Keine Zeit für Herrn Baehny oder warum Alain Berset versagt hat

Keine Zeit für Herrn Baehny oder warum Alain Berset versagt hat

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von Markus Somm am 3.4.2021, 19:02 Uhr
Alain Berset, Bundesrat (SP). Als Vorsteher des Departements des Innern ist er faktisch der Corona-Minister der Schweiz.
Alain Berset, Bundesrat (SP). Als Vorsteher des Departements des Innern ist er faktisch der Corona-Minister der Schweiz.
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Lonza hätte die Schweiz gerne zu einem führenden Produzenten von Impfstoff gegen Corona gemacht. Der Bund fand das nicht so nötig. Analyse eines Vorurteils.

Seine Eminenz, Alain I., hatte ganz wenig Zeit für ein ganz kurzes Telefongespräch mit dem Präsidenten von Lonza, Albert Baehny, sicher ein unbedeutender Mann von einem unbedeutenden Konzern. Baehny hatte den Bundesräten Berset (SP) und Simonetta Sommaruga (SP) kurz zuvor einen Brief geschrieben und Hilfe angeboten. «Opportunity for Switzerland to take a lead role in the fight against COVID-19», eine grosse Chance für die Schweiz in der Bekämpfung von Corona eine führende Rolle zu spielen, lautete die Betreffzeile. Lonza, so schrieb Baehny, produziere bald einen Impfstoff gegen Corona – unter anderem in Visp, was den Bund doch interessieren müsste, zumal die amerikanische Firma Moderna, mit der man kooperierte, wohl zu einem Geschäft auch mit dem Bund zu bewegen sei, wie er durchblicken liess. Warum sollte die Eidgenossenschaft nicht Kapital für eine eigene Produktion einsetzen? Baehny stellte sehr viele Impfdosen in Aussicht, über die die Schweiz früh und allein verfügen könnte, – und Baehny wusste, wovon er sprach. Es war kein Pipe Dream, den er ankündigte. Immerhin hatte Lonza Moderna auf Herz und Nieren geprüft – die Firma, ein Start-up, galt als zuverlässig, ihr Impfstoff als vielversprechend. Deshalb investierte Lonza selber Millionen von Franken im dreistelligen Bereich in diesen neuen Impfstoff. Wir befinden uns im April 2020. Die Pandemie hatte uns alle im Griff. Vermutlich auch Berset und Sommaruga.

Stille Tage in Bern

Doch die beiden Sozialdemokraten, die noch nie in ihrem Leben in der Privatwirtschaft tätig waren, obschon sie doch ein gewisses Alter erreicht haben, die beiden Sozialdemokraten vermochte Baehnys Vorstoss nicht besonders zu fesseln. Dies zeigt eine glänzende Recherche der NZZ am Sonntag auf. Berset gewährte nach dem Brief dem kleinen Präsidenten dieser kleinen Bude in Basel ein sehr knappes Telefonat, wie erwähnt, Sommaruga, die den Brief auch bekam, weil sie damals als Bundespräsidentin amtierte, antwortete offenbar überhaupt nicht. Geschweige denn, dass sie es für nötig befand, den Gesamtbundesrat über das Angebot von Lonza ins Bild zu setzen. Sicher wollte sie die überlastete Regierung keineswegs mit einer weiteren Bürgerzuschrift behelligen, man weiss ja, wieviel Unsinn in der Post ans Bundeshaus steckt. «Meine Katze wird vom Nachbarshund diskriminiert – bitte helfen Sie mir.»
Berset reichte die Offerte von Lonza an seine Beamten weiter. Diese beriefen zwar eine einzige Sitzung mit den Vertretern von Lonza ein, dann hörte Lonza nichts mehr davon. Berset, der Vielbeschäftigte. Was soll er sich um alles kümmern? Immerhin herrschte die Pandemie, alle redeten zwar von der Dringlichkeit eines Impfstoffes, doch Berset, der Politologe und promovierte Ökonom, mochte in Lonzas Anliegen nichts Spezielles zu erkennen. Impfstoffe? In der Ruhe liegt die Kraft, mag Alain I. sich gedacht haben. Und nahm einen Schluck Tee.

Ablenken, Vertuschen, Dementieren

Gedankenloser hat noch nie ein Bundesrat gehandelt – und die FDP liegt vollkommen richtig, wenn sie verlangt, dass diese Vorfälle, ja die ganze Pandemiepolitik des Bundesrates, also faktisch des Alain Berset, von einer PUK, einer Parlamentarischen Untersuchungskommission, ausgeleuchtet wird. Denn hier liegen gröbere Versäumnisse vor.
Gewiss, Bersets Männer für das Grobe in der Kommunikationsabteilung des Departements des Innern (EDI), haben sich in den vergangenen Tagen auffällig bemüht, die Vorgänge einzunebeln. Wer das Geschäft der Propaganda beherrscht, und Bersets Leute gehören zu den Besten und Ruchlosesten im Land, tut immer das Gleiche: Man macht Lärm um Nebensächlichkeiten, bläst Rauch in die saubere Luft, löscht Brände, wo nichts brannte, taucht ins Finstere, wo vorher klare Sicht überwog, bis niemand mehr nichts mehr erkennt: Lonza habe den Bund in erster Linie dazu veranlassen wollen, sich finanziell zu beteiligen, über eine eigene schweizerische Produktionsstrasse, wie in den Medien berichtet, sei nicht gesprochen worden. Ebenso wurde vom EDI – vorsichtig zwar, aber deutlich genug – alles versucht, die Bedeutung der Lonza in dieser Impfstoffproduktion herunterzuspielen, als handelte es sich bei der Firma bloss um den Lieferanten des Beipackzettels. Nie und nimmer, so gaben Bersets Leute zwischen den Zeilen zu verstehen, hätte die Lonza erfüllen können, was ihr Präsident versprochen hatte: Eine vorrangige Belieferung der Schweiz, eine eigene Produktion, ja irgendeinen Vorteil. Baehny muss geträumt haben. Im Übrigen, so das EDI, habe man ja dann mit Moderna das Gespräch aufgenommen, auf Anraten der Lonza, und Berset selbst war gar unverfroren genug, das Angebot von Lonza in der Öffentlichkeit so zu zusammenzufassen: Lonza sei auf der Suche nach Investoren gewesen. Punkt. Von der patriotischen Leidenschaft des Albert Baehny war nichts zu hören, von seinem vornehmen Wunsch, der Schweiz, seiner Heimat, eine konstruktive, ja heroische Rolle in diesem Elend der Pandemie anzuvertrauen, war keine Rede. Stattdessen die üblichen, unausgesprochenen Verdächtigungen. Wenn ein Manager etwas vorschlägt, dann ist etwas faul. Eigennutz, Profitgier, Geld: Man kennt doch diese Leute in der Abzocker-Wirtschaft.
Denn darum geht es. Um die Vorurteile von zwei Sozialdemokraten, die sich nicht vorstellen können, dass eine private Firma irgendetwas Gutes zu bewirken vermag. Was polemisch klingt, ist längst trostlose Wirklichkeit in Bern. Diverse hochgestellte, tüchtige, wichtige Leute der Wirtschaft erzählen mir die immer gleichen Geschichten: Wer mit diesen beiden Bundesräten zu tun hat und leider als Vertreter der Privatwirtschaft kommt, erfährt eine Arroganz, die ihresgleichen sucht, manchmal höflich, öfter kühl, in der Regel misstrauisch, immer moralisch erhaben. Der Politiker weiss alles, tut nur Gutes, der Manager nichts. Wir müssen froh sein, dass wir Steuern bezahlen dürfen, damit diese beiden Bundesräte ihre wertvolle Arbeit verrichten können. Was die beiden Chefs vorleben, imitieren ihre Untergebenen. Inzwischen besteht die Berner Verwaltung, besonders in den sozialdemokratisch beherrschten Departementen, aus einer Ansammlung von Kapitalismus-kritischen Wohltätern, die sich einbilden, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, – während jene, die in der Privatwirtschaft Arbeitsplätze schaffen, Wohlstand vermehren und Innovationen betreiben, unter Generalverdacht gestellt werden.

Unmade in Switzerland

Deshalb kam Baehnys Brief eigentlich nie an, darum meinten die beiden Sozialdemokraten, es gehe ihre übrigen bürgerlichen Kollegen im Bundesrat auch nichts an, und deshalb belegt die Schweiz beim Impfen nun einen der hinteren Ränge. Wir hätten die ersten und die besten sein können, wir wären imstande gewesen, so viele Impfdosen selber herzustellen, wie wir gebraucht hätten, um unsere ganze Bevölkerung zu schützen, wir hätten darüber hinaus zahllose mittellose Länder in Übersee mit Impfdosen Made in Switzerland versorgt, wir hätten die Impfung an die Ärmsten und Schwächsten verschenkt; doch Berset und Sommaruga hatten keine Zeit für den kleinen Herrn Baehny aus dem fernen Basel.
Berset und Sommaruga haben versagt. Nie aber sähen sie das ein. Denn sie sind die Guten.
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Claudia Wirz, Heute, 10:00