Gemeinden: Senioren an die Macht!

Gemeinden: Senioren an die Macht!

In den Gemeinden unseres Landes regieren die alten weissen Männer. Sogar im fortschrittlichen Kanton Zürich ist der durchschnittliche Gemeindepräsident so um die 60 Jahre alt. Schlimm? Nein: Gut so.

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von Gottlieb F. Höpli am 11.6.2021, 09:00 Uhr
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Eine Recherche des Tages-Anzeigers hat ergeben, dass in Zürcher Gemeinderäten vor allem alte Männer sitzen. Vier von sechs Gemeinderäten in Stallikon (3785 Einwohner) sind über 60, der Gemeindepräsident 71 Jahre alt – nicht der älteste im Kanton. In Landesgegenden, in denen die Professionalisierung der Politik weniger weit fortgeschritten ist, dürfte es noch schlimmer sein. Der Grund für diese Herrschaft der Senioren liegt allerdings nicht, wie viele ob dieser Nachricht vermuten dürften, in der Machtgier der alten weissen Männer. Sondern in der Tatsache, dass sich für die Exekutivämter auf der untersten Stufe kaum mehr jüngere Anwärter finden. Weil es sich in vielen Gemeinden um zeitintensive Milizämter handelt, für die im heutigen Berufsalltag schlicht die Zeit fehlt. Die zudem dementsprechend schlecht bezahlt sind, wie es die helvetische Tradition will.
Da muss aber rasch Remedur geschaffen werden! Da müssen frische jüngere Kräfte her! Professionalisierung ist angesagt. Wie etwa im schönen Städtchen Steckborn am Untersee, wo vor zwei Jahren ein 37-jähriger professioneller Stadtpräsident eingeflogen wurde, selbstbewusst und von Neuem beseelt. Dumm nur, dass der forsche Jurist bald nur noch mit der Hälfte der Stadtratskollegen, ohne Stadtschreiber und mit kaum mehr funktionierenden Sozialen Diensten regierte – es war schon fast Massenflucht, was sich da innert kurzer Zeit abspielte. Bevor er ganz allein und beratungsresistent im Rathaus sass, nahm er dann doch eine «Gesamtbeurteilung» vor (darunter tun es wahre Profis nie) und gab angesichts von so viel Miliz-Ignoranz auf.
Aber auch in der neuerdings rot-grün dirigierten Stadt St.Gallen sorgt das jüngste Exekutivmitglied für Furore. Für eine Professionalisierung und die Fusion der vier bisher klaglos funktionierenden, als Verein organisierten Spitex-Dienste setzte die 40-jährige Dr. oec. HSG einen externen – also «unverbrauchten» - Betriebswirtschafter ein. Hier dauerte es kein halbes Jahr: Massenflucht an der Basis, von der Stadträtin nassforsch kommentiert («Ich habe lieber motivierte Mitarbeiter»), und anschliessend Hals-über-Kopf-Abgang des hochgelobten Reorganisators. Den die Vorgesetzte immerhin als «ungünstig» taxierte und nun doch so etwas wie Empathie erkennen liess, die sie für die massenflüchtigen Spitex-Mitarbeiterinnen nicht aufgebracht hatte. Sie dankte ihm herzlich für seine «Herkulesarbeit». Fehler hat übrigens, so muss man aus den offiziellen Verlautbarungen schliessen, niemand gemacht.
Einer der besten Ratschläge, die ich für mein Berufsleben an der Spitze einer Zeitung je erhalten habe, stammt vom Zürcher Unternehmer und Nationalrat Ueli Bremi: «Wenn Du eine wichtige Aufgabe zu vergeben hast, dann gib sie einem, der nicht zu viel Zeit dafür hat.» Weil: Der kann keine Arbeitsgruppen bilden, keine jedes Detail ausleuchtende Analyse und schon gar keine Zukunftsperspektiven in mindestens sechs verschiedenen Versionen vornehmen – der muss manchmal einfach aufgrund seiner Erfahrung rasch entscheiden und dann die Verantwortung dafür übernehmen.
Mit anderen Worten: je näher an der politischen Basis, sprich: je näher am einzelnen Menschen gehandelt werden muss, desto mehr zählen Erfahrung und Menschenkenntnis. Auch heute noch. Die sammelt man nicht an der Uni und nicht innerhalb einiger Monate, sondern in einem Berufsleben, das auch mal einen Misserfolg aufweist, an dem sich bekanntlich mehr lernen lässt als an jedem Erfolg. Damit ist ein Anforderungsprofil für die Tätigkeit an der Basis der schweizerischen Demokratie umschrieben, dem manche Senioren besser entsprechen als frischgebackene Hochschulabgänger.
Damit ist nicht gemeint, dass politische Theorie, betriebswirtschaftliche Kenntnisse und statistikbasierte Analysemethoden keinen Platz hätten im öffentlichen Gemeinwesen! Doch sind sie in bestimmten Stabsabteilungen und in den Parlamenten besser aufgehoben als dort, wo ganz konkrete politische Einzelentscheide gefällt werden müssen. Wie sagte doch der alte Firmenchef, der seinen Sohn zum Vizepräsidenten ernannte, auf die Frage, ob ein solcher Einstieg nicht etwas hoch gegriffen sei: «Für eine Tätigkeit weiter unten kann ich ihn nicht einsetzen. Dort muss man von der Sache etwas verstehen.»

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