Immer neue Schauerprognosen zu Corona. Hört das denn nie auf? Die Chronologie des Schreckens

Immer neue Schauerprognosen zu Corona. Hört das denn nie auf? Die Chronologie des Schreckens

Die düsteren Vorhersagungen der pessimistischen Warner haben sich in diesem Jahr nie bestätigt. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum dies auf einmal anders werden sollte.

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von Sebastian Briellmann am 7.7.2021, 07:22 Uhr
Ferien, ja – aber wie lange noch bei all diesen schauerlichen Prognosen? Foto: Shutterstock
Ferien, ja – aber wie lange noch bei all diesen schauerlichen Prognosen? Foto: Shutterstock
Jetzt ist es also die indische Mutation, politisch korrekt Delta-Variante genannt, die für Gefahr sorgt, warnen Experten; wenn nicht schon jetzt, dann spätestens im Herbst. Der «Tages-Anzeiger» schrieb am Montag: Wenn bis zu diesem Zeitpunkt nicht stolze 85 Prozent der Bevölkerung geimpft seien, «wird es erneut Massnahmen brauchen, um einen exponentiellen Anstieg der Covid-Fälle zu vermeiden und damit zu verhindern, dass die Gesellschaft durch eine Krankheitswelle lahmgelegt wird.» Am Dienstag stellt der Tagi die bange Frage: «Vermiest uns die Delta-Variante den Sommer?»

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Der Tagi verkündete die 2.Welle im letzten Jahr bereits im Juli. Sie kam dann allerdings erst Monate später...

Im «Blick» spricht Urs Karrer, Chefarzt am Kantonsspital Winterthur und Vizepräsident der nationalen Corona-Taskforce, über die Gefährlichkeit der Delta-Variante. Er sieht es nicht übermässig gerne, dass nun trotzdem viele Menschen ein Fussballspiel besuchen: «Die Euro ist Ischgl im Quadrat.»
Hauptsache, aufpassen, vorwarnen, es droht (wieder) Gefahr. Die Vorhersagungen sind also düster. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass es hapert bei den Prognostikern mit ihren sorgenvollen Mienen und erhobenen Mahnfingern.

Fehlerhafte Zukunfsdeutungen

Lange mag es her sein, zumindest vom Gefühl her, als die Taskforce im letzten Dezember, quasi als kleines Neujahrspräsent, wie die Trompeter von Jericho ein ganzes Volk in Angst und Schrecken versetzte: Achtung, Briten-Virus, 20’000 Ansteckungen im Frühling (pro Tag, natürlich). «Hochrisikozone Schweiz.» Es kam dann doch etwas anders.
Es war der Beginn einer lange Serie von fehlerhaften Zukunftsdeutungen. Im Februar war die Rede von einem «Mutanten-Tsunami», im April sollte sich die Bevölkerung dank eines «Ostereffekts» auf eine «Überlastung der Spitäler» einstellen. Heute liest sich die Auflistung wie eine Chronologie des Schreckens. (Lesen Sie hier: Panik-Prognosen bestimmen unsere Corona-Politik)
Nicht immer ging es dabei um Fallzahlen: Die Ökonomen der Taskforce wagten im Januar sogar den Versuch, mit einer umstrittenen Kosten-Nutzen-Rechnung den Lockdown als wirtschaftlich sinnvoll darzustellen. Die Warner haben bisher noch immer eine Zahl oder einen Ausschlag in irgendeiner Statistik gefunden, um an freiheitsbeschneidenden Massnahmen festzuhalten.
Im März verkündete die Taskforce in beunruhigendem Tonfall, dass das nun dominante britische Virus für steigende Fallzahlen und einen steigenden R-Wert sorgten. Das stimmte zwar, aber es handelte sich um den nominalen R-Wert – der auf die Anzahl durchgeführter Tests bezogene R-Wert veränderte sich kaum. Das überrascht nicht, da die Zahl der täglich durchgeführten Tests in der Schweiz von 24’000 Mitte Februar auf 40’000 Ende März angestiegen war.

Wollen wir uns noch erinnern?

Auch die Langzeitfolgen werden gerne bemüht, wenn die Gefährlichkeit des Virus mal wieder eingehämmert werden soll, aber die Zahlen das nicht hergeben. Der «Blick» meldet ganz aktuell: «Studie der Uni Genf – fast 40 Prozent leiden an Long Covid.» Es handelt sich um eine Untersuchung mit 400 Probanden, die an Corona erkrankt waren und Symptome gehabt hatten. Dass viele 100’000 asymptomatisch Erkrankte die Zahl der Langzeitbetroffenen massiv senken: Davon steht im «Blick» nichts.
Wollen wir uns daran überhaupt noch erinnern?
Nicht immer macht es den Anschein. Dass die Warnungen, die in diesem Jahr in grosser Zahl ausgesprochen wurden und dann wieder verpufften, nicht vergessen gehen: Das wäre für eine Beurteilung der neuerlichen Schauerprognosen durchaus wichtig.

Mit dem Virus leben...

Vielleicht sollte man sich an den britischen Gesundheitsminister Sajid Javid halten, der sich in der «Mail on Sunday» an die Bevölkerung wandte – und sagte: «Wir müssen unsere Freiheiten wiederherstellen und mit dem Virus leben.» Was Javid schreibt, liest sich wie ein Plädoyer der Vernunft. Es gebe kein Leben mehr ohne Corona, man müsse dies akzeptieren – und Wege finden, damit umzugehen. Lockdowns, das wird deutlich, sind in Grossbritannien keine Option mehr.


In der Schweiz ist diese Position bei den Verantwortlichen keine akzeptable. Daniel Speiser, Immunologe an der Universität Lausanne und Mitglied der Taskforce, sagt zum Beispiel zu «20 Minuten»: «Es ist wahrscheinlich, dass die Infektionszahlen wieder ansteigen werden. Denn wenn die Immunität auf dem jetzigen Niveau bleibt, wird es zu weiteren Infektionswellen kommen.»
Da laut Speiser pro Welle jedoch nur rund 15 Prozent zusätzliche Personen immun würden, dauerte es noch mehrere Jahre, bis die meisten Personen immun seien. Für den Immunologen bedeutet dies verschärfte Massnahmen im Herbst: «Wir werden nochmals in den sauren Apfel beissen müssen – und zwar alle.» Klingt ziemlich nach Lockdown.

Es gibt keine absolute Sicherheit

Diese Mutlosigkeit bemängelt auch der deutsche Risikoforscher Gerd Gigerenzer in einem lesenswerten Interview in der «Welt». Er kritisiert eine «erschreckende Zahlenblindheit» von Politikern und Journalisten, die die Zahlen eigentlich verstehen müssten. Gigerenzer stört sich besonders daran, dass eine «absolute Sicherheit» vor dem Virus erwartet werde, obschon es diese niemals geben könne. Er nennt dies fehlende «Risikokompetenz». Wer diese jedoch habe, begreife auch, dass man sich nicht nur auf ein Risiko fokussieren dürfe.
Dieses Bild wird in der Schweiz aber weiterhin gerne vermittelt – man blicke nur noch einmal auf die Chronologie des Schreckens. Ein Abwägen der Risiken findet kaum statt. Das zeigt sich auch jetzt wieder: Im Fokus stehen die steigenden Fallzahlen; dass in den letzten 14 Tagen – Stand: Dienstagabend – inklusive Nachmeldungen nur acht Personen verstorben sind und Coronapatienten auf Intensivstationen mickrige 3,3 Prozent betragen: Es ist kaum eine Meldung wert.
Immerhin meldet auch der «Tages-Anzeiger» im Artikel, in dem neue Massnahmen für den Herbst hinaufbeschwört werden, dass führende Experten nicht davon ausgehen, dass die Delta-Variante für eine Überlastung der Spitäler sorgen werde. Dabei war die Verhinderung einer Überbelegung immer das höchste Ziel der Pandemiebekämpfung. Manche erinnern sich vielleicht noch: «Flatten the curve», das Abflachen der Kurve. Das geht im Wust der Schreckensnachrichten aber ziemlich unter. Auch heute noch.
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