Somms Memo

Frauenstreik. Haben die Frauen das wirklich nötig?

image 14. Juni 2023 um 10:00
Frauenstreik 1991. Seither ist sehr, sehr viel erreicht worden. (Bild: Keystone)
Frauenstreik 1991. Seither ist sehr, sehr viel erreicht worden. (Bild: Keystone)
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Die Fakten: Linke und Gewerkschaften führen heute einen «feministischen Streik» durch. Es wird erwartet, dass Zehntausende von Frauen daran teilnehmen. Warum das wichtig ist: Haben das die Frauen wirklich nötig? Die Gleichstellung ist vollzogen, man streitet im Kommabereich. Irgendwie erinnern mich die linken Frauen an Fussballspieler, die das Spiel längst gewonnen haben, aber ständig nach einer Verlängerung verlangen:
  • Sie möchten noch mehr Tore schiessen, obwohl es bereits 10:0 steht
  • Sie beklagen sich, der Schiedsrichter habe sie betrogen, auch wenn er sie zum Sieger erklärt hat und ihnen fünf Penalties gegeben hat
  • Kurz, sie möchten, dass ein Fussballspiel nicht 90 oder höchstens 120 Minuten dauert, sondern vierhundert Jahre

Das zeigt sich vielleicht am besten bei der Frage des gleichen Lohns. Wenn man die regelmässigen Verlautbarungen der Gewerkschaften und der linken Parteien hört, dann erhält man den Eindruck, das Problem lasse sich gar nie lösen, weil eine Lösung gar nicht erwünscht ist – wenn ein Prozent Lohndifferenz verschwindet, taucht es bald an einem Ort wieder auf:
  • Nach den neuesten Statistiken des Bundes beträgt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau noch 19,5 Prozent in der Privatwirtschaft, sowie 15,1 Prozent im öffentlichen Sektor. Nimmt man beide zusammen, ergibt sich eine Differenz von 18 Prozent
  • Davon lassen sich bei der Privatwirtschaft 54,7 Prozent erklären, 45,3 Prozent nicht
  • Beim Staat lauten die entsprechenden Werte 53,3 (erklärt) bzw. 46,7 (unerklärt)

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Nun finden seit Jahren epische Debatten darüber statt, wie man diese Lohnunterschiede überhaupt messen will. In der Regel stützen sich die Behörden auf die sogenannte «Blinder-Oaxaca-Zerlegung», eine statistische Methode, die zu erläutern ich meinen Lesern erspare. Worauf es ankommt: Man versucht dabei zu berücksichtigen, dass diverse Faktoren hineinspielen, wenn es um die Festsetzung eines Lohnes geht, wie etwa
  • Alter
  • Branche
  • Berufliche Stellung, Führungsverantwortung
  • Ausbildung

Sobald diese Dinge miteinbezogen werden, lassen sich gewisse Differenzen durchaus erklären. Hier spricht man dann vom «erklärten Anteil des Lohnunterschieds». Dass etwa ein älterer Mann mehr verdient als eine jüngere Frau – auch wenn die beiden den scheinbar gleichen Job verrichten, leuchtet ein, das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ebenso spielt es eine Rolle, welche Ausbildung einer oder eine mitbringt.

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Als «unerklärt» gilt dann jener Anteil, der bleibt. Selbstverständlich kann sich die Linke diese Differenz nicht anders erklären als mit dem Verdacht, hier finde Diskriminierung statt:
  • Wenn der (männliche) Chef eine (weibliche) Bewerberin sieht, dann senkt er geistig bereits den Lohn um 18 Prozent, weil er – der unverbesserliche Sexist – das so von seinem Vater, Grossvater und Urgrossvater gelernt hat

So jedenfalls stellen sich Linke das vor, die sich in ihrem Leben vielleicht noch nie beworben haben, weil sie nach dem Studium geradewegs in den Nationalrat gewählt wurden. Ich hielt diese Geschichte schon immer für unplausibel – zumal in ihrer massenhaften Ausprägung. Zehntausende von männlichen (und weiblichen) Chefs müssten sich noch heute so verhalten, was ich als unwahrscheinlich betrachte. Vor allem aus einem ökonomischen Grund:
  • Es braucht nur einen einzigen schlauen Arbeitgeber, der um den Sexismus seiner Kollegen weiss, um diese angeblich ungerechte Lohnstruktur aufzubrechen, will heissen: er weiss, dass Frauen weniger Lohn erhalten (und akzeptieren) – obwohl sie für die Firma die genau gleiche Leistung erbringen
  • Das bedeutet: Frauen werden unterbezahlt – das bedeutet aber auch, den Männern, die der sexistische Arbeitgeber anstellt, zahlt er zu viel Lohn
  • Jeder Arbeitgeber könnte demnach viel Geld sparen, wenn er nur noch Frauen einstellen würde, die er ja zu einem Discount von 18 Prozent unter Vertrag nehmen kann

Mit anderen Worten, jeder nicht-sexistische Arbeitgeber gewänne sofort einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen sexistischen Konkurrenten, was diese wiederum auf lange Sicht dazu zwänge, es ihm gleich zu tun.
  • Die «unsichtbare Hand», wie Adam Smith, der grosse Ökonom, das Wirken des Marktes beschrieben hat, gäbe jedem Sexisten eine Ohrfeige.

Denn alle Unternehmen würden am Ende nur noch Frauen anstellen – bis die verwöhnten Männer bereit wären, ebenfalls zu einem 18 Prozent tieferen Lohn zu arbeiten. Und die Gewerkschaften und die linken Parteien müssten nach einer neuen gendergetriebenen Ungerechtigkeit suchen, wofür sie am «feministischen Streik» die vielen Unternehmer kritisieren könnten. Wie zum Beispiel:
  • Zu wenig vegetarisches Essen in der Kantine der Bauarbeiter
  • Keine unentgeltliche Kinderkrippe auf Ölplattformen
  • Zu wenig männliche Mitarbeiter in Nagelstudios

Im Übrigen dürfte sich selbst der «unerklärte» Anteil in Luft auflösen, wenn man auf noch mehr lohnrelevante Merkmale Rücksicht nähme.  Zu diesem Schluss ist unlängst eine Studie der HSG gekommen, die der Bund in Auftrag gegeben hatte, nachdem der Zürcher Ständerat Ruedi Noser (FDP) einen entsprechenden Vorstoss eingereicht hatte:
  • So berücksichtigte der Bund bisher zwar die Berufserfahrung, aber nur die «potenzielle», das heisst: Alter minus 15 Jahre. Wenn eine Frau mit anderen Worten zehn Jahre aussetzt, weil sie ihre Kinder betreut, dann kommt diese real viel «kürzere Berufserfahrung» nicht vor
  • Ebenso fehlen weitere Faktoren, die auf jeden Fall den Lohn beeinflussen, wie die Zahl der Jobwechsel, die Bereitschaft zu Schicht– oder Nachtarbeit, physische oder psychische Belastung usw.

Die Autorin der Studie, Christina Felfe vom Schweizerischen Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität St. Gallen, schreibt:
  • «Den unerklärten Anteil der Lohndifferenzen rein als Lohndiskriminierung zu interpretieren ist auf Basis einer statistischen Analyse nicht möglich.»

Selbstverständlich ist die Debatte nicht abgeschlossen, und die Linke wird uns noch viele Studien unterbreiten, die das Gegenteil beweisen. Letzten Endes, so mein Eindruck, könnte sich die Linke aber auch einmal freuen. Über viele, viele Goals, die sie vor einigen Jahrzehnten schon geschossen hat. Man kann nicht jeden Tag von neuem Schweizermeister werden. Oder wie es Andi Möller, ein grosser deutscher Nationalspieler, einmal ausgedrückt hat: «Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.» Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Frauenstreik Markus Somm

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