Kernkraftwerke töten nicht öfter als Solarpanels – Schlumpfs Grafik, Folge 25

Kernkraftwerke töten nicht öfter als Solarpanels – Schlumpfs Grafik, Folge 25

Ist die Atomkraft eine besonders gefährliche Energieform? Zahlen belegen das Gegenteil: Was die Zahl der Todesopfer angeht, schneiden AKW nicht schlechter ab als Wasserkraft und erneuerbare Energie.

image
von Martin Schlumpf am 20.12.2021, 13:30 Uhr
Sicherheit wird gross geschrieben: Radioaktiver Abfälle in Behältern im Zwischenlager Würenlingen. Bild: Keystone
Sicherheit wird gross geschrieben: Radioaktiver Abfälle in Behältern im Zwischenlager Würenlingen. Bild: Keystone
Die zwei grossen Nuklearkatastrophen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) haben die Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie in eine fatale Richtung gedrängt: Das Gefühl der Angst, speziell geschürt durch aufgebauschte Katastrophenmeldungen, beherrschte die Diskussion und führte zu teilweise panischen Reaktionen, die keiner sachlichen Reflexion standhalten.
Mit zehnjähriger Distanz zu Fukushima können wir aber heute die Frage «Wie sicher und sauber sind unsere Kernkraftwerke?» nüchterner betrachten. Machen wir das zuerst auf globaler Ebene, und da sozusagen mit der härtesten Währung: Der Statistik über die Zahl der Todesfälle, die von den verschiedenen Strom-Energieträgern verursacht werden. Dabei kann man drei Bereiche unterscheiden: Todesopfer wegen Luftverschmutzung, wegen Unfällen und wegen Folgen der Klimaerwärmung.

Welche Stromquellen verursachen am meisten Todesopfer?

Auf der von mir hier auch schon verwendeten wissenschaftlich unabhängigen Webseite «Our World in Data» habe ich dazu die beste Zusammenstellung gefunden (siehe hier):

image
Quelle: Our World in Data

  • Schlumpf Grafik 25.png

Für die wichtigsten Arten der Stromerzeugung, von Kohle bis Solar, zeigt die Grafik auf der linken Seite die Zahl der Todesopfer wegen Luftverschmutzung und Unfällen und auf der rechten Seite die Zahl der ausgestossenen Tonnen Treibhausgase – immer genormt nach einer bestimmten Menge Strom, und immer auf Lebenszyklus-Analysen basierend: Also inklusive Abbau und Transport der Rohmaterialien, Bau und Betrieb der Anlagen und Abbau derselben.

Atomstrom in der gleichen Klasse wie Erneuerbare

Ich hätte diese beiden Grafiken gerne in eine zusammengefasst, bei der auch die Klimaschäden aus der Treibhausgas-Belastung in Todesfälle umgerechnet worden wären. Dies hat der Autor der Webseite «Tech for Future» in einem seiner Beiträge gemacht (siehe hier). Dabei hat er sich auf eine neue Studie abgestützt, die einen solchen Umrechnungsfaktor angibt. Im Detail sind aber zu viele Fragen offen geblieben, sodass ich meine bereits vorbereitete Grafik wieder verworfen habe.
Die hier verwendete Grafik zeigt aber eindrücklich, wie die drei fossilen Träger im Gesamtbild um mehrere Grössenordnungen schlechter abschneiden als die Erneuerbaren und die Kernenergie. Gemäss dem Titel der Grafik sind also Wasser, Kernenergie, Wind und Solar die sichersten und saubersten Stromquellen. Gut lässt sich zudem herauslesen, wie sehr sich Erdgas unter den Fossilen vor allem von der Kohle positiv absetzt.

Kohle und Öl um mehrere Grössenordnungen schlimmer

Betrachtet man nur die Opferzahlen durch Luftverschmutzung und Unfälle (links), fällt eine gewaltige Differenz zwischen Kohle und Öl einerseits und Nuklearenergie und Erneuerbare andererseits auf. Die dort gezeigten abstrakten Zahlen kann man sich folgendermassen vergegenwärtigen: In einer Stadt der Grössenordnung von Basel würden jedes Jahr wegen Kohlekraftwerken 25 Menschen zusätzlich sterben, wegen Gas wären es 3 Menschen, wegen Kernkraftwerken aber würde es 14 Jahre und wegen Solaranlagen sogar 50 Jahre dauern bis ein Mensch sterben würde.
Weil wir hier aber die Bedeutung von Tschernobyl und Fukushima in der Sicherheitsdiskussion über Kernenergie richtig einordnen wollen, müssen wir nun wissen, wie die aus der Grafik abzulesende Zahl von 0,07 Todesfällen durch Nuklearstrom zustande gekommen ist. «Our World in Data» hat für Tschernobyl einen Bericht der Weltgesundheits-Organisation (WHO) von 2005/06 verwendet, der von 4000 Toten ausgeht. Bei Fukushima rechnen sie mit 574 Todesfällen, und schliesslich kommt noch ein Teil dazu, der die Folgen des Uranbergbaus berücksichtigt.

Nuklearstrom ist am sichersten und saubersten

Diese Zahlen sind aber viel zu hoch. Denn im Falle von Tschernobyl kommt die bisher grösste, vom UNO-Spezialgremium Unscear verfasste neuere Studie zu viel kleineren Zahlen. Und wenn man berücksichtigt, dass ein Unfallhergang wie in Tschernobyl bei uns nie hätte stattfinden können, und dass es in Fukushima keine direkt strahlenverursachten Todesopfer gibt, müsste der Wert bei etwa 0,02 liegen – gleich hoch wie bei Wasser und Solar. Und wenn man dann auch noch die Treibhausgas-Belastung (rechte Grafik) dazurechnet, schneidet die Atomenergie sogar am besten ab – vor Wind und Solar und Wasser.

Sind unsere AKW «Schrottreaktoren»?

Zusätzlich gibt es berechtigte Zweifel an der sehr niedrigen Zahl der Toten wegen Solaranlagen. Da der weitaus grösste Teil dieser Panels in China hergestellt wird, wo man über die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorschriften praktisch nichts weiss, dürfte ein realistischer Wert für Solar ziemlich sicher deutlich über 0,02 zu stehen kommen.
Diese Qualifizierung verträgt sich nun aber schlecht mit der Klage vieler Umweltbesorgter, unsere Atomkraftwerke seine veraltete «Schrottreaktoren», die ständig Pannen hätten, und deshalb so rasch wie möglich abzuschalten seien. Schauen wir uns dazu das aktuellste Beispiel an: Was geschah im Kernkraftwerk Leibstadt während der letzten Abschaltung, die am 4. Dezember dieses Jahres – einige Wochen später als geplant – zu Ende ging?

Unsere Kernkraftwerke werden ständig nachgerüstet

Bei den folgenden Informationen stütze ich mich weitgehend auf Informationen von Johannis Nöggerath ab, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft der Kernfachleute, SGK. Grundsätzlich bemühen sich die Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke durch ständiges Nachrüsten, ihre Anlagen auf einem quasi-aktuellen Stand der heutigen Kraftwerkstechnik zu halten.
Zu diesem Zweck wurde in Leibstadt in den vergangenen Monaten zwei Grossprojekte realisiert. Erstens wurde das Reaktorwasser-Umwälzsystem des Reaktordruckbehälters vollständig erneuert, was betriebliche Vorteile, aber auch Verbesserungen bei der Sicherheit bringt. Und zweitens wurde der Kondensator unterhalb der Turbine komplett mit über 50'000 eingeschweissten Rohren neu bestückt und konstruktiv teilweise verbessert.

Leistungssteigerung dank zwei Grossprojekten

Damit ist das Kraftwerk nun imstande, seine elektrische Leistung auf nahezu 1'300 Megawatt zu erhöhen, und damit eine zuverlässige Stromproduktion vor allem auch im Winter zu gewährleisten, die 15 Prozent unseres Gesamtstromverbrauchs abdeckt, was der Versorgung von 1,3 Millionen Menschen entspricht.
Der Grund, warum die Realisierung dieser beiden Grossprojekte mehrere Wochen mehr in Anspruch nahm, liegt bei den ausserordentlichen Corona-Bedingungen, die zu erfüllen waren. Dass es überhaupt gelungen ist, mit weit über 1000 beteiligten Personen und kompromisslos eingehaltenen Hygieneregeln die Projekte ohne Krankheitsausbrüche erfolgreich abzuschliessen, verdient Respekt.

Kontrolle durch internationale Expertenteams

Aber nicht nur technisch-betrieblich sollen die Schweizer Kernkraftwerke auf bestem Stand bleiben, sondern auch, was die Sicherheitskultur betrifft. Um diese auf hohem Niveau halten zu können, werden neben der direkten Alltagsaufsicht durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) alle paar Jahre High-End-Expertenteams aus verschiedenen Ländern zusammengestellt, die sich über einen Zeitraum von etwa drei Wochen den verschiedenen Betriebs- und Sicherheitsthemen einer Anlage widmen.
Solche Überprüfungsmassnahmen werden durch zwei verschiedene Organisationen beauftragt. Einerseits durch den Weltverband der Kernkraftwerksbetreiber (Wano) und andererseits durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA). Damit wird sichergestellt, dass notwendige Verbesserungspunkte identifiziert und Massnahmen gefordert werden, deren Umsetzung bei einem späteren Besuch überprüft wird.

Atomkraft versus Fotovoltaik

In der Schweiz sollen Atomkraftwerke durch Fotovoltaik-Anlagen ersetzt werden. Daraus ergeben sich zahlreiche Probleme für die Netzstabilität und die Versorgungssicherheit beim Strom – insbesondere im Winter. Um nicht in einen Blackout zu laufen, müssen die Vor- und Nachteile von Atom und Solar gegeneinander abgewogen werden. Martin Schlumpf geht in einer Reihe von Beiträgen zentralen Aspekten von Atomstrom nach, wie Speicherung, Sicherheit, Strahlung, Abfälle und Kosten – und illustriert diese wie immer mit einer einschlägigen Grafik.
Atom 1: Atomkraft ist zuverlässiger als Sonnenenergie: siehe hier
Atom 2: Solarstrom vegrössert die Winterstromlücke um das Dreifache: siehe hier
Atom 3: Solarstrom bedeutet Ressourcenverschleiss: siehe hier
Atom 4: In Uran steckt gewaltig viel Energie: siehe hier

Mehr von diesem Autor

image

Die Entsorgung radioaktiver Abfälle ist technisch gelöst – Schlumpfs Grafik, Folge 27

Martin Schlumpf17.1.2022comments

Ähnliche Themen