Karrierekiller Affäre? «Die Verführung lauert überall»

Karrierekiller Affäre? «Die Verführung lauert überall»

Der Fall von Guy Lachapelle. Der Top-Banker stolpert über die Liebesaffäre mit einer Klinikleiterin. Journalistin Michèle Binswanger hat einen Bestseller über das «Fremdgehen» geschrieben und analysiert das Drama um den Raiffeisenbankier.

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von Serkan Abrecht am 21.7.2021, 07:00 Uhr
Hat alles verloren: Top-Manager Guy Lachappelle. Bild: Raiffeisen.
Hat alles verloren: Top-Manager Guy Lachappelle. Bild: Raiffeisen.
Der Rosenkrieg auf dem Finanzplatz endete in Tränen. Es waren in diesem Fall die von Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle. Er hatte sichtlich Mühe mit seiner Contenance an der Pressekonferenz in einem Basler Zunftsaal. Am Donnerstag hat er seine Karriere beendet. Der ehemalige Verwaltungsratspräsident der Basler Kantonalbank und nun auch ehemaliger Präsident von Raiffeisen hat sie so schnell in den Boden gefahren, wie kaum einer vor ihm. Eine Affäre hat ihm das Genick gebrochen.
Zuvor aber sind Herzen gebrochen worden. Gemäss seinen Aussagen handelte es sich um eine sehr innige Liebesaffäre, die nun so öffentlichkeitswirksam in die Brüche ging. Am Elend von Lachappelle ist auch die Verflossene schuld, sagen seine Unterstützer. Sie hat es offensichtlich darauf angelegt, ihm maximalen Schaden zuzufügen.

«Solche Dinge geraten schnell ausser Kontrolle»

Journalistin Michèle Binswanger sitzt unter einem Blätterdach in Südfrankreich. Irgendwo zwitschert ein Vogel, schellt ein Telefon, werden Stühle herumgerückt, ihr Armband klimpert. Binswanger hat das Bestseller-Buch «Fremdgehen» geschrieben, sprach mit Sexologinnen und Paartherapeuten über das Phänomen. Eines, das in den besten Familien vorkommt, auch bei Top-Bankiers. Guy Lachappelle kostete es heuer den Kopf.
Nicht immer muss das in einer Katastrophe enden, sagt Binswanger. «Im Fall Lachapelle sind offensichtlich verletzte Gefühle im Spiel. Die beiden haben angefangen, hinter den Kulissen gegeneinander vorzugehen. Da wurden Strafanzeigen aufgegeben, Medien involviert. Wenn man anfängt, solche Interna gegen aussen zu tragen, es darauf anlegt, den Ex fertig zu machen, ihn gar zu stürzen, dann geraten die Dinge leicht ausser Kontrolle», sagt Binswanger.

Der Kampf eines verletzten Mannes

Die fremde Liebe, die verbotene Frucht. Wird sie automatisch zum Karrierekiller des erfolgreichen Mannes? «Nicht unbedingt», sagt Binswanger. Wie sich solche moralischen Fehltritte auf das weitere Leben oder die Karriere auswirken, sei davon abhängig, wie man die Situation manage.
Lachappelle hätte vielleicht besser das Gespräch gesucht, die verletzten Gefühle berücksichtigt, sich um Schadensbegrenzung bemüht, sagt die Journalistin. Stattdessen ging er mit dem ganzen Gewicht seiner beruflichen und gesellschaftlichen Stellung auf Konfrontation. Versuchte seine Verflossene mit einer superprovisorischen Verfügung auf stumm zu schalten.

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«Je rigider das moralische Klima, desto grösser das Risiko beim Fremdgehen»: Autorin Michèle Binswanger.

Sie wiederum, ebenfalls eine Karrierefrau, habe mit denselben Mitteln geantwortet. Binswanger: «Die beiden spielen mit hohen Einsätzen. Es wäre in einem solchen Fall klüger, seinen Stolz herunterzuschlucken, auf den anderen einzugehen und eine einvernehmliche Lösung zu suchen, eventuell dabei sogar Hilfe von aussen zu holen. Wer stattdessen Anwälte und Medien losschickt, muss sich nicht wundern, wenn die Situation eskaliert.»
Die beruflichen Konsequenzen ausserehelicher Liebschaften können für Top-Manager oder Politiker viel dramatischer sein als für einfache Angestellte. Wieso gehen Männer in Führungsposition diese Risiken ein? «Es ist der ewige Konflikt in unserem Paarungsverhalten. Denn der Mensch ist evolutionsbiologisch weder eine monogame noch eine polygame Spezies - man spricht von gemischtem Paarungsverhalten: Wir gehen feste Partnerschaften mit monogamem Anspruch ein, leben das aber nicht konsequent.»

Männer wie Ziegen

Männer haben durch das vorherrschende Testosteron eine besondere Disposition dazu, schreibt Binswanger in ihrem Buch – und zitiert dazu Mark Twain: «Ihrem Temperament entsprechend, und dieses ist das wahrhaft göttliche Gesetz, sind viele Männer Ziegen und können nicht anders als fremdgehen, wenn sich ihnen eine Gelegenheit bietet.»
Im Lauf der Geschichte fanden verschiedene Gesellschaften unterschiedlichen Umgang damit, sagt Binswanger: «Je nach Kultur werden Seitensprünge mehr oder weniger akzeptiert – oder entsprechend geahndet. Je rigider das moralische Klima, desto grösser das Risiko beim Fremdgehen. Wir leben trotz unserer freiheitlichen Ansprüche in einer moralisch sehr aufgeladenen Zeit. Da können auch kleine moralische Vergehen grosse Karrieren vernichten.»

Rachsüchtige Frauen?

Warum aber sind es meistens Männer, die über Affären stürzen – sind versetzte Frauen grundsätzlich rachsüchtiger?
«Verletzte Menschen sind manchmal rachsüchtig, ja – ob Mann oder Frau. Oftmals greift die Person in der vermeintlich schwächeren Position zu solchen hinterlistigen Mitteln wie Strafanzeigen oder den Gang an die Presse, weil sie glaubt, sich nur so wehren zu können. Und traditionell sind Frauen in der schwächeren Position», so Binswanger.

Tal der Tränen

Lachappelle sei aber nicht die Affäre selbst zum Verhängnis geworden, sondern seine überstürzte Reaktion auf die sich zuspitzende Krise. «Natürlich ist es kaum machbar, sich im Rausch der Verliebtheit über ein mögliches Ende der Affäre Gedanken zu machen und alle möglichen Konsequenzen durchzurechnen.»
Das Basler Liebesabenteuer hat nun das schlechteste aller erdenklichen Enden gefunden. Buch geschlossen? «Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Affäre nicht ausgestanden ist. Auch die Frau bekleidet eine hohe Position in der Basler Wirtschaftswelt (die Frau ist Leiterin einer Privatklinik, Anm. d Red), die sie momentan noch stützt. Aber je nachdem, wie sich das weiterentwickelt, könnte ihr Verhalten auch auf sie zurückfallen.»
Für Lachappelle ist jedenfalls Schluss. Aber das Anwaltsgeplänkel zwischen den beiden ehemaligen Liebenden nimmt erst richtig Fahrt auf. Vielleicht werden noch weitere Tränen fliessen.
Michèle Binswangers Buch «Fremdgehen - Ein Handbuch für Frauen» erschien im Ullstein-Verlag.

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