Grossbritannien ohne EU: Anders und besser als gedacht

Grossbritannien ohne EU: Anders und besser als gedacht

Glaubt man der üblichen kontinentalen Berichterstattung, dann muss es um das Vereinigte Königreich richtig schlimm stehen. Das stimmt nicht. Es wird gelebt – und man spürt, dass es zum Brexit kommen musste.

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von Konrad Hummler am 3.11.2021, 05:00 Uhr
Party in London – hier während des Freedom Days. Foto: Keystone
Party in London – hier während des Freedom Days. Foto: Keystone
Kürzlich wagte ich mich nach langem Unterbruch wieder in ein Flugzeug. Ziel: London, UK. Ich wollte einen persönlichen Augenschein im aus der Pandemie aufgetauchten, aus der EU ausgetretenen Inselreich nehmen. Wir lesen und hören ja viel von allem Ungemach, das die Briten durch ihre Abwendung von der Europäischen Union erfahren haben sollen oder noch werden.
Glaubt man der üblichen kontinentalen Berichterstattung, dann muss es um das Vereinigte Königreich richtig schlimm stehen. Bilder von leeren Regalen in Läden und langen Schlangen vor Tankstellen zirkulierten in den hiesigen Medien, und Premier Boris Johnson wird nach wie vor als chaotischer Rüpel mit Hang zu krankhafter Selbstdarstellung dargestellt.
Die Ankunft in London Heathrow verlief mustergültig und die Abfertigung zügig. Corona-verdächtige Passagiere aus Risikoländern wurden gleich am Gate abgesondert und einem speziellen Kontrollprozedere zugeführt. Der grosse Rest war mindestens so rasch wie früher am Ausgang. Mit einem kleinen Unterschied: Passagiere aus der EU (und auch der Schweiz) werden nun wie gewöhnliche Ausländer empfangen; früher gab es noch gesonderte Schlangen und Schalter.
Aber was soll's: So unterhält man sich nun eben mit einer Philippinin statt einer Französin und mit einem Kenyaner statt einem Deutschen. Das erweitert den Horizont und steigert die momentane Diversität.

Es wird laut gezecht

Auch der auf dem Kontinent belächelte Corona-Selbsttest innerhalb von 48 Stunden nach Ankunft im Lande fand sich, zuhause noch bestellt und bezahlt, fein säuberlich im Postfach meines Londoner Hotelzimmers. Ich unterzog mich dieser auf Eigenverantwortlichkeit hinauslaufenden Prozedur und bekam das Laborresultat einige Tage später in einem freundlichen E-Mail mitgeteilt.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich meine Probe irgendwo im postalischen Nirwana verloren haben würde. Die negative Vorkonditionierung durch hiesige Medien hatte auch bei mir ihre Wirkung getan.
Als nächstes nahm ich Augenschein in einem Pub. Das Bier war nicht ausgegangen, im Gegenteil. Es wurde so froh und laut gezecht wie ehedem. Und die Leute standen, des linden Herbstwetters wegen, in dichten Trauben gedrängt vor dem Lokal, fröhlich den Abend begrüssend und eine lange Nacht beginnend. Nichts von depressiver Stimmung, nichts von fehlendem Personal, auch auf mein investigatives Fragen hin nicht. Denselben Stimmungscheck machte ich sodann bei unzähligen Uber-Fahrern. Dasselbe, deutlich positivere Bild als erwartet.

Grosse Zuversicht

Ein Blick auf den volkswirtschaftlichen Datenkranz mag diesen positiven «mood» erklären. Nach einem mageren Wachstum von 1,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2019 und, coronabedingt, einem Rückgang von 9,7 Prozent im Jahr 2020 wächst die UK-Wirtschaft in diesem Jahr mit satten 7,3 Prozent. Bis Ende Jahr könnte die Marke von 7,7 Prozent erreicht sein. Die Arbeitslosenrate ist von 5,2 Prozent im Vorjahr auf 4,6 Prozent gesunken. Die offenen Stellen bewegen sich auf Rekordhöhe, was dafür spricht, dass im Königreich ein tiefgreifender struktureller Wandel stattfindet.
Die Zuversicht in Geschäftskreisen («Business Confidence») ist so hoch wie noch nie in den letzten vier Jahren, auch und gerade im Dienstleistungsbereich mit sehr vielen kleinen und kleinsten Unternehmen – wie zum Beispiel meinem Pub an der Strassenecke. Die Immobilienpreise sind wieder dort, wo sie im Jahr 2014, vor den ganzen Brexit-Katastrophen-Ankündigungen, einmal gewesen waren.
Gewiss, der Preis dafür liegt in einer nicht zu vernachlässigenden Teuerungsrate von etwa 3 Prozent. Alles in allem aber muss oder kann man, völlig wertfrei und objektiv, feststellen, dass es UK wirtschaftlich deutlich besser geht als dem europäischen Kontinent.
Auch scheint die Londoner City nach einer Phase der Unsicherheit wieder Tritt gefasst zu haben, wie es kürzlich der sonst eher Brexit-skeptische Korrespondent der NZZ, Benjamin Triebe, in einem beinahe schon enthusiastischen Artikel («Nach dem EU-Ausstieg sprüht der Finanzplatz Grossbritannien vor Ideen», NZZ vom 16. Oktober 2021) beschrieben hat. Einige Geschäftsprozesse sind zwar nach Frankfurt, Amsterdam oder Paris verschwunden, aber das Momentum konnte durch neues, zusätzliches Volumen kompensiert werden.

Mächtiges Finanzdienstleistungszentrum

Eine nicht unwichtige Rolle spielte dabei offenbar die gegenseitige Anerkennung der Börsenäquivalenz zwischen London und der Schweiz im Februar dieses Jahres. Das war eine ziemlich souveräne Antwort der beiden Nicht-EU-Mitglieder UK und Schweiz an Brüssel, das ebendiese Äquivalenz aus politischen, nicht sachlichen Gründen verweigert hatte.
Nach diesen Erfahrungen liegt es nahe und wäre empfehlenswert, die im Gange befindlichen Gespräche zwischen London und Bern über ein Finanzdienstleistungsabkommen zügig zu einem Abschluss zu bringen. Auf einen Schlag würde in unserer Zeitzone ein mächtiges Finanzdienstleistungszentrum entstehen, das mit den Plätzen New York und Singapur gleichziehen könnte, derweil sich die Franzosen mit den Deutschen weiterhin über eine Transaktionsbesteuerung streiten mögen.
Bevor ich wieder in die Schweiz zurückkehrte, hatte ich Gelegenheit, die Universität Oxford zu besuchen. Dabei wurde mir klar, weshalb es zum Brexit kam, kommen musste. Und welch geschichtlicher Irrtum es gewesen war, als Premier Edward Heath im Jahre 1973 das Vereinigte Königreich an die EU anschloss. UK tickt dermassen anders, dass es nicht funktionieren konnte. Französischer Kartesianismus, gepaart mit deutscher Gründlichkeit, ist völlig inkompatibel mit dem englischen Pragmatismus.

Unabhängig, eigenverantwortlich

Dieser Pragmatismus ist struktureller Natur und bewährt sich bald schon tausend Jahre lang. Die Uni Oxford setzt sich aus 34 Colleges zusammen, allesamt versehen mit einem mehr oder minder vollständigen universitären Curriculum von Theologie über Sprachen, Geschichte, Recht bis zu den «harten» Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie.
Die Colleges sind unabhängig und eigenverantwortlich, auch was ihre Finanzierung betrifft, vor allem aber auch, welche Studentinnen und Studenten sie auswählen. Selbstverständlich gibt es ein paar übergreifende Regeln, zum Beispiel, wann und wie ein Student aus dem einen College Ausbildungsmodule in einem anderen College besuchen darf. Dennoch: Eigenständigkeit und eine gewisse Rivalität prägen das Bild, ebenso eine gemeinhin akzeptierte Verschiedenheit.

Horizon: Wer leidet mehr?

Nach unseren gängigen Vorstellungen müsste das im unorganisierten Desaster mit grossen qualitativen Fragezeichen enden. Das Gegenteil ist der Fall. Mit den englischen Universitäten kann, ausser bestimmten schweizerischen, kaum eine kontinentaleuropäische Anstalt mithalten, und gerade das macht das Kuschen vor dem Ausschluss aus dem vielgelobten EU-Programm «Horizon 2020» so fragwürdig: Wer leidet unter dessen Wegfall denn mehr, die besseren oder die schlechteren Teilnehmer? Wer verwässert qualitativ wen?
Doch zurück zur maximal föderalen Struktur einer englischen Universität: Sie ist es, die mental die jungen Eliten des Landes geprägt hat. Einheitlichkeit ist nicht Sache der Briten, Égalité schon gar nicht. Hier lag das Problem der Engländer, und sie konnten es nur mit dem Brexit lösen. Zugegeben: Vieles hätte besser, eleganter geschehen können. Beidseitig. Aber am Resultat hätte das wenig geändert. Der Bruch musste erfolgen.
Ja, in England hat es zu wenig Lastwagenfahrer post-Brexit. Auf dem ganzen europäischen Kontinent aber auch. Als Folge der milliardenhohen, die aggregierte Nachfrage stimulierenden Covid-Hilfen hinkt das aggregierte Angebot hintennach. Höhere Löhne werden es richten. Das dauert ein Weilchen, aber es wird geschehen.
Auch andere, zur Katastrophe erhobene Versorgungsprobleme sind auf den britischen Inseln sichtbarer als in der kontinentalen Pampa. Leere Gestelle in Supermärkten… Der Preis für den Brexit ist, wie gesagt, ein Teuerungsschub. Er kommt, vielleicht etwas später und weniger ausgeprägt, auch auf dem Kontinent.

Reagiert Johnson über?

Die Frage ist, ob der intelligente, doch auch unberechenbare Premier Johnson die Ökonomie spielen lässt oder nicht. Politiker sind dies- und jenseits des Kanals auf kurzfristigen Erfolg erpicht. Grundsätzlich hätte Johnson Zeit und könnte sich punkto Popularität einiges leisten. Ob das seine um einiges jüngere Lebensgefährtin auch so sieht, wissen wir nicht. Wenn es für UK in kommender Zeit ein besonderes Risiko gibt, dann genau dieses: dass es ohne wirklichen Grund die Contenance verliert und beginnt, politisch erratisch zu über(re)agieren.
Aber das Vereinigte Königreich hat auch eine besondere Chance. Ich würde sie «Autonomie-Prämie» nennen. Denn erstmals seit sehr langer Zeit kann sich auf der Insel die Einsicht durchsetzen, dass man ziemlich allein und auf sich selber gestellt ist. Fast so wie damals nach Dünkirchen. Dass es keine andere, höhere Instanz gibt, bei der man etwas holen kann.
Selber anpacken, selber erledigen, selber bezahlen: Wenn sich diese Änderung des Mind-Sets in England durchsetzt, dann werden die Wachstumszahlen nicht nur momentan, sondern auf Jahre hinaus besser sein als jene auf dem Kontinent, wo man auf immer neue, zusätzliche Hilfsprogramm aus Brüssel, finanziert durch die Deutschen, orchestriert durch die Franzosen, setzt.

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