Somms Memo

Hat Cassis den Russen hofiert? Zum Alkoholgehalt eines angeblichen Skandals

image 23. September 2022, 10:34
Immer recht freundlich. Bundespräsident Ignazio Cassis trifft in New York den russischen Aussenminister Sergei Lawrow. Quelle: Twitter
Immer recht freundlich. Bundespräsident Ignazio Cassis trifft in New York den russischen Aussenminister Sergei Lawrow. Quelle: Twitter
Die Fakten: Ignazio Cassis lässt sich am Rand der Uno-Vollversammlung in New York mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow fotografieren. Dabei lächelt er.
Warum das wichtig ist: Wer sich aufregt, hat immer noch nicht verstanden, was neutral heisst. Dass man mit allen spricht. Selbst mit Monstern.
Anscheinend kommen schweizerische Bundesräte nur in die internationalen Medien, wenn sie sich als Comedians betätigen:
  • Simonetta Sommaruga sorgte tagelang für globale Erheiterung, nachdem sie die Schweizer zum Duschen zu zweit aufgefordert hatte: «Save energy by showering together, Swiss told», titelte die Londoner Times. Dass die Bundesrätin bald darauf nachschob, sie habe nur junge Leute gemeint, half wenig – Sommaruga dürfte in die Geschichte eingehen als die frivole Duschministerin aus dem unfrivolsten Land der Welt
  • Unvergessen auch die französische Ansprache von Johann Schneider-Ammann zum Tag der Kranken, wo er so krank und traurig aussah, dass die ganze Welt ihm gute Besserung wünschte. «Le rire c'est bon pour la santé!», hatte der Bundespräsident tapfer gesagt. Die Welt nahm ihn beim Wort und lachte sich zu Tode
  • Und jetzt Ignazio Cassis. Als Bundespräsident fuhr er am Montag nach London an die Beerdigung der Queen, wo er neben Jill Biden, der amerikanischen First Lady, zu sitzen kam, in der gleichen hinteren 14. Reihe wie Präsident Joe Biden – was sich die amerikanischen Journalisten nicht erklären konnten: Wollten die Engländer die Bidens bestrafen, weil sie aus einem Land kamen, das sich 1776 von der britischen Krone losgelöst hatte?
Tatsächlich können sich die Briten nichts Schlimmeres vorstellen. Der bekannte englische Comedian Michael McIntyre verschickt in einer seiner Sendungen Fake-SMS an gute Bekannte:
  • «Hilfe! Ich nehme an einem Staatsdinner im Buckingham Palace teil und sitze neben dem Präsidenten der Schweiz. Was soll ich bloss mit ihm reden
  • «Hunde kommen immer gut an», schreibt ein Freund zurück, «Skifahren und Steuervermeidung»
Ausgelassenes Gelächter.
Die Schweiz, ein Witz?
Am Mittwoch wurde Cassis seinem Ruf als Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Peinlichkeiten gerecht, als er mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow zusammentraf. Beide hatten an der Uno-Vollversammlung in New York teilgenommen. Nach dem Gespräch, wo Cassis laut eigenen Angaben den Krieg der Russen gegen die Ukraine verurteilt hatte, machte ein Fotograf ein Bild:
  • Man sieht Lawrow, einen russisch-armenischen Bullen, der die Hand des feinen Tessiners fest in den Griff nimmt. Wie lange hält Cassis durch?
  • Und Cassis, beflissen lächelnd, als ob er dem Russen gerade eine Villa am Luganersee verkauft hätte.


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So stellt man sich in politisch korrekten Kreisen natürlich nicht vor, wie man ein Monster zur Einsicht bringt, dass es ein Monster ist. The Beauty and the Beast, das Disney-Märchen, wo das Beast zu einem Prinzen wird, fand nicht statt. Wenn ich auch überzeugt bin, dass Cassis Lawrow die eine oder andere unangenehme Botschaft übermittelt hat, blieb die Wirkung auf das Gewissen des gläubigen Russisch-Orthodoxen im unteren Weihrauch-Bereich. Ist das ein Skandal? Wie Weltpolitiker Fabian Molina von der SP dem Blick gegenüber durchblicken liess? Nein, im Gegenteil, es handelt sich um eine aussenpolitisch reife Leistung des Tessiners. Aus zwei Gründen:
1. Cassis hat die schweizerische Neutralität seit Beginn des Krieges nicht immer sehr glücklich vorgetragen. Wenn er an einer Veranstaltung auf dem Bundesplatz in Bern den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski als «Freund» bezeichnet, dann nahm er auf eine inakzeptable Art und Weise Partei.Höflich, selbst im Krieg? Immer. Zutraulich? Nie. So kumpelhaft sollte sich kein Bundespräsident des super-neutralen Landes Schweiz verhalten. Mit seinem Lächeln für die russische Kamera (die Russen haben das Foto selbstverständlich sogleich per Twitter in der ganzen Welt verbreitet), hat Cassis diesen Fehltritt korrigiert. Er war nun einen Tick zu nett – gegenüber beiden Kriegsparteien. Wenn schon ein Lächeln, wie es unter zivilisierten Europäern zum Comment gehört, als parteiisch gilt – umso besser: Es liegt im Interesse der Schweiz, gegenüber den Russen wieder eine gewisse Äquidistanz herzustellen. Das haben wir auch in der Vergangenheit so gehandhabt – und noch üblere Regimes mit einem diplomatischen Lächeln beschenkt.

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2. Der Vorfall widerlegt allerdings auch all jene Kritiker aus Kreisen der SVP, die unsere Neutralität bereits im Zustand des Nahtodes sahen. Als die Russen die Schweiz seinerzeit auf ihre Liste der feindlichen Länder nahmen, weil wir die Sanktionen des Westens übernommen hatten, wiesen manche Neutralitätsfetischisten fast triumphierend darauf hin: I told you so! Wir haben es ja immer gesagt. Mumpitz. Offenbar legen die Russen nach wie vor Wert darauf, mit dem berühmtesten Neutralen der Weltgeschichte ins Geschäft zu kommen und abgelichtet zu werden. Lawrow wurde in New York von fast allen Politikern und Diplomaten gemieden, als hätte er Lepra. Umso mehr muss er den Termin mit Cassis geschätzt haben. Das hilft uns, das hilft den Russen, das hilft vielleicht einmal der Konfliktbereinigung in der Ukraine.
Die neutrale Schweiz lebt. Ob in New York, Moskau oder Peking.
Inzwischen wird übrigens immer noch über Sommarugas Duschpläne gelacht. Vermutlich liegt das daran, dass die Welt schon den Gedanken lustig findet, dass irgendein Schweizer Paar miteinander duschte. Sex in den Alpen? Man hält uns für so seriös, dass sich niemand vorstellen kann, wie wir uns überhaupt fortpflanzen.

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Hölle. Swiss Made. (Detail aus der Kuppel des Florenzer Doms).
Oder um mit einem berühmten englischen Witz zu schliessen: «Der Himmel ist dort, wo die Köche Franzosen sind, die Polizisten Briten, die Mechaniker Deutsche, die Liebhaber Italiener – und alles wird von den Schweizern organisiert.» Und in der Umkehrung: «Die Hölle ist dort, wo die Köche Briten sind, die Polizisten Deutsche, die Mechaniker Franzosen, die Liebhaber Schweizer – und alles wird von den Italienern organisiert.» Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende Markus Somm

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