Können ist alles, Wissen ist nichts. Und den Rest googeln wir? Wie wir unser KV ruinieren

Können ist alles, Wissen ist nichts. Und den Rest googeln wir? Wie wir unser KV ruinieren

Die KV-Reform wird kommen. Zwar ein Jahr später als geplant, nämlich 2023, aber die Probleme der Neuausrichtung bleiben. Es ist unbegreiflich, dass wir unser duales System, für das wir weltweit bewundert werden, ohne Not schwächen.

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von Sebastian Briellmann am 4.6.2021, 18:16 Uhr
Wird die Schule nun zum Hort der Verzweiflung? Foto: Shutterstock
Wird die Schule nun zum Hort der Verzweiflung? Foto: Shutterstock
Für keine Ausbildung begeistern sich in der Schweiz mehr Schüler, 13’000 beginnen jedes Jahr eine Kaufmännische Lehre. Das bedeutet: Jeder sechste Lehrling ist ein KV-ler. Säulen der Schweiz. Vielleicht werden sie das auch bleiben, noch ist nicht absehbar, wie sich die KV-Reform «Kaufleute 2022» auf das Interesse von überwiegend jungen Menschen auswirken wird. Man hofft das Beste, man befürchtet das Schlimmste.

Die grosse KV-Reform

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So sieht der Unterricht der Zukunft aus
Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sieht vor, dass Schulfächer durch Handlungskompetenzen ersetzt werden. Smalltalk statt Rechnungswesen: Es klingt wie ein schlechter Witz. Zudem wollten die Reformer nur noch eine obligatorische Fremdsprache. Das wäre das Ende des Französischunterrichts gewesen, da Englisch in der Regel von den Schülern bevorzugt wird. «Flexiblere Modelle» sollen die bekannten Profile ablösen. Das droht das Niveau noch mehr zu verwässern – zum Leidwesen der schlechteren Schüler.
Lehrerverbände, Politiker, Wirtschaftsvertreter: Endlich üben sie Kritik an der Reform, die von der Schweizerischen Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen (SKKAB) orchestriert wurde. Sie äussern sie allerdings erst jetzt, wo praktisch alles entschieden ist. Dafür können sie nichts: Die Reform wurde – wie bereits andere zuvor – im stillen Kämmerlein entwickelt. GLP-Nationalrätin Katja Christ spricht zu Recht von einer «Teppichetage-Reform»: «Mit der Praxis hat das nichts zu tun, im Gegenteil, die Praxis wurde komplett ausgeschaltet.»

Reformieren, um des Reformierens willen

Was unbegreiflich bleibt: Wieso passen wir unseren dualen Weg, der weltweit bewundert wird, weniger erfolgreichen europäischen und amerikanischen Systemen an? Vielleicht ist unser Königsweg nicht so «modern», nicht so «progressiv», aber er ist eines ganz sicher: maximal erfolgreich. Dass immer reformiert werden muss, obschon keine grossen Probleme existieren, ist eine mühsame Marotte der Neuzeit. Weil: Neu ist nicht immer besser.
Die Anbiederung an das amerikanische System der Output-Orientierung ist unverständlich, der Nutzen nicht ersichtlich. Können ist alles, Wissen ist nichts, wenn es nach dem amerikanischen System geht. Die Zeit, so die Überzeugung, reicht heute nicht mehr aus, vertieft zu lernen – den Rest kann man googeln. Das ist verrückt: Wer nichts weiss, weiss auch nicht, was er im Internet zielführend nachschlagen soll. Lernen lässt sich nicht beschleunigen – auch wenn die Bildungsgötter das zu glauben wissen. Es gibt keine Abkürzungen, keine Tricks, keine Überholspur.

Viel Geschwurbel...

Immerhin, muss man sagen, haben die Kritiker erreicht, dass die Reform erst ein Jahr später, also 2023, in Kraft tritt. Das haben die Verantwortlichen am Freitag bekannt gegeben. Dank des Protests liegt nun laut den Verantwortlichen ein «innovatives und zukunftsgerichtetes Fremdsprachenkonzept vor, welches auch weniger sprachaffinen Jugendlichen den Zugang zu einer zweiten Fremdsprache ermöglicht». Was das heisst, weiss kaum einer – und versteht auch fast niemand mehr.
Genau hier liegt das Hauptproblem dieser Reform: Es ist ein Papiertiger, voller Geschwurbel, voller hohlen Phrasen. Ein Beispiel, was die Reformer als wichtig empfinden: «Die Arbeitssituationen werden kompetenzorientiert unterrichtet.» Was heisst das? Wie soll das gehen? Was ist eine Kompetenz? Kann man diese überhaupt unterrichten?

Verbesserungen sind möglich

Die Betroffenen haben das gemerkt. Dass der Zürcher Lehrerverband die KV-Lehre nach der Reform «banalisiert» sieht, die «in eine Sackgasse ohne sinnvolle Anschlussmöglichkeiten» führte: Das ist eine starke Aussage. Und wenn die Banken zum Beispiel alarmiert an die Medien gelangen, ist das aus mehreren Gründen bemerkenswert: Sie machen sich nicht nur grosse Sorgen um die künftige Kompetenz ihrer Lehrlinge, wenn es um wirtschaftliches Knowhow geht, sie weisen auch darauf hin, dass die Muttersprache noch mehr vernachlässigt wird. Viele Lehrlinge beherrschen diese nicht genügend – was nicht nur ein Problem des KV ist.
Interessant ist auch, dass die Schweizerische Bankiervereinigung nun das Wording der Banken auch noch übernimmt. Dies, obschon der Bankenverband auch im Vorstand der SKKAB sitzt – und sich in der Erarbeitungsphase immer wieder positiv dazu geäussert hat. Bereut man da nun einen grossen Fehler?
Bei allem Ärger, bei aller Sorge: Das Gesamtkonzept lässt sich nicht mehr verändern. Das SBFI verneint denn auch, dass es zu einem Neustart kommen könnte. Das ist zwar bedauerlich, aber laut Insidern gibt es durchaus Möglichkeiten, sich aktiv für eine Veränderung des Inhalts einzusetzen. Je mehr beim Alten bleibt, desto besser. Man hofft das Beste, man befürchtet das Schlimmste.

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