Joe Biden, der Taliban. Oder warum er das Chaos in Afghanistan überlebt

Joe Biden, der Taliban. Oder warum er das Chaos in Afghanistan überlebt

Nach zwanzig Jahren, 1000 Milliarden Kriegskosten und über 6000 amerikanischen Toten ziehen sich die USA aus Afghanistan zurück, als hätten sie den Krieg verloren. Analyse eines inkompetenten Präsidenten.

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von Markus Somm am 21.8.2021, 03:42 Uhr
Der amerikanische Präsident Joe Biden erklärt, warum er den Abzug aus Afghanistan befohlen hat.
Der amerikanische Präsident Joe Biden erklärt, warum er den Abzug aus Afghanistan befohlen hat.
«Wir haben alle diese Bilder gesehen», sagte George Stephanopoulos, ein berühmter Fernsehmoderator in Amerika: «Hunderte von Menschen eingepfercht in einer C-17, Afghanen, die runterfallen», – und im Hintergrund lief dieser fürchterliche Film, wo man sah, wie Menschen sich an ein startendes Flugzeug hängten, in der Hoffnung, Kabul so verlassen zu können. Joe Biden antwortete kurz angebunden: «Das war vor vier, fünf Tagen». «Aber was ging in Ihnen vor, als Sie diese Bilder sahen?» «Wir müssen das besser unter Kontrolle bringen.»
Selten hat ein amerikanischer Präsident so schnoddrig einen Krieg beendet wie Joe Biden. Gewiss, der alte Mann wirkt nie ganz entspannt, wenn er redet, das Gesicht zu glatt für ihn, einen 78jährigen, so dass man ihn der Botox-Anwendung verdächtigt, die Zunge stets etwas zu schwer, oft macht er die Wörter zu Brei, statt sie auszusprechen, und doch ist er nun Präsident, ein Amt, das er sein Leben lang angestrebt hat, und er ist verantwortlich für eines der grössten aussenpolitischen Desaster der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Stunde der Dilettanten

Wie konnte es so weit kommen? Der einstige amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hatte Biden einmal vorgeworfen, er habe sich bei jeder grossen sicherheits- oder aussenpolitischen Frage der vergangenen vier Jahrzehnte geirrt. Biden, der bewährte Dilettant. Tatsächlich setzte er in dieser Hinsicht nur fort, was sein Vor-Vorgänger Barack Obama vorgemacht hatte: Aus dem Irak waren die USA seinerzeit genauso abrupt abgezogen, ein Chaos hinterlassend, das bald die terroristische Organisation IS für sich nutzte. Es kostete die Amerikaner viel Geld und viel Zeit, um diese Bedrohung wieder einzudämmen. Zeitweise beherrschte der sogenannte «Islamische Staat» halb Mesopotamien, ein Staat der Verbrecher, der vom Verbrechen lebte, wie andere Staaten von ihren Steuern.
In Afghanistan, das die USA in den vergangenen Tagen den Taliban ausgeliefert haben, als ob sie den Krieg verloren hätten, ist eine ähnliche Entwicklung durchaus denkbar. Mag sein, dass die Amerikaner, in der Meinung, dem Nahen Osten endlich den Rücken gekehrt zu haben, nun noch länger bleiben, als sie sich das je vorgestellt haben. Die Taliban, eine Steinzeit-Terrorgruppe, herrschen wieder in Kabul – und kaum hatten sie die Macht ergriffen, tauchten bereits die Chinesen in Kabul auf. Das macht die Sache sehr viel ernsthafter als je zuvor. Der Kalte Krieg, der längst zwischen den USA und den Kommunisten Chinas mottet, – er könnte hier in diesem vermaledeiten Bergland im Hindukusch zum ersten Mal ausbrechen.
Biden, der Verschwender. Wenn man die amerikanischen Experten, Generäle und Veteranen hört, wie sie jetzt den Abzug analysieren, traut man seinen Ohren kaum: Wie war es möglich, dass die Amerikaner in zehn Tagen alles weggeworfen haben, was sie in zwanzig Jahren erreicht hatten – für so viel Geld, für so viele Menschenleben? Rund 2500 US-Soldaten sind in Afghanistan gefallen, dazu sind rund 4000 tote amerikanische Söldner zu zählen, dann vor allem 66 000 Afghanen, die die USA in ihrem Kampf gegen die Taliban unterstützt und dafür ihr Leben gegeben haben. Im historischen Vergleich gehört die Operation am Hindukusch zu den teuersten Kriegen, die Amerika je geführt haben. Rund 1000 Milliarden Dollar haben die USA dafür ausgegeben; wenn im Jahr 2050 alle Schulden beglichen sind, dürfte sich der Betrag auf mehrere Billionen belaufen. Das war mehr Geld, als die Amerikaner im Ersten Weltkrieg (381 Milliarden) oder im Vietnamkrieg (843 Milliarden) eingesetzt haben (umgerechnet in heutigen Dollars). Nur der Irak-Krieg und der Zweite Weltkrieg waren kostspieliger: 1,1 Billionen bzw. 4,7 Billionen.
Vor diesem Hintergrund trifft bestimmt zu, was Biden sagt: Dieser Krieg musste irgendwann aufhören, so konnte es nicht ewig weitergehen. Was aber unverständlich ist und Biden noch lange verfolgen dürfte: Es war keine Schwarz-Weiss-Entscheidung. Ohne weiteres hätten die Amerikaner mit einer kleinen Truppe von vielleicht 2500 Mann die Situation im Land stabil halten können, insbesondere hätte ihnen das erlaubt, eine Luftwaffen-Basis zu betreiben, was sie jederzeit in die Lage versetzt hätte, mit grösseren Beständen zurückzukehren, sollte sich dies als nötig erweisen. Die afghanische Armee wäre so – mit dieser minimalen Unterstützung durch die USA – wohl viel länger imstande gewesen, sich der Taliban zu erwehren. Wenn man daran denkt, dass die USA seit 1945, also seit 76 Jahren, in Deutschland, England, Italien oder Japan Truppen unterhalten, dann fragt man sich, warum um Himmels Willen musste Biden auch den letzten US-Soldaten so rasch aus Afghanistan zurückholen?

Innenpolitik, Innenpolitik, Innenpolitik

Er tat es, weil er ein Politiker ist. Nichts weniger, aber auch nichts mehr. Nicht die Welt will er retten, sondern sein Amt. Und der Umstand, dass er nach einer 51 Jahre dauernden Karriere es fertiggebracht hat, nun im Weissen Haus zu sitzen, zeigt, dass er immerhin weiss, wie man an die Macht kommt. Tatsache ist: Diese Kriege im Nahen Osten – zuerst in Afghanistan, dann im Irak – waren schon lange nicht mehr populär in Amerika. Streng genommen wurde jeder Präsident, seitdem George W. Bush diese Kriege 2001 ausgelöst hatte, nicht zuletzt deswegen Präsident, weil er diese Kriege zu kassieren versprach. Obama wurde 2008 Präsident, weil er dies im Wahlkampf angekündigt hatte, Donald Trump wurde 2016 gewählt, weil er Bushs Kriege als Fehler bezeichnet und genauso den Rückzug in Aussicht gestellt hatte. Dass beide Vorgänger von Biden am Ende zögerten, ist der einzige Unterschied zwischen ihnen und Biden. Denn entgegen dem, was Biden nun behauptet, hatte Trump zwar den Rückzug mit den Taliban ausgehandelt, aber dafür Bedingungen gestellt, die sie samt und sonders nicht erfüllt hatten. So gesehen ist es offen, ob Trump dann wirklich die Nerven bewiesen hätte und abgezogen wäre, hätte er eine zweite Amtszeit bekommen.
Trump wirkte oft irrationaler als er dann handelte, während Biden rationaler erscheint als er ist.
Biden besass diese Nerven. Vielleicht, weil er gar nicht mehr imstande ist, genau abzuschätzen, was er im Nahen Osten anrichtet, noch dass es ihn sonderlich gekümmert hätte. Biden ist kein grosser Aussenpolitiker. He just doesn’t care. Und doch dürfte ihm diese Schnoddrigkeit im eigenen Land nicht zum Verhängnis werden. Die Bilder aus Kabul: Sie sind peinlich, man sieht das nicht gern in Amerika, und doch vergessen die Menschen das schnell. Afghanistan ist ein Land, das sie nicht bewegt, es sei denn, Amerikaner sterben. Vermutlich gehen sie zu Recht ihren täglichen Geschäften nach. Nur die Elite wusste, oder meinte es zu wissen, warum man zwanzig Jahre in Afghanistan blieb.
Keine Frage, Joe Biden beging in den vergangenen Wochen mehr Fehler als in seinem ganzen Leben zuvor, und sicher tat es vielen seiner Anhänger weh, besonders in den Medien, als sie erfassten, wie inkompetent er diesen Abzug erledigte – und doch zieht die Karawane in Washington weiter. Wenn Biden scheitert, dann nicht an Afghanistan, sondern weil er sein eigenes Land nicht viel kompetenter regiert. Bis eine Mehrheit der Amerikaner das erkennt, wird aber noch einige Zeit verstreichen.
Für die Afghanen ist das kein Trost. Sie werden jetzt schon um Jahrhunderte zurück ins Mittelalter geworfen. Sie gehen unter. Sie sterben.

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