Impfberatung im Pyjama

Impfberatung im Pyjama

Samstag 9.30 Uhr, es klingelt an der Wohnungstür. Noch leicht verschlafen öffne ich, und ein etwa 60-jähriger, sympathisch lächelnder Brillenträger mit Aktentasche stellt sich als Herr Küng vor und fragt, ob ich kurz Zeit für ihn hätte.

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von Christian Weiss am 16.11.2021, 08:00 Uhr
Pascal Furger
Pascal Furger
Ich: «Kommt darauf an, um was es geht. Eine neue Haftpflichtversicherung brauche ich aber nicht, ich habe gerade erst zur günstigsten mit dem niedrigsten Selbstbehalt gewechselt.»
Impfberater: «Nein, keine Sorge – es geht um die Pandemie und darum, dass wir so rasch wie möglich wieder zurück zur Normalität können. Das ist ja bestimmt auch in Ihrem Interesse.»
«Oh ja, da bin ich ganz auf Ihrer Seite! Also sind Sie von den Freunden der Verfassung?»
«Nein, ich …»
«Vom Aktionsbündnis Urkantone?»
«Nein, sehe ich so aus? Ich komme, um Sie …»
«Ach so, Sie sind von der SVP!»
«Nein – bitte hören Sie doch mal ­genau zu: Ich komme im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit! Sie haben ­bestimmt mitbekommen, dass der Bund eine Impfwoche lanciert hat. Meine Aufgabe ist es nun, unschlüssige Bürger und Bürgerinnen zu beraten und ihnen bei Fragen oder Unsicherheiten bezüglich der Corona-Impfung Auskunft zu geben.»
«Und weshalb klingeln Sie da bei mir? Ich bin weder unschlüssig, noch habe ich Fragen zur Impfung!»
«Sind Sie denn schon geimpft?»
«Haben Sie schon mal eine Prostata­untersuchung gemacht, und was ist dabei herausgekommen? Wie war Ihr PSA-Wert?»
«Wie bitte? Wie kommen Sie jetzt auf so etwas?»
«Na, Sie haben doch damit begonnen, mich nach privaten medizinischen Details zu fragen. Da bin ich schon der Meinung, dass wir erst ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen sollten, und dazu gehört eben auch, dass Sie bereit sind, entsprechende medizinische Auskünfte von sich zu geben. Ausserdem mache ich mir Sorgen um Ihre Gesundheit!»
«Aber das ist doch etwas ganz anderes! Bei der Corona-Impfung geht es eben nicht nur um die eigene Gesundheit, sondern auch darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten!»
«Also, wenn Sie an Prostatakrebs erkranken oder wegen einer Überdiagnose eine unnötige Krebsbehandlung erhalten, dann belasten Sie das Gesundheitssystem erheblich! Da sollte man schon vorgängig eine genaue Abwägung machen. Deshalb ist es eminent wichtig, dass wir mal über Sinn und Unsinn solcher Vorsorgeuntersuchungen sprechen. Ich helfe Ihnen gerne bei der Entscheidungsfindung!»
«Also gut. Ich hatte kürzlich eine Untersuchung, und der PSA-Wert legt nahe, eine Biopsie machen zu lassen.»
«Sie wissen aber schon, dass zwei Drittel aller erhöhten PSA-Werte Fehlalarme sind und unnötigerweise Biopsien gemacht werden, die zu Inkontinenz und Impotenz führen können?»
«Äh – dass es so viele sind, war mir nicht bekannt, und ja, mit Nebenwirkungen muss man immer rechnen. Wobei Inkontinenz … – aber das restliche Drittel ist ja bestimmt froh, dass der Krebs früh genug erkannt werden konnte!»
«Beim letzten Drittel werden weitere Untersuchungen und Diagnosen durchgeführt. Etwa die Hälfte erhält eine Krebsdiagnose und wird je nach Ausprägung des Tumors intensiv behandelt oder operiert. Der grösste Teil davon unnötigerweise, weil unerkannte Tumoren meist folgenlos bleiben würden.»
«Aber alle anderen sind dann sicher froh, dass sie keine tödlichen Metastasen entwickelt haben, oder?»
«Ja, etwa 3 von 1000 Voruntersuchungen können tatsächlich einen tödlichen Prostatakrebs verhindern. Während fast 400 von 1000 zu einer unnötigen Biopsie und eventuell weiteren unnötigen Behandlungen führen.»
«Das verunsichert mich nun doch etwas. Und auch die Sache mit der Inkontinenz … hmmm … Ich werde das sicher nochmals genau mit meinem Hausarzt anschauen! Vielen Dank für die Beratung! Aber nun zu Ihnen: Sind Sie geimpft?»
«Wie sieht es bei Ihnen eigentlich mit der prophylaktischen Darmspiegelung aus? Haben Sie eine solche schon einmal machen lassen, und welches war der Befund?»

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