Haustierland Schweiz. Warum wir ganz vernarrt sind in unsere Büsi – aber trotzdem nur Einäugige unter Blinden

Haustierland Schweiz. Warum wir ganz vernarrt sind in unsere Büsi – aber trotzdem nur Einäugige unter Blinden

Die Schweizer kümmern sich in der Regel gut um ihre Heimtiere. Besonders Katzen haben es ihnen angetan. Das könnte an unserem Buchhalter-Nötzli-Charakter liegen.

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von Sebastian Briellmann am 8.7.2021, 19:07 Uhr
Eine von rund 1,7 Millionen Katzen in der Schweiz. Foto: Shutterstock
Eine von rund 1,7 Millionen Katzen in der Schweiz. Foto: Shutterstock
Es ist, glaubt man den Sachverständigen, ein bisschen unfair, dass dieser Mythos noch immer ein weit verbreiteter ist: Der Schweizer, der isst Katzen. Wie bitte? Das beliebteste Gericht: Katze, gekocht in Thymian. Schon Hunger?
Der «Tages-Anzeiger» hat vor drei Jahren anschaulich und humorvoll aufgezeigt, wieso diese Legende bis heute weiterleben kann: In der Schweiz ist es nicht verboten, Katzen (oder auch Hunde) zu essen. Der Rest ist Geschichte: In ländlichen respektive bäuerlichen Gegenden galt Katzenfleisch tatsächlich als Delikatesse. Und heute gibt es wohl immer noch ein paar wenige Schweizer, die das genauso sehen. Diese Zahl jedoch wird in der Berichterstattung gerne überhöht, aber es passt besser, eine schon interessante Geschichte zur Fabel auszuschmücken.
Dass sich die Legende äusserst gut hält, daran gibt es kaum Zweifel. Wer in der Google-Suche die Begriffe «Schweiz» und «Katze» eingibt, der erhält als Erstes den Vorschlag mit dem Zusatz «essen».

Samtpfötchen-Fans

So stellt man sich das natürlich nicht vor, wenn es um die Beziehung zwischen der Schweiz und ihrem beliebtesten Haustier geht, da sehnt man sich nach Harmonie, nach Glücksmomenten, für Mensch und Tier – und dies generell, egal, ob Katze, Hund oder Koi-Krapfen.
An unserer Katzenliebe kommt aber kein anderes Haustier heran. Der Verband für Heimtiernahrung liefert die aktuellsten Zahlen fürs letzte Jahr. In stolzen 30 Prozent aller Haushalte lebt mindestens ein Büsi – bei Hunden ist dies nur in 12 Prozent, bei Reptilien und Fischen in Aquarien in drei, bei Vögeln in zwei der Fall. So gibt es circa 1,7 Millionen Büsi in der Schweiz, Hunde sind es rund eine halbe Million.
Dass wir ausgewiesene Samtpfötchen-Fans sind, zeigt auch der europäische Vergleich. Während wir bei den Hunden ganz hinten in der Rangliste anzutreffen sind, ist es bei den Katzen genau umgekehrt: Nur Russland zählt mehr Büsi pro 100 Einwohner.

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Screenshot: Verband für Heimtiernahrung

Warum ist das so, warum ist der Hund, der «beste Freund des Menschen», bei uns nur die Nummer zwei? Anruf bei Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz STS. Sie sagt: «Es ist schon erstaunlich, wie viele Katzen es gibt. Eigentlich sind es zu viele.» Die Zahlen, die Sandmeier nennt, sind eindrücklich: «In knapp 70 Tierheimen, die uns angeschlossen sind, haben wir jährlich rund 10’000 Katzen. Und trotz jährlicher Kastrationsaktionen, werden es laufend mehr.»
Es dürfte nie einen bombensicheren Beweis geben, wieso wir derart vernarrt sind in die Stubentiger. Vielleicht liegt es an unserem Buchhalter-Nötzli-Charakter: Wir überlegen uns genau, wieviel Zeit wir für ein Haustier aufwenden können, und wägen dann ab, wo wir nicht Gefahr laufen, es zu vernachlässigen.

«Es gibt viele Menschen, die Fälle von mutmasslicher oder wirklicher Tierquälerei melden. Das beweist, dass wir ein respektables Sensorium entwickelt haben.»

Helen Sandmeier, Tierschutz Schweiz

Sandmeier, auf diese These angesprochen, muss etwas lachen. Sie sagt: «Ja, wir dürfen von uns behaupten, dass wir eine Nation der Heimtierhalter sind und relativ gut mit den Haustieren umgehen.» Euphorisch wird sie deswegen aber nicht. Im internationalen Vergleich stünden die Schweizer sicher sehr gut da, aber man müsse klar sagen, dass «unter Blinden der Einäugige der König» sei.
Was dabei hilft: unsere scharfen Gesetze. Jeder Hund muss gechippt sein, längst nicht alle Tiere dürfen überhaupt gehalten werden. Auch unser Verhalten habe sich geändert, sagt Sandmeier: «Es gibt viele Menschen, die Fälle von mutmasslicher oder wirklicher Tierquälerei melden. Das beweist, dass wir ein respektables Sensorium entwickelt haben. Früher hat man gerne weggeschaut.»
Laut einer Studie bleibt diese Fürsorge auch bis ins hohe Alter bestehen – über 90 Prozent von pflegebedürftigen Menschen kümmern sich weiterhin vorbildlich um ihr Haustier. Immer mehr Alters- und Pflegeheime erlauben es, dass die Tiere mitgenommen werden können; «eine super Sache», sagt Sandmeier, «obschon die Heime dadurch mit einem Zusatzaufwand konfrontiert werden».

 

«Vor Corona wurden 500 Hunde aus dem Ausland in die Schweiz ausgeführt, jede Woche! Nun sind es fast 600. Viele kommen aus Welpenfabriken, oft mit gefälschten Papieren.»

Helen Sandmeier, Tierschutz Schweiz

Heile Welt ist aber nicht. Es gibt zunehmend mehr Menschen, die ihre Tiere mit übertriebener Tierliebe beglücken, sie in ein Pelzmäntelchen stecken, mehrmals pro Woche frisieren, ihr Verhalten für Shows dressieren. Das beweisen auch Untersuchungen, die belegen, dass für Haustiere laufend mehr Geld ausgegeben wird. Man muss nicht beim Tierschutz arbeiten, um das als kontraproduktiv einzustufen.
Es gibt auch weiterhin den umgekehrten Fall: Verwahrloste Tiere beschäftigen Heime seit je, schätzungsweise 100’000 Katzen haben kein Daheim. Der bekannte Tierethiker Markus Wild hat schon lange festgestellt, dass viele Haustiere (wenn auch unabsichtlich) nicht richtig gehalten werden.
Kommt dazu, dass sich der Mensch selbst noch immer am nächsten ist. Nicht jeder ist beispielsweise bereit, für einen Hund ein durchaus langwieriges Prozedere zu absolvieren, wenn er sich im Tierheim für einen Vierbeiner interessiert. Sandmeier sagt: «Vor Corona wurden 500 Hunde aus dem Ausland in die Schweiz ausgeführt, jede Woche! Nun sind es fast 600. Viele kommen aus Welpenfabriken, oft mit gefälschten Papieren. Da steckt kein böser Willen dahinter, aber es ist falsche Tierliebe – denn oftmals endet das in einer Katastrophe.» Diese Tiere kommen halb tot oder schwer krank in der Schweiz an, manche müssen eingeschläfert werden.
Herr und Frau Schweizer dürfen ihren tierischen Lieblingen aber durchaus selbstzufrieden das nächste Döschen Fleisch servieren. Sandmeier will noch nicht in Jubelstürme ausbrechen, aber sie beobachtet Bemerkenswertes. Wurden die Tierheime während der Pandemie regelrecht leergekauft, bibberten die Institutionen in den letzten Wochen von einem grossen Backlash – jetzt, da die Halter zeitlich wieder mehr ausgelastet sind. In Deutschland und Österreich ist dieser Trend bereits deutlich erkennbar.
Sandmeier stellte in einer Umfrage jedoch fest, dass sich die Befürchtungen bei Tierschutzorganisationen und Tierheimen für die Schweiz noch nicht bewahrheiten. Man traue sich noch nicht, das endgültig zu glauben – aber Sandmeier sagt auch: «Hoffentlich haben wir die Tierliebe unterschätzt.»
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