Klimaaktivist: «Ich hoffe, dass es das nächste Mal wärmer ist»

Klimaaktivist: «Ich hoffe, dass es das nächste Mal wärmer ist»

Monatelang war es still rund um die Klimabewegung Fridays for Future. Nun hat die Bewegung zum internationalen Sitzstreik aufgerufen. Auch in Schweizer Städten wurde demonstriert.

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von Serkan Abrecht am 19.3.2021, 19:00 Uhr
Keine Demo: Das Schild kommt in Bern nicht zum Einsatz. Bild: Serkan Abrecht
Keine Demo: Das Schild kommt in Bern nicht zum Einsatz. Bild: Serkan Abrecht
Mitarbeit: Stefan Bill, Sebastian Briellmann
Schauplatz Zürich, genauer: Sechseläutenplatz. Es ist 16:30 Uhr, eigentlich sollte jetzt der Sitzstreik der Klimajugend stattfinden, der übrigens nur in Zürich keine Bewilligung erhalten hatte. Die Polizei ist schon vor Ort und versucht, mit «Dialogteams» die Demonstrierenden vom Platz zu schicken. Die grösste Herausforderung scheint darin zu liegen, herauszufinden, wer eigentlich hier ist, um zu demonstrieren. Zwar haben sich auf dem Platz viele Leute versammelt: Väter, die mit ihren Kindern Drachen steigen lassen, Ehepaare, die gemeinsam Kaffee trinken – und Polizisten. Doch nur wenige Anwesende sind anhand ihrer Schilder effektiv als Anhänger der Klimajugend zu identifizieren.
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Sechseläutenplatz um 17:30 Uhr (Bild: Stefan Bill)
Bereits um 16:40 Uhr fährt ein Polizeiauto auf die Mitte des Platzes. Über die Lautsprecher wird verkündet: «Die Veranstaltung wird aufgelöst.» Man gebe den Anwesenden 15 Minuten, um den Platz zu räumen.» Banner werden zusammengefaltet, Schilder in Rucksäcke verstaut. Viele verlassen den Platz. Plötzlich ist ersichtlich, wer hier eigentlich demonstriert. Nämlich die etwa zehn Gruppen an vier bis fünf Personen, die sitzen bleiben – für fünf Minuten.
Dann beginnt die Polizei die Identität der Anwesenden zu kontrollieren. Und plötzlich sind alle weg. Alle? Nein! Eine kleine Gruppe leistet Widerstand.
Die letzten drei Aktivisten wollen den Platz nicht verlassen (Video: Stefan Bill)
Drei Jugendliche bleiben sitzen, umringt von mindestens fünf Mal mehr Journalisten und etwa gleich vielen Polizisten. Etwa dreissig Leute kümmern sich um drei Demonstranten. Insgesamt eine Stunde bleiben die drei bei kaltem Wind am Boden sitzen. Die Journalisten warten beharrlich und werden schliesslich mit Videomaterial belohnt, wofür sie eine Stunde frieren mussten: Die drei Jugendlichen werden in Handschellen gelegt und im Kastenwagen abgeführt.
Das kann Aktivist Cyrill Hermann nicht verstehen: «Die Coronaregeln wurden eingehalten», bekräftigt er. Im grossen Ganzen ist er aber zufrieden, wie die Aktion gelaufen ist: «Wir haben das geplant, was wir auch gemacht haben.» Er bereut nur, dass nicht mehr Leute zu dem Protest gekommen sind, erklärt sich dies aber in erster Linie mit dem Wetter. «Die nächste grosse Aktion wird im Mai stattfinden. Ich hoffe, dann wird es etwas wärmer sein», sagt der junge Mann, der offensichtlich mit Herzblut gegen die Klimaerwärmung kämpft.
Schon ein paar Stunden zuvor, haben sich Berner Klimademonstranten für ihre Kundgebung auf dem Waisenhausplatz zusammengefunden. Nichts ahnend, dass diese zu Nichts führen würde. Noch bevor sich die Organisatoren an die Anwesenden richten können, ertönt nämlich der Polizeilautsprecher: «Für die Kundgebung sind 15 Personen zugelassen. Diese Zahl wurde überschritten. Wir fordern Sie auf, den Platz zu verlassen.» Knapp 300 Demonstranten sind gekommen – und sie scheinen ziemlich überrumpelt von der Meldung der Polizei.
Es geht einige Minuten, bis sie sich zusammenraufen und den Demonstranten mitteilen, dass es zwar richtig sei, was die Polizei sage. Aber jedem sei es selbst überlassen, was das für ihn bedeute und wie er darauf reagiere. Ein Aufruf, die Coronaregeln zu missachten? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Die Polizei weist die Demonstranten vom Platz. (Video: Serkan Abrecht)
Ein paar Aktivisten werden dadurch ermutigt. «We are unstoppable. A better world is possible», skandieren sie. Die Polizei wiederholt ihre Durchsage noch ein halbes Dutzend Mal. Dann zeigt sich, dass einige der Demonstranten doch nicht so «unstoppbable» sind. «Ich will lieber keine Busse», sagt ein Mädchen, das sich samt Schild mit ihrer Freundin davonmacht.
Die Organisatoren bemerken, dass es unter den Demonstranten Fahnenflüchtige gibt. Um sie aufzuhalten, weisen sie darauf hin, dass es unter den Organisatoren auch Juristen gebe, die jederzeit juristische Unterstützung leisten könnten. Handy-Anruf genügt. Die Nummer werde jedem mitgeteilt, der sie brauche, verkünden sie via Lautsprecher. Tatsächlich laufen Frauen in violetten Westen durch die Menge und beraten die Demonstranten. Doch es nützt alles nichts. Einige hart gesottene Aktivisten bleiben sitzen und werden flugs von den Beamten umringt, die ihre Personalien aufnehmen, eine Anzeige aufgeben und ihnen ein Rayonverbot erteilen. Die Klimademo in Bern – sie ist so schnell zu Ende gegangen, wie sie begonnen hatte. 180 Demonstranten hat die Berner Polizei angezeigt.
Sehr viel ruhiger, ja ziviler trägt sich die Demo in Basel zu. Keine Polizei, keine Beschwerden. Und wer sich bei garstigem Wetter – Schneeregen! – klaglos auf den Boden setzt: Chapeau. Dann gibts ein paar Reden und ein bisschen Musik. Die Musik ist ganz gut, die Reden sind es etwas weniger.
Eine junge Frau berichtet über ihre Angst vor dem Klimawandel. Eine Angst, die sich verschlimmert haben muss in den letzten Monaten. Hiess es früher, es sei fünf vor zwölf – ist es nun bereits zu spät, wenn man den Worten dieser Frau Glauben schenken mag.

Kann uns noch jemand retten?

Noch glauben die rund 200 Sitzstreikenden daran. Sie dürfen jetzt auch noch etwas mittun und ein paar Parolen wiedergeben. Es geht, und das ist oft zu beobachten, bei den Verlautbarungen jedoch schnell nicht mehr um die Zukunft und um die Umwelt per se ebenfalls nicht. Stattdessen werden Reden gegen den Faschismus gehalten, gegen Rassismus und Sexismus. Alles scheint aus Sicht der Demonstranten irgendwie zusammenzuhängen, – und die Veranstaltung endet fast etwas in Melancholie. Der Biss, die Wut: War alles schon besser spürbar. Aber vielleicht lags einfach am Wetter.

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