Hunde, Hundehalterinnen und Jogger

Hunde, Hundehalterinnen und Jogger

Die Grossartigkeit von Hunden und ihren Fähigkeiten ist unbestritten. Ich mag die Tiere. Wären da nur nicht die Halter. Da ich gerade letzthin wieder eine sehr unangenehme Begegnung hatte, möchte ich hier einige meiner anthropologischen Beobachtungen zum Besten geben.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 8.7.2021, 13:00 Uhr
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Eine sehr erfahrene Schreibkraft sagte vor langer Zeit zu mir: Du kannst über alles schreiben. Über die hohe Politik, die Wirtschaft, Abfall, Verkehr – was Du willst. Zwei Themen aber sollst Du niemals aufgreifen: Religion und Haustiere. «Da kannst Du nur verlieren», sagte er.
Ich habe mich – mit einer einzigen Ausnahme glaub’s – immer daran gehalten. Heute möchte ich eine weitere Ausnahme machen.
Das Thema: Hunde, Hundehalter, Jogging.
Ich bin nun seit gut 25 Jahren mit meinen Joggingschuhen unterwegs - zugegeben mit einigen Unterbrüchen. Aber ich denke doch, dass ich aufgrund dieser Dauer und unzähliger Begegnungen mit Hunden und ihren Haltern dazu legitimiert bin, hier meine Betrachtungen kundzutun. In den langjährigen Beziehungen, die notgedrungen wohl jeder Jogger mit den Vierbeinern aufbaut, schälten sich doch einige Muster heraus, ja ich möchte fast sagen: anthropologische Erkenntnisse.
Neben vielen verschiedenen Hunderassen existieren im Grunde drei verschiedene Typen von Hundehalterinnen und Hundehaltern. Ich verwende das Femininum an dieser Stelle ganz bewusst, fällt mir doch seit einiger Zeit auf, dass ich überwiegend Hundehalterinnen begegne. Im Grunde gibt es drei verschiedene Arten von Halterinnen.
Typ 1: Die Gleichgültige. Diese Art Hundehalterin ist meist im Verbund mit anderen Hundehalterinnen unterwegs und stark ins Gespräch vertieft. Ist sie alleine unterwegs, telefoniert sie in der Regel oder beschäftigt sich mit Blumen, der Aussicht und solchen Dingen. Der Hund – oder die Hunde – bewegen sich frei und meist auf den Jogger zu, was die Hundehalterin nicht bemerkt, da sie ja Wichtigeres zu tun hat. Bemerkt sie die Inkonvenienz, zeigt sie sich erstaunt. Dann folgt der berühmte Satz: «Sie müssen keine Angst haben, er macht nichts.» Diesen Satz habe ich, unübertrieben, sicher mehr als 1000 Mal gehört. Meist wird dieser wertvolle Hinweis auf die Gutmütigkeit des Tiers begleitet von einem mitleidigen Lächeln. Diese Art Hundehalterin ist oft auch etwas übergewichtig, weshalb man ein gewisses Unverständnis gegenüber Menschen, die freiwillig ihren Puls hochtreiben, annehmen kann. Typ 1 kann hin- und wieder auch einen belehrenden Ton anschlagen – wohlgemerkt: nicht zum Hunde hin, sondern zum Sportler. Typ 1 kommt am häufigsten vor. Ich würde sagen: als Jogger lernt man mit ihnen leben.
Typ 2: Die Verantwortungsvolle. Das sind die besten. In der Regel weiss Typ 2, dass ihr Hund auch eine Waffe sein kann, die sie handzuhaben hat. Ein Tier bleibt ein Tier, und nicht immer berechenbar, das ist ihr bewusst. Sie weiss auch, dass es für einen Jogger, der etwas ambitionierter unterwegs ist (der seinen Körper also zeitweise regelrecht fordert), sehr unangenehm sein kann, einem kläffenden oder gar schnappenden Hund zu begegnen. Erfolgt der Blickkontakt frühzeitig, nimmt sie den Hund sofort an die Leine (oft ist er bereits an der Leine, was ja in der Natur draussen im Grunde ohnehin nur korrekt wäre). Begegnet man dem Hund um die Ecke kommend, ruft sie den Hund sofort – und dieser ist in der Regel folgsam. Von diesem Typ 2 kommt nie der Spruch «Er macht ihnen nichts.» Bei all dem Unsinn, der unterdessen in diesem Land subventioniert und gefördert wird, sage ich im Brustton der Überzeugung: Typ 2 sollte staatlich gefördert werden.
Typ 3: Die Ambitionierte. Bei den Ambitionierten gibt es gleich mehrere Probleme. Erstens kauft sich Typ 3 meistens eine grosse oder zumindest: herausfordernde Rasse. Typ 3 will gefordert sein. Klassischerweise sind das Rottweiler, Schäfer, Riesenschnauzer oder sogenannte Kampfhunde – einfach nette Wesen halt. Zweitens ist Typ 3 meist extrem von sich selber überzeugt. Selbstkritik ist nicht ihr Ding. Und drittens hat Typ 3 wohl häufig eine Hundeschule besucht, und genau hier wird das Ganze sehr unangenehm. Denn Typ 3 will zeigen, dass der bissige Hund super-ober-hammer-mässig gehorcht. Häufig führt die Ambitionierte deshalb mit dem Sportler ein Live-Experiment durch. Macht der Hund das, was er in der Hundeschule gelernt hat? Der Jogger ist das ideale Experiment. Ich würde sagen: zu rund 85 Prozent gelingt das Experiment sogar. Und sonst: Gute Nacht. Aber auch für diesen Fall hat Typ 3 selbstverständlich die passende Antwort parat. Das tönt dann so: «Der Hund merkt halt sofort, wenn Sie Angst haben.» So ist das wohl - danke für den Hinweis. Neben einigen Hundekenntnissen kann diese Typologisierung dem Sportler (auch Radfahrer scheinen sehr betroffen zu sein) durchaus eine wertvolle Hilfe sein. Das hoffe ich zumindest.
Noch was zum Schluss: Eines haben alle Typen von Hundehaltern gemein: Schuld ist nie der Hund, sondern immer der Mensch. Dabei wäre es doch so einfach: An die Leine, und gut ist.

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