Klimagipfel: Global inszenieren, lokal versagen

Klimagipfel: Global inszenieren, lokal versagen

Glasgow versinkt im Dreck, Hotelzimmer sind Mangelware, Zugfahrer streiken – aber schuld daran soll die verstorbene Margaret Thatcher sein.

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von Dominik Feusi am 1.11.2021, 05:00 Uhr
Glasgow ist zur «Hauptstadt des illegalen Müll-Deponierens» geworden, unmittelbar vor dem Klimagipfel. (Bild: Shutterstock)
Glasgow ist zur «Hauptstadt des illegalen Müll-Deponierens» geworden, unmittelbar vor dem Klimagipfel. (Bild: Shutterstock)
Wenn heute der Klimagipfel im schottischen Glasgow beginnt, haben die normalen Bewohner der Stadt ganz andere Probleme als das Klima. Gehen sie am Morgen aus dem Haus, müssen sie sich über Abfallberge kämpfen und Ratten ausweichen. Ob sie rechtzeitig zur Arbeit kommen, ist fraglich.

Streiks angedroht

Die Müllabfuhr und die Lokomotivführer haben gemäss britischen Zeitungen für die Konferenz Streiks angekündigt und damit Befürchtungen ausgelöst, die 120 in Glasgow erwarteten Politiker und die rund 30’000 Delegierten müssten über Müllsäcke steigen, um zum Kongress zu kommen (Link). Das wäre eine Demütigung Glasgows und Grossbritanniens auf der Weltbühne. Wenn es so weitergehe, gebe es ein «Chaos», zitiert der «Telegraph» einen hohen Beamten der Regierung in London (Link). Auch Hausmeister und Caterer wollen in den Streik treten. Die Gewerkschaften nutzen die weltweite Aufmerksamkeit, um die Politik unter Druck zu setzen.
Hotelzimmer sind in Glasgow derart rar, dass Konferenzteilnehmer bis ins 250 Kilometer entfernte Newcastle einquartiert wurden. Von wo sie mit dem Auto nach Glasgow fahren müssen. Und jene Zimmer, die es in Glasgow hat, sind über Nacht um 3000 Prozent teurer geworden. Eine Wohnung im Stadtteil Kelsinggrove wurde auf Air BnB für 103’000 Pfund für zwölf Nächte vermietet.

Kreuzfahrtschiffe zum Übernachten

Damit das am Kongress benötigte Personal wenigstens in der Nähe übernachten kann, wurden kurzfristig – ausgerechnet für einen Klimagipfel – zwei osteuropäische Kreuzfahrtschiffe im Firth of Clyde verankert. Und weil keine Züge fahren, erwartet man am Klimagipfel ein riesiges Chaos auf den Strassen, noch verstärkt durch Protestaktionen von Extinction Rebellion, die wichtige Strassenkreuzungen blockieren will. Die Stadtverwaltung veröffentlichte einen Plan, wo in Glasgow mit Behinderungen zu rechnen sei, bei dem fast die ganze Stadt rot eingefärbt ist.
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Schottische Polizisten bereiten sich und ihre Motorräder auf Proteste vor. (Bild: Keystone)
Bei der Ankündigung des Tagungsortes vor zwei Jahren sagte die damalige konservative Energieministerin noch, Glasgow sei der ideale Veranstaltungsort, weil es «eine der nachhaltigsten Städte Grossbritanniens mit einer grossartigen Erfolgsbilanz bei der Ausrichtung hochkarätiger internationaler Veranstaltungen» sei.

Illegale Abfallberge

Von diesem Ruf ist jetzt nichts mehr zu sehen. Vor Monaten entschied der von der links-nationalistischen Scottish National Party (SNP) dominierte Stadtrat aus Spargründen, den Abfall statt alle zwei nur noch alle drei Wochen einzusammeln. Seither überquellen die Abfalltonnen. Und weil für grosse Gegenstände neu 35 Pfund zu zahlen sind, werden sie illegal deponiert. Glasgow sei die Hauptstadt der illegalen Deponien geworden, sagt der konservative Mitglied des Stadtparlaments Thomas Kerr.
Gefallen hat das niemandem, ausser den Ratten. Deren Population hat sich auf rund 1,3 Millionen vervielfacht. Müllmänner würden täglich angegriffen und gebissen, sagte der zuständige Gewerkschaftssekretär der Zeitung «Daily Record» (Link). Ein Sprecher der Stadtregierung sieht darin allerdings kein Problem. Illegal deponierte Abfälle würden innerhalb von zwei Tagen entfernt, und die Rattenpopulation in Glasgow sei «der Grösse der Stadt völlig angemessen».

Thatcher ist schuld

Susan Aitken, Vorsitzende des Stadtrates von der SNP, findet, die Stadt müsse nur etwas «auf Vordermann» gebracht werden und im Übrigen hätten alle Städte Ratten. Das Problem sei von Margaret Thatcher verursacht, so zitierte sie die Zeitung «Daily Mail»: «Vieles davon ist ein Erbe unserer postindustriellen Vergangenheit, als die Thatcher-Regierung Glasgow im Stich liess und die Gemeinden in der ganzen Stadt verwahrlosen liess.»
Margaret Thatcher trat vor 31 Jahren als Premierministerin zurück. Aitken war damals 19 Jahre alt. «Vielleicht sollten Sie sich lieber eine der Maximen der Eisernen Lady zu Herzen nehmen und anfangen, persönliche Verantwortung für Ihr eigenes Handeln zu übernehmen», höhnte der frühere schottische Labour-Abgeordnete Tom Harris (Link). Aitken leitet die Stadtregierung Glasgows seit 2017. Aitkens Partei regiert Schottland seit 14 Jahren.

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