Impfdosen: Die Kantone warten auf Alain Berset

Impfdosen: Die Kantone warten auf Alain Berset

Das BAG kommt mit den Beschaffungen von Impfstoffen nicht voran. Deshalb wird in den Kantonen nur wenig geimpft. Betriebsbereite Impfzentren bleiben sogar geschlossen.

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von Serkan Abrecht am 25.3.2021, 10:00 Uhr
Liefert nicht: Die Kantone könnten die Impfstrategie des Bundes erfüllen, wenn dieser die Impfdosen hätte. Bild: Ruben Sprich.
Liefert nicht: Die Kantone könnten die Impfstrategie des Bundes erfüllen, wenn dieser die Impfdosen hätte. Bild: Ruben Sprich.
Bundesrat Alain Berset (SP) enttäuschte am vergangenen Freitag an der Pressekonferenz die Kantone. Lockerungen im Gewerbe werde es nicht geben. Dies, weil die Impfkampagne noch nicht weit genug fortgeschritten sei. Dass für die Besorgung des Impfstoffes sein eigenes Departement verantwortlich ist, liess Berset unerwähnt.
Die Bevölkerung muss also auf das BAG warten, bis sie wieder in den Alltag zurückkehren kann. Auf die Kantone abschieben kann das Alain Berset nicht. In der Schweiz könnte deutlich schneller geimpft werden, wenn das BAG liefern würde. Ungefähr 20’000 Personen werden täglich geimpft. 90’000 müssten es aber sein, damit das Ziel des Bundes von 5,25 Millionen geimpften Schweizer Ende Juni erfüllt wird. Für die Kantone wäre dies kein Problem.

Impfzentrum bleibt zu

Der Kanton Luzern geht davon aus, dass er 2’000 Menschen pro Tag impfen könnte. Nebst dem Impfzentrum in der Stadt Luzern, ist in Willisau ein weiteres bereits betriebsbereit. Doch man wartet mit der Eröffnung bis mehr Impfstoff vorhanden ist.
Im Kanton Zürich stehen elf Impfzentren, rund 900 Ärzte und 150 Apotheken bereit für die Impfungen. 20’000 Impfungen pro Tag könnten gemäss der Gesundheitsdirektion verabreicht werden. Momentan sind es jedoch nur 3’500.

Auslastung von einem Drittel

Ähnlich sieht es auch im Kanton Bern mit seinen neun Impfzentren aus. Alleine in den Impfzentren könnten 10’000 Personen pro Tag geimpft werden. «Sie sind derzeit nur zu rund 30 Prozent ausgelastet», teilt die Gesundheitsdirektion auf Anfrage mit. Wenn die Öffnungszeiten noch zusätzlich angepasst würden – zum Beispiel mit Impfterminen an den Wochenenden – könnten nochmals mehr Menschen geimpft werden. Könnten. Auch hier wartet man auf das BAG.
Der Kanton Thurgau hätte in knapp sechs Wochen seine komplette Bevölkerung impfen können, wenn der Stoff da wäre. Dort könnten nämlich in den Impfzentren Frauenfeld und auf einem Bodenseeschiff über 8000 Personen pro Tag geimpft werden. Im April soll ein weiteres Impfzentrum in Weinfelden geöffnet werden. Und auch der Kanton Aargau wäre bereit für eine grosse angelegte Impfkampagne: «Wir hätten Kapazitäten in den neun Impfstandorten für rund 35'000 Impfungen pro Woche. In den letzten sieben Tagen konnten wir jedoch nur 9'746 Impfungen durchführen. Zudem werden wir, wenn mehr Impfstoff zur Verfügung steht, auch die Arztpraxen und die Apotheken beliefern, wodurch die Kapazität gesteigert werden wird», schreibt die Aargauer Gesundheitsdirektion.

Der Bund steht neuen Lockerungen im Weg

Das Impfziel, bis im Juni alle Impfwilligen zu bedienen, ist durch Lieferungsschwierigkeiten der Impfstoffe Moderna und Biontech/Pfizer in Gefahr gerückt. Auch wenn die Lieferungen nahtlos vonstattengehen würden, könnte der Bund sein Impfziel nicht einhalten. Die 6,5 Millionen von Moderna und Biontech/Pfizer versprochenen Impfdosen würden nicht reichen wenn täglich 90’000 Menschen geimpft werden müssen. Zwei Millionen Impfdosen zusätzlich bräuchte es. Das BAG hat aber nicht nur zu wenig bestellt, sondern auch teilweise gar nichts.
Das Schweizerische Heilmittelinstitut «Swissmedic» hat mittlerweile den Impfstoff von Johnson & Johnson zugelassen. Das BAG interessiert sich nicht für den Impfstoff. Es argumentiert, dass Johnson & Johnson erst im dritten Quartal hätte liefern können, weshalb man auf eine Bestellung verzichtet habe.
Auch der russische Impfstoff Sputnik V könnte der Schweiz zur Verfügung stehen. Ungarn und Serbien impfen bereits mit diesem Stoff. Doch gemäss der russischen Botschaft, habe man dem BAG den Impfstoff Sputnik V zweimal angeboten – ohne eine Antwort zu bekommen. Die Hoffnung liegt nun also bei den Briten. Denn auch AstraZeneca steht wohl kurz vor der Zulassung. Da die Schweiz den Impfstoff aber bei der EU bestellt hat und es deshalb aus mehreren Gründen zu Lieferverspätungen kommt, muss sie warten, bis Brüssel den Stoff freigibt.
Anfang Jahr sagte BAG-Chefin Anne Levy noch gegenüber SRF, die Kantone müssten «bis in die Nacht hinein impfen, und auch am Wochenende.» Die Impf-Misere, die von Bundesbern als Grund für keine weiteren Lockerungen ins Feld geführt wird, ist selbst gemacht. Die Kantone könnten die Impfstrategie des Bundes umsetzen. Der Bund steht sich selbst im Weg.

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