anzahl Spitalbetten.)

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