Juhu, die Pandemie hat ein fixes Enddatum!

Juhu, die Pandemie hat ein fixes Enddatum!

Ist es Satire? Ist es der heilige Ernst? Eine Webseite verkündet uns, wann es vorbei ist mit Corona. Es ist… nein. Wir sparen uns die Details der guten Nachricht für später auf. Aber es ist jedenfalls ein mathematisch erhärteter exakter Termin. Klingt gut, ist aber blanker Unsinn.

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von Stefan Millius am 4.6.2021, 15:00 Uhr
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Eine Pandemie ist etwas sehr Dynamisches. Kaum vorauszusehen, kaum zu kontrollieren, kaum zu handhaben. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis hat es ein gewisser Marcus Fihlon aus Luzern aber angeblich geschafft. Er hat das genaue Ende der Seuche in der Schweiz berechnet. Wobei es ein «Work in progress» ist, seine Prophezeiung kann sich je nach Verlauf der Sache noch ein wenig ändern. Grosso modo aber gibt er die Richtung vor.
Ziel: 80 Prozent Immunität
Um was geht es konkret? Das Ende der Pandemie – ob das Wort im Fall von Covid-19 und seiner Auswirkungen gerechtfertigt ist, lassen wir jetzt mal beiseite – ist erreicht, wenn sich eine landesweite Immunität von 80 Prozent einstellt. Dann hat das Virus gewissermassen zu wenig Angriffsfläche, um noch zu wüten. Und das, so die These, ist erreicht, wenn die entsprechende Anzahl von Personen geimpft ist. Denn es reicht bekanntlich plötzlich nicht mehr, vom Virus genesen zu sein, der Schuss muss folgen.
Erstaunlich eigentlich, welche Karriere die Impfung hingelegt hat. Lange hiess es, die zweifache Spritze entbinde nicht vom Befolgen der Schutzmassnahmen wie Maske und Distanz, weil man immer noch ansteckend sei. Inzwischen sind Bundesrat und Behörden derart «giggerig» auf möglichst viele Geimpfte, dass den baldigen Gespritzten das Blaue vom Himmel versprochen wird. Hiess es einst, die Impfung lindere einfach den Verlauf einer Erkrankung, Virenträger und damit potenzielle Anstecker sei man dennoch, ist man inzwischen dank der Spritze die personifizierte Gesundheit auf zwei Beinen. Und damit völlig ungefährlich.
6,9 Millionen braucht es
Und auf dieser neuen, politisch motivierten These basiert die Webseite pandemieende.ch, die der erwähnte Marcus Fihlon gebastelt hat. Bei 8,6 Millionen Einwohner müssen sich demnach 6,9 Millionen impfen lassen, um die 80 Prozent «Immunität» (die Anführungszeichen sind schwer nötig) zu erreichen. Mit Stand von Ende Mai waren rund 1,7 Millionen Leute vollständig geimpft, derzeit werden knapp 80'000 Impfungen pro Tag durchgeführt, gemessen am Schnitt der letzten zwei Wochen.
Der Rest ist ein Kinderspiel auf Primarschulniveau. Die Fragestellung lautet simpel: Wenn es so weitergeht, dann? Also die derzeitige Impfrate hochrechnen, bis man auf den noch fehlenden 5,2 Millionen Bürgern angelangt ist. Und voilà, die Sache ist klar: Die Pandemie endet am… 7. Oktober 2021. Dieser Stichtag hat grosses Potenzial, den 1. August als Nationalfeiertag abzulösen.
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Sobald Rot auf Grün trifft, ist alles gut…
Das Ganze nennt sich «Hochrechnung», mathematisch einwandfrei durchgeführt – und dennnoch reiner Mumpitz. Denn derzeit schmelzen die Ansteckungszahlen wie die Gletscher in Greta Thunbergs schlimmsten Albträumen. Das passiert in erster Linie saisonbedingt, das war im vergangenen Jahr auch schon so. Und der nahende Sommer wird diese Entwicklung noch befeuern. Was der Impfbereitschaft kaum zuträglich ist. Wir erinnern uns an die Schlagzeilen des letzten Jahres: «Wo ist das Virus hin?»
Die Schweiz ruft
Die Impflust ist zudem bei den meisten Leuten längst nicht mehr von der Angst vor einer Erkrankung befeuert, sondern von der Lust nach einer Auslandreise oder einem Konzertbesuch. Wie gut die trägt, wird sich erst noch weisen, aber der Grad der Verzweiflung, der in den Impfkampagnen von Bund und Kantonen liegt, zeigt, dass die Nachfrage nach der doppelten Dosis nicht so gross ist wie gewünscht. 2020 sind viele Leute auf den Geschmack der Schweiz als Ferienland gekommen, und ob sich der indirekte Impfzwang, die neueste Leidenschaft von Bundespräsident Guy Parmelin, politisch langfristig halten lässt, ist offen. Dass sich auch in den nächsten Wochen 80'000 Personen pro Tag impfen lassen werden, ist daher eine reine Annahme. Aber gut, das sagt ja schon das Wort «Hochrechnung», kein Vorwurf an den Schöpfer Marcus Fihlon.
Marketingtechnisch ist die Webseite ohnehin der Brüller, das muss man zugeben. Rund eineinhalb Jahre lang wurden wir in die nackte Panik getrieben, nun kommt ein bis dato unbekannter Luzerner und landet mit einem simplen Dreisatz einen viralen Erfolg. Zwar ungefähr mit der Aussagekraft der Glaskugel von Elisabeth Teissier, aber der hat das medial ja auch nie geschadet, der «Schweizer Illustrierten» und ihrer Ausgabe zum Jahresende sei Dank.
Doch in aller Offenheit: Vieles spricht dafür, dass man sich den 7. Oktober noch nicht rot in der Agenda anstreichen muss. Auch nicht den 5. oder 12. oder 23. Oktober. Denn die Wette gilt: Wenn Corona technisch gesehen dank der Herdenimmunität ausläuft, fällt dem Bundesrat mit Garantie etwas Neues ein, um uns zu erklären, warum wir selbst draussen eine Maske spazieren führen sollen.

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