Linksintellektuelle entdecken die (theoretische) Lust an der Gewalt

Linksintellektuelle entdecken die (theoretische) Lust an der Gewalt

Wenn vom Dach der Reithalle Steine Richtung Polizisten fliegen, ist alles ziemlich normal. Nun aber gibt es eine neue Erscheinung: Gewaltfantasien in sozialen Medien von linken Vordenkern, die sich sonst hyperintellektuell geben. Sie wollen Fäuste sprechen lassen – und sagen das auch offen.

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von Stefan Millius am 26.7.2021, 16:00 Uhr
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Es wäre eigentlich eine Angelegenheit für die Sozialforschung. Man findet nur so schlecht Sozialforscher, die Gewalt – oder Androhung von Gewalt – von linker Seite thematisieren möchten. Oder nur schon darüber nachdenken wollen. Es gibt massenhaft Publikationen, die sich mit Gewalt von rechts befassen. Kommt sie von links, ist sie aber zumindest irgendwie gut gemeint und damit automatisch weniger dramatisch. Gewaltlose Gewalt gewissermassen. Das gibt es natürlich. Deshalb hatten wir ja alle als Teenies auch ein Che-Guevara-Poster im Zimmer.
Dabei ist es mittlerweile unübersehbar, dass auch links der Mitte ein grosser Teil der persönlichen Psychohygiene über die verbale Androhung von Gewaltakten läuft. Den Rapper Knackeboul und sein Verlangen nach einer «Faustparty» haben wir ja bereits einmal thematisiert.
Aber auch der Blogger Reda El Arbi sucht nach einem neuen Betätigungsfeld für seine Hände. «Impfen, oder eins in die Fresse» twitterte er unlängst – kreative Kommasetzung inklusive. Das fand ein grosser Teil seiner Gefolgschaft zum Brüllen komisch, entsetzt war kaum jemand. Auch Twitter selbst übrigens nicht. Wer Impfunwillige verprügeln will, befindet sich offenbar total im Einklang mit den Richtlinien des Mediums.
Was rein erzieherisch natürlich Fragen aufwirft: Muss man nun seinen Kindern erklären, dass «eins in die Fresse» von Leuten, die sich keine Spritze setzen lassen wollen oder eine «Faustparty» in den Gesichtern von ungeliebten Journalisten völlig in Ordnung ist? Dass Gewalt nicht per se schlecht, sondern eine Frage des Standpunkts ist? Muss Gewalt neu definiert werden? «Sohn, es ist völlig in Ordnung, dass du Marius eine reingebrettert hast, sein Vater hatte kürzlich im Volg keine Maske an.»
Die alte Welt war wirklich einfacher. Eine Glatze in Kampfstiefeln und mit einem Bierfass intus: Dass davon Gefahr droht, war immer klar, und man konnte einen grossen Bogen um diese Verirrung der Evolution machen. Die neuen potenziellen Schläger hingegen, die ihre Lust an Gewaltakten offen zelebrieren, tragen Brille oder sind ehemalige Moderatoren von Kindersendungen im Schweizer Fernsehen. Auf nichts ist mehr Verlass.
Andererseits kann man dieser Entwicklung auch relativ entspannt zusehen. Denn eines ist der neuen Front der Verbalgewalt-Euphoriker gemeinsam: So richtig Angst haben kann man nicht vor ihnen. Dazu wirken sie nun doch ein bisschen zu fragil.

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