«Ich bin enttäuscht von unserer Regierung»: Vier Ungeimpfte zur Zertifikatspflicht

«Ich bin enttäuscht von unserer Regierung»: Vier Ungeimpfte zur Zertifikatspflicht

Es herrscht viel Aufruhr nach dem Bundesratsentscheid zur Erweiterung des Covid-Zertifikats. Lassen sich die jungen Leute jetzt impfen? Wir haben nachgefragt.

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von Maria-Rahel Cano am 16.9.2021, 04:00 Uhr
Marvin M. (Bild: ZVG)
Marvin M. (Bild: ZVG)
Marvin M., selbständig (28)
Für Marvin greift der Entscheid des Bundesrates zu tief in die Privatsphäre ein. «Der Entscheid ist undemokratisch und masslos.» Abgesehen davon fehle die rechtliche Grundlage für eine Zertifikatspflicht, findet Marvin. Er befürchtet, dass dieses Zertifikat keine «vorübergehende» Sache sei und nach dem dritten Piks noch ein vierter, fünfter und zehnter folgte. Er habe sich intensiv mit der Covid-Impfung auseinandergesetzt und dafür sogar ein 1 ½ stündiges Telefonat mit einem Arzt geführt, und ist zum Schluss gekommen, dass er sich nicht impfen lassen möchte. Trotzdem wurde er auf Instagram angefragt, ob er nicht als «Impfluencer» tätig sein möchte. Er hätte gegen Geld auf seinem Profil darauf aufmerksam machen müssen, wie wichtig die Impfung sei. Er hat das abgelehnt.«Das ist nichts Anderes als Manipulation von Seiten des Staates.»
Wie es nun für den 28-Jährigen weitergeht, ist noch offen. Er würde gerne nach Bali reisen und das normale Leben wieder geniessen können. Das am liebsten ohne sich alle 48 Stunden ein Stäbchen in die Nase zu schieben. Eine Impfung kommt für ihn aber jetzt noch nicht in Frage. Er zitiert in diesem Zusammenhang Bertolt Brecht: «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht».

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Leonardo Schlatter (Bild: MR)
Leonardo Schlatter, Medizinstudent (24)
«Ich bin kein Impfgegner», sagt Leonardo mehrmals. Er selbst komme aus einer Ärztefamilie und möchte selbst Arzt werden. «Die Impfung ist ein wirksames Mittel um bestehende Krankheiten zu bekämpfen», so Leonardo. Trotzdem hat er sich gegen eine Corona-Impfung entschieden. Warum? «Ich wollte damit ein gewisses politisches Gegengewicht zum erhöhten Impfdruck geben. Ich bin zwar ein starker Impfbefürworter, doch ein Gegner davon, die Leute zu einem Impfentscheid zu drängen.» Der Medizinstudent ist jung, gesund und sieht deshalb keinen Grund, sich impfen zu lassen.
Für ihn stellt die Impfung ein grösseres Krankheitsrisiko dar als die Erkrankung an Covid-19 selbst. Die Impfung weise einfach noch zu wenig Erfahrungswerte auf. Seit dem Entscheid vom Bundesrat sieht die Welt jedoch etwas anders aus. Der Druck ist für ihn definitiv grösser geworden. Insbesondere da man nun auch ein Zertifikat für die Uni braucht. Er möchte seine Freiheit zurück und zieht in Folge dessen eine Impfung in Betracht. Dass er sich aber auf diese Weise für eine Impfung entscheiden muss, findet er schwierig. «Es ist anstossend, dass man die Bürger zu einer Entscheidung drängt und trotzdem noch von einer Impffreiheit spricht.»

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Lara Bühlmann (Bild: ZVG)

Lara Bühlmann, Kauffrau (20)

Lara ist schockiert über die Entscheidung des Bundesrates. «Ich bin einfach nur enttäuscht von unserer Regierung.» Politik ist für sie normalerweise etwas Nebensächliches, doch nun steht es im Mittelpunkt ihres Lebens. Sie habe sich bewusst gegen eine Impfung entschieden, da sie von starken Nebenwirkungen gehört hat. Ihre Mutter habe ein grosses medizinisches Wissen und stehe deshalb allen Impfungen kritisch gegenüber. «Ich möchte mich eigentlich nicht impfen lassen. Der Körper ist das einzige, was 100 Prozent mir gehört.» Die Regierung habe schlicht und einfach nicht darüber zu bestimmen, was sie ihrem Körper zuführe, findet Lara. Sie hat aber noch die Hoffnung, dass der Protest in der Bevölkerung so gross werde, dass der Bundesrat das Zertifikat wieder abschaffen müsse. Falls dem nicht so ist, müsse sie sich – gezwungenermassen – mit der Idee sich impfen zu lassen auseinandersetzen. «Doch momentan ist das noch keine Option». Für sie kommt trotz erweitertem Zertifikat eine Impfung nicht in Frage.
Sie findet es nicht fair, dass die Nicht-Geimpften mit Einschränkungen bestraft werden, wenn die Geimpften das Virus genauso verbreiten könnten. Die Angst vor der Impfung ist grösser als die Angst vor dem Virus. «Wenn sich jemand, der 70 Jahre alt ist impfen lässt und dann zehn Jahre später aufgrund der Impfung irgendwelche Einschränkungen erfährt, ist das weniger einschneidend, als wenn ich in 10 Jahren - also mit 30 - negative Auswirkungen der Impfung erlebe.»

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Diana Temeljkosvka (Bild: ZVG)

Diana Temeljkosvka, Mutter und Selbständige im Treuhandbereich (24)

«Jetzt werde ich mich erst recht nicht impfen lassen», lautet der Entschluss von Diana. Für sie stellt die Zertifikatserweiterung klar eine Freiheitsberaubung dar. «Am Anfang hat es noch geheissen, jeder könne sich impfen lassen, der möchte. Und nun wird man fast zu diesem Entscheid gezwungen.» Diana nimmt aber lieber die Einschränkungen des Bundesrates in Kauf, als dass sie sich dem Impfdruck hingibt. Die Impfung sei ihr zu wenig erforscht, sagt sie. Man sollte sich mehr Zeit lassen, um die Risiken abschätzen zu können. Die junge Mutter möchte zum Beispiel noch weitere Kinder haben und sie ist sich nicht sicher, ob das nach einer Impfung noch möglich ist. Auch hier spielt Unsicherheit und Angst vor möglichen negativen Langzeitfolgen der Impfung eine grosse Rolle.
Gegen eine Impfung hat sie sich aber auch aus religiösen Einflüssen entschieden. Die junge Mutter ist nämlich zusammen mit ihrem Ehemann in der russisch-orthodoxen Kirche. Diana erklärt, dass diese klar von einer Corona-Impfung abgeraten habe. In Zukunft werde sie sich zusammen mit ihrer Familie einfach «durchmogeln». Das bedeutet, dass sie auf das Unwichtige einfach verzichten werde und für die wichtigen Bedürfnisse entweder einen Test machen werde oder einer anderen Lösung nachgeht.

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