Erstaunliche Erkenntnis: Wer früher in Rente geht, ist weniger gesund

Erstaunliche Erkenntnis: Wer früher in Rente geht, ist weniger gesund

Die Gesundheit der Bauarbeiter verschlechterte sich durch die Einführung eines tieferen Rentenalters im Jahr 2003. Hätte eine Rentenaltererhöhung, wie sie die Jungfreisinnigen fordern, im Umkehrschluss eine positive Auswirkung auf die Gesundheit der Arbeitnehmer?

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von Stefan Bill am 26.7.2021, 04:00 Uhr
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Wer einer körperlich anstrengenden Arbeit nachgeht, darf nicht selten früher in die Rente. Zum Wohle der Gesundheit. Das klingt nachvollziehbar. Eine Studie von Reiner Eichenberger, renommierter Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, kommt nun aber zu einem erstaunlichen Fazit: Eichenberger hat sich mit den Auswirkungen eines tieferen Rentenalters für Bauarbeiter beschäftigt. Dieses wurde seit 2003 stetig herabgesetzt – und liegt seit 2006 bei 60 Jahren.
Eichenberger und seine Co-Autorin, Ann Barbara Bauer, sind zum Schluss gekommen, dass sich die Reform auf die Gesundheit der Bauarbeiter sogar negativ ausgewirkt hat. Die beiden Autoren stützen sich dabei auf Tausende Datensätze der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE); eine Umfrage, die seit 1991 jedes Jahr durchgeführt wird.

Krankheitsbedingte Ausfälle um einen Drittel gestiegen

In der Studie wurden die Angaben von Bauarbeitern mit den Angaben von Arbeitnehmern aus anderen Berufen verglichen, um festzustellen, wie sich die Gesundheit von Bauarbeitern zu derjenigen der Arbeiter aus anderen Sektoren unterscheidet. Zudem wurden die Angaben von Bauarbeitern die vor und nach der Reform pensioniert wurden, verglichen. Dadurch wollte man die Auswirkungen, die die Reform mit sich brachte, feststellen. Dabei kam heraus: Bei den 56 bis 60-jährigen Bauarbeitern, also jenen die neu kurz vor der Pension standen, stieg die Krankheitsausfallquote nach der Reform um 33 Prozent an.
Konkret heisst das: Nach Einführung des Rentenalters 60 fehlten die 56- bis 60-Jährigen mehr als früher. Die Abwesenheit von mindestens einem Tag pro Woche stieg um einen Drittel – von 3,49 auf 4,64 Prozent. Zudem gaben sie häufiger an, sich gesundheitlich schlecht zu fühlen (11,7 Prozent). Vor Rentenalter 60 waren es nur 7,6 Prozent.

Krank machen oder krank sein?

Da die ausgewerteten Daten auf Umfragen basieren, handelt es sich dabei um subjektive Einschätzungen der Befragten. Daher kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Abwesenheiten der älteren Arbeiter unter anderem auch auf Blaumacherei zurückzuführen sind. Der Gedanke dahinter ist relativ einfach: Wenn man weiss, dass man nur noch ein Jahr in einem Betrieb arbeitet und danach in Rente geht, engagiert man sich im Schnitt auch weniger für diesen Betrieb. Es kann diesen Personen egal sein, was aus dem Betrieb wird; auf ein gutes Arbeitszeugnis sind sie ebenfalls nicht mehr angewiesen. Es kann also gut sein, dass sich die Arbeiter krank meldeten, obwohl sie es nicht waren.
Deswegen haben die Autoren auch den gesundheitlichen Zustand der Bauarbeiter nach der Pensionierung verglichen. Ergebnis: Die Bauarbeiter, die früher in Rente gingen, litten auch noch viele Jahre nach der Pensionierung unter intensiveren gesundheitlichen Problemen. Gesundheitsfördernde Effekte für das tiefere Rentenalter haben die Autoren keine gefunden.
Sind ältere Arbeitnehmer ihren Chefs weniger wert, weil sie bald weg sind, Investitionen in sie sich nicht mehr lohnen? Die Überlegung der Autoren lautet so: Wenn sich ein junger, gut ausgebildeter Mitarbeiter bei der Arbeit verletzt und dadurch für lange Zeit oder gar für immer ausfällt, ist das ein grosser Verlust für die Firma – hätte er doch noch Jahre lang gute Arbeit leisten können. Passiert der gleiche Unfall aber einem Arbeiter kurz vor der Pensionierung, fällt der Schaden für die Firma verhältnismässig gering aus. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf bemüht sich ein Chef wohl weniger, einem 59-jährigen Arbeiter etwa die Schutzkleidung noch aufzuzwingen.

«Ein fixes Ende ist schlecht»

Wie sich Angestellter und Arbeitgeber verhalten, wie sehr sich der Arbeitnehmer engagiert, wie viel der Arbeitgeber in den Arbeiter investiert: Das hängt nicht nur davon ab, wie alt der Arbeitnehmer ist, sondern vor allem auch, wie lange er noch arbeiten wird.
Investiert eine Firma in die Sicherheit und die Gesundheit, aber auch in das Sozialkapital, die Fähigkeiten und die Ausbildung ihrer Angestellten, will sie in erster Linie in ihr eigenes Kapital investieren. Das bedingt aber, dass die Angestellten der Firma noch eine gewisse Zeit erhalten bleiben. Durch eine Rentenaltererhöhung, wie das die Jungfreisinnigen fordern, wachsen die Restlaufzeiten der Arbeitnehmer und dadurch auch die Anreize, in deren Fähigkeiten zu investieren.
«Dass die Leute mit 60 Jahren keinen Arbeitsplatz mehr finden, liegt nicht am Alter und den Fähigkeiten»
Wäre es also durch eine Rentenaltererhöhung getan? Die AHV gerettet, die Gesundheit der Bauarbeiter sichergestellt? So einfach ist es nicht. Das beschriebene Problem wird dadurch natürlich nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Eichenberger ist daher nicht begeistert von der Renteninitiative. Für ihn ist klar: «Das fixe Ende ist schlecht.» Das sehe man bei den Einstellungen. «Dass die Leute mit 60 Jahren keinen Arbeitsplatz mehr finden, liegt nicht am Alter und den Fähigkeiten, sondern daran, dass es sich für die Arbeitgeber nicht lohnt, Leute für wenige Jahre einzustellen.»
Erfahrungsgemäss braucht es etwa ein halbes bis ein ganzes Jahr, bis neue Angestellte dasselbe leisten können, wie ihre bereits eingearbeiteten Kollegen. Eventuell kommen noch spezifische Schulungen für den neuen Job hinzu. Das alles kostet den Arbeitgeber Geld und Zeit. Er will daher die neuen Mitarbeiter möglichst lange behalten, damit sich seine Investitionen auszahlen.
Eine Erweiterung des Arbeithorizonts führt demnach zu mehr Investitionen. Im Umkehrschluss: Ist das Ende der Zusammenarbeit bereits ersichtlich, wirkt das für den Arbeitgeber abschreckend, da nicht rentabel. Und selbst wenn er den Arbeiter einstellt, investiert er sicherlich nicht mehr in dessen Bildung oder Gesundheit.

Die Lösung

Doch was wäre dann die Lösung? Für Eichenberger steht fest: «Die freiwillige Öffnung gegen oben.» Arbeit im Alter müsse sich wieder lohnen. Dafür gehöre abgeschafft, was sie heute behindert. «Wer vor 65 entscheidet, die Rente aufzuschieben, soll nicht später eine höhere Rente, sondern sofort tiefere Beitragssätze erhalten. Und ab 67 sollen die Einkommenssteuern auf Arbeitseinkommen halbiert werden. Dann wollen sehr viele länger arbeiten – und die Firmen würden sofort Altersarbeitsprogramme einführen. Und die beim Staat anfallenden zusätzlichen Steuereinnahmen werden in die AHV gelenkt. Damit sind alle Probleme gelöst. Alle profitieren, niemand verliert.»

Schauen Sie zu diesem Thema auch die Folge Feusi Fédéral mit Reiner Eichenberger.

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