Im Auto für den Zug bezahlen

Im Auto für den Zug bezahlen

Die Funktion «EasyRide» der SBB macht den öffentlichen Verkehr einfacher. Fahrten auf dem ganzen GA-Netz werden damit automatisch verzeichnet und abgerechnet, ohne ein Billett kaufen zu müssen. Das System hat aber Tücken. Und die können Geld kosten.

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von Stefan Millius am 22.3.2021, 13:48 Uhr
Die EasyRide-Funktion wurde im November 2019 in die SBB Mobile App integriert. (Bild: SBB)
Die EasyRide-Funktion wurde im November 2019 in die SBB Mobile App integriert. (Bild: SBB)
«Mehr Freiheit gibt es nicht»: So bewerben die SBB die Funktion «EasyRide», die Teil ihrer mobilen App ist. Für den Kunden sichtbar besteht sie aus einem roten Button, der mit einem Wisch nach rechts aktiviert und umgekehrt deaktiviert wird. Man steigt in einen Zug, Bus oder Tram, checkt sich ein und am Schluss wieder aus – und das wars.
Das System registriert automatisch, wo man startet und wo man hinfährt. Aufgrund des vorher definierten Kundenprofils mit Parametern wie der gewählten Klasse folgt danach die Abrechnung. Gerade im Nahverkehr mit seinen oft verwirrenden Tarifverbunden und verschiedenen Zonen ist das in der Tat eine Erleichterung. Selbst auf dem Schiff funktioniert das Ganze.

Auschecken ist Kundensache

Aber es gibt einen Schwachpunkt. EasyRide ist eine manuelle Funktion, der Kunde muss sich selbst aktiv auschecken am Ziel. Zwar löst das System eine Erinnerung in der App aus, wenn es selbst den «Verdacht» hat, dass die Reise beendet ist. Aber wenn jemand entspannt mit dem Smartphone in der Hosentasche aus dem Zug steigt und die Meldung nicht sieht, tickt die Uhr weiter.
Ein Problem kann das werden, wenn nach der Fahrt mit dem ÖV die Weiterfahrt mit dem Individualverkehr folgt. Zwar nur unter ganz bestimmten Umständen. Aber die gibt es.

Autofahrt wird als Zugfahrt registriert

Max Muster beispielsweise fährt mit dem Zug von Basel nach Gossau (SG) und steigt dort im Park&Ride in sein Auto, um nach Hause nach Appenzell zu fahren – ohne EasyRide zu deaktivieren. Später erhält er seine Abrechnung und stellt fest, dass er angeblich von Gossau aus immer noch weiter mit dem Zug gefahren ist, dann einen Unterbruch gemacht haben soll und für die Schlusstrecke wieder im Zug unterwegs war. Er bezahlt also ein Zugbillett für Strecken, die er in Wahrheit mit dem Auto zurückgelegt hat.
«Diese eher seltenen Fälle gibt es» bestätigt Sayanthan Jeyakumar. Der Product Owner verantwortet bei den SBB das Projekt EasyRide und war schon bei seiner Entstehung und Einführung mit dabei. Das Problem entstehe dort, wo eine ÖV-Strecke und eine Strasse parallel zueinander verlaufen. «Dann hat unser System Schwierigkeiten, das zu unterscheiden.» Sobald die Strecken grössere Abweichungen verzeichnen, «weiss» die Funktion wieder: Der Kunde ist ganz offensichtlich nicht in einem Zug, Bus oder Tram, es wird nichts verrechnet.

«Vereinzelte Fälle»

In der kleinräumigen Schweiz kann der andere Fall aber eintreten. Zum Beispiel, wenn ein Zugpassagier ohne Auschecken vom Hauptbahnhof Zürich aus aufs Velo steigt und gemütlich hinter einem Tram fährt. EasyRide läuft weiter und geht unter Umständen davon aus: Dieser Mann sitzt im bewussten Tram vor ihm, also wird ihm ein Billett dafür in Rechnung gestellt.
Merkt man das nach der automatisch generierten Abrechnung, kann man mit einer entsprechenden Supportmeldung reagieren, die direkt in der App integriert ist. Es gebe vereinzelt solche Fälle, sagt Sayanthan Jeyakumar, und dann überprüfe man sie intern. Stellen die SBB fest, dass hier eine gar nicht gemachte ÖV-Fahrt verrechnet wurde, gebe es eine Rückerstattung. Und dort, wo kein zweifelsfreies Urteil möglich ist, lege man Kulanz an den Tag. «Allgemein sind wir froh um Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden, die uns helfen, das System laufend zu verbessern», sagt Sayanthan Jeyakumar.

Verbesserungen sind angekündigt

Im Hintergrund wird daran gearbeitet, dass Kulanz irgendwann nicht mehr nötig ist: Das System soll immer intelligenter werden. Zunächst, indem die Strecken, die nicht verrechnet werden dürfen, automatisch besser erkannt und «ausgeschnitten» werden.
Das Ziel ist aber eine noch stärkere Automatisierung. Der Kunde entscheidet sich dann zunächst generell für EasyRide als «Billett», die Funktion ist dadurch immer aktiviert, und die App erkennt im Hintergrund selbst, ob sich jemand gerade im ÖV befindet und wann er diesen wieder verlässt. Check-in und Check-out entfallen.
Wobei Sayanthan Jeyakumar festhält: «Eine hundertprozentige Sicherheit, dass jeder Streckenabschnitt immer korrekt erkannt wird, kann es kaum je geben. Das ist aufgrund unterschiedlicher Hard- und Software der Smartphones nicht zu erreichen.»

AGB sind deutlich

Die Gefahr, im Auto für eine Zugfahrt zu bezahlen, ist zwar derzeit noch ein unschönes Detail, aber es läuft unter Selbstverantwortung. Zwar liest kaum jemand die allgemeinen Geschäftsbedingungen bei Vertragsabschluss. Tut man es dennoch, heisst es dort unmissverständlich: «Der Kunde ist selbst dafür verantwortlich, rechtzeitig den Check-out-Vorgang durchzuführen.»

Sieben Millionen Fahrten

EasyRide ist, wenn man die Zahlen betrachtet, eine Erfolgsgeschichte. Eingeführt wurde die Funktion im November 2019 nach einer einjährigen Testphase. Seither wurden sieben Millionen Fahrten generiert, monatlich sind 100'000 Nutzer so unterwegs. Damit ist es laut den SBB bereits der drittstärkste Vertriebskanal hinter dem «normalen» Ticketkauf in der SBB Mobile App sowie den Billettautomaten.

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