Im Bett mit der Macht

Im Bett mit der Macht

In öffentlichen Debatten verschärft sich das Klima, die Polarisierung nimmt zu. Dazu tragen auch die Medien regelmässig bei, wenn sie Aktivismus statt Journalismus betreiben, wenn sie auf Publikumbeschimpfung statt auf Machtkritik setzen.

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von Giuseppe Gracia am 22.6.2021, 09:37 Uhr
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Hate Speech, Shitstorm, Drohungen. Viele beklagen sich heute über den aggressiver werdenden Ton in der politischen Auseinandersetzung. Das Klima wird rauer, die Polarisierung härter. Für diese Entwicklung machen die Akteure gerne den politischen Gegner verantwortlich. Die Linken werfen den Rechten vor, seit Jahren Angst zu schüren vor Überfremdung und sozialem Abstieg, um ihre kapitalistische Agenda durchzusetzen (skrupellos die Spaltung der Gesellschaft in Kauf nehmend). Die Rechten werfen den die Linken vor, seit Jahren Angst zu schüren vor Umweltkatastrophen, Rassimus, Faschismus, um ihre kulturmarxistische Agenda durchzusetzen (ebenso skrupellos die Spaltung der Gesellschaft in Kauf nehmend).
Die Medien tragen ihres dazu bei. Sie hätten die Aufgabe, allen Lagern eine Stimme zu geben und zwischen den Gräben zu vermitteln. Stattdessen verfolgen auch sie oft ihre Agenda und marginalisieren oder diffamieren Andersdenkende. Und wichtiger: die Medien müssten, als vierte Macht im Staat, Machtkritik üben, die Staatsmacht kontrollieren. Jede Regierung muss sich für ihren Gebrauch der Macht grundsätzlich rechtfertigen, vor den Bürgern, vor den Medien. Spätestens seit Corona agieren jedoch viele Medien als Sprachrohr der Regierungsentscheide. Sie betreiben nicht Kontrolle der Staatsmacht, sondern Kontrolle der Bürger. Sie reichen nicht den Regierten das Mikrophon, sondern den Regierenden und ihrem Pro-Lager. Sie prüfen nicht die Legitimität des staatlichen Machtgebrauchs, sondern die Legitimität von Widerstands- und Protestbewegungen im Volk.
Auf einigen Plattformen wurde die mediale Kontrolle der Macht abgelöst von der Publiukumsbeschimpfung. Impfablehner, Covidioten, Aluhüte, Flacherdler, Klimaleugner: solche Begriffe sind auf den sozialen Medien und auch bei grossen Medienhäusern üblich. Noch heute sprechen etwa SRF oder der Tagesanzeiger von «Coronaskeptikern», wenn irgendwo Menschen gegen Regierungsmassnahmen aufstehen. Auch «20 Minuten» oder der «Blick» sprechen nicht von Regierungsmassnahmenkritikern oder, im Falle vom Klima, von Kritikern des linksgrünen Narrativs, sondern in der Regel pauschal von «Leugnern», gern kombiniert mit «rechten» oder «populistischen Kreisen». Menschen, die dem Bundesrat nicht die beste aller Absichten zu unterstellen, oder die es wagen, sich auch bei Themen wie Gender und Migration dem linksgrünen Narrativ zu verweigern, gelten grundsätzlich als rechts und damit moralisch dubios.
Da muss man sich nicht wundern, wenn die Polarisierung zunimmt. Wer als Medienhaus oder Fernsehsender mit der Macht ins Bett geht und die Bürger von oben herab behandelt, verdient kein Vertrauen. Er macht sich schuldig an der Verschärfung des Klimas. Wer auf Publikumsbeschimpfung setzt, um dem Staat zu helfen, Entscheide durchzusetzen, der verdient kein Publikum. Der Staat kann versuchen, solche Medien mit Steuergeld künstlich zu beatmen, um weiter die gewünschte Propaganda senden zu können – journalistisch und moralisch aber sind solche Medien tot. Und die Menschen wenden sich früher oder später neuen Plattformen zu. Im digitalen Zeitalter zum Glück kein Problem.
Giuseppe Gracia (53) ist Schriftsteller und Kommunikationsberater. Sein neuer Roman „Der Tod ist ein Kommunist“ ist erschienen im Fontis Verlag, Basel.
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