«Hilfe, darf ich wirklich keine Skinny Jeans mehr tragen?»

«Hilfe, darf ich wirklich keine Skinny Jeans mehr tragen?»

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von Dominique Feusi am 19.3.2021
Die Denim-Debatte: Gen Y versus Gen Z / Bildquellen: TikTok, Instagram
Die Denim-Debatte: Gen Y versus Gen Z / Bildquellen: TikTok, Instagram
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In diesen Hosen sehen Sie alt aus: der Generationskonflikt ums hautenge Denim

Sie lieben Skinny Jeans? Die machen eine gute Figur, pressen Ihren Hintern knackig in Form, halten die Oberschenkel in Schach, und wenn Sie sich darin im Spiegel sehen, fühlen Sie sich wie ein junges Reh? Und überhaupt, Ihr Schatz sagt auch, dass die Ihnen super stehen? Skinny Jeans sind echt 1a? Ja? Willkommen im Klub, Sie sind alt. Tja, so ist das halt.
Nein, das Altern ist kein Schleck, gerade hüpft man noch taufrisch über die Flur, und plötzlich wacht man eines Morgens auf und schaut aus, als habe man im Dörrex übernachtet, die Knie knacken, das ganze Skelett klingt wie ein einziger Schrei nach WD-40 Spray, und muss man zum Arzt, sitzt da im weissen Kittel ein Kind, das sagt: «altersbedingt!» Und man fragt: «Bitte, wie? Könnten Sie lauter sprechen?» All diese kleinen Schlachten, die man täglich verliert, und jetzt wollen sie uns auch noch die Hosen wegnehmen? Unsere Lieblingsjeans verbrennen? Und die ergötzen sich daran? Moment mal!

Unendliche Weiten

«Wegwerfen, abfackeln oder eine neue, bequeme Hose daraus machen», das sind die «3 ways to style skinny jeans», die man auf TikTok proklamiert, wenn man jung und cool ist und sich über älter gewordene Millennials in hautengen Jeans mokiert. #noskinnyjeans beschreibt einen erbitterten Generationen-Streit, der zwischen Gen Z (geboren zwischen 1994 und 2010) und Gen Y (geboren zwischen 1980 und 1993, auch Millennials genannt) auf Social Media tobt. Im Zentrum steht die Denim-Debatte: «Unendliche Weiten» versus «Eng und Enger». «Vorbei sind die Zeiten» versus «Lass ich mir nicht nehmen!» Oder auch einfach: Jung versus nicht mehr ganz so jung.
Denn Achtung, Gen Z hat den Schlabberlook für sich entdeckt, für dessen berühmteste Verfechterin, die geniale US-Sängerin Billie Eilish, weit mehr als ein Trend, sondern ein Statement gegen Sexismus und Bodyshaming: «Ich möchte, dass die Welt niemals alles über mich weiss. Deshalb trage ich weite, schlabberige Kleidung. Niemand kann sich eine Meinung bilden, weil sie nicht gesehen haben, was darunter liegt.»
Okay, so betrachtet wirken Skinny Jeans nicht nur antiquiert, sondern aus der Steinzeit. Und es erklärt die Vehemenz, mit der das Lager Baggy Pants das enganliegende Elastan verhöhnt. Aber es geht natürlich auch um Wachablösung, Gen Z stösst die Millennials vom Coolness-Thron. Als älteres Semester muss man sich deshalb nicht gleich fragen, auf welchen modischen Zug man nun aufspringen soll, sondern darf sich einfach mal amüsiert zurücklehnen. Ja, liebe Millennials, so kann’s gehen.

Die toten Hosen

«Tod den Skinny Jeans! Spätestens 2021 dürfen Sie nicht mehr in denen gesehen werden», hiess es in der Sonntagszeitung, und meine Bekannte J. aus Z., 49, die sich ständig Sorgen macht, was denn bloss die Leute denken, schrieb mir: «Hilfe, darf ich wirklich keine Skinny Jeans mehr tragen?» Jetzt mal halb lang.
Weite Schnitte und lockere Silhouetten sind zwar stark im Vormarsch, «comfort is key» lautet das Motto passend zur Pandemie und auch Levi Strauss & Co. CEO Chip Bergh stellt «definitiv einen Trend zu lässigerer, lockerer sitzender Kleidung» fest. Was aber nicht heisst, dass niemand mehr Skinny Jeans kauft, laut dem amerikanischen Marktforschungsunternehmen NPD Group macht der Klassiker noch immer 35% des Umsatzes bei Damenjeans aus, ein grösserer Anteil als jeder andere Stil. Zwischen «nicht mehr angesagt» und «tot» gibt’s eben ganz schön viel.
«Hier hat es nur Hipster in Jeans, die einen fetten Arsch machen», sagte meine Freundin, die E., vor zwei Jahren an einer Vernissage. «Das sind die neuen Silhouetten», sagte ich, «man darf jetzt einen fetten Arsch haben.» «Will ich nicht!», sagte sie.
Doch nun sind die neuen Schnitte definitiv da, und ja, sie tragen auf, ich bin Gen X (geboren zwischen 1965 und 1979), unsere Ikone war Kate Moss, ein dicker Hintern nah am Weltuntergang, und richtig, wir hatten diese Schnitte in den 80ern und 90ern schon mal. Doch während wir vermeintliches Zuviel verhüllten und uns schämten, akzentuieren und feiern junge Frauen das Volumen. Das ist toll, denn das kranke Schönheitsideal der letzten Jahrzehnte pulverisiert sich momentan. Ich jubiliere jedes Mal, wenn ich solch selbstsichere Mädels sehe. Aber will ich die gleiche Jeans? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Das Schöne am Alter ist: man kann’s gelassen nehmen und einfach die Hose tragen, die man will. Denn keine Jeans der Welt macht einen jung. Schrauben wir stattdessen an der Einstellung. Zufriedenheit steht allen.