Frauen zurück in den Arbeitsmarkt. Die Lausanner Richter haben richtig entschieden.

Frauen zurück in den Arbeitsmarkt. Die Lausanner Richter haben richtig entschieden.

Auf die Frage, unter welchen Prämissen Frauen heiraten sollen, nenne ich folgende drei: Gütertrennung, Ehevertrag und Individualbesteuerung.

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von Nicole Ruggle am 28.4.2021, 08:26 Uhr
Bild: Shutterstock
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Denn: Nach jahrzehntelangem Ringen für mehr Gleichberechtigung stehen Frauen die Türen zur universitären Bildung sperrangelweit offen, die Karriereleiter kann von beiden Geschlechtern gleichermassen erklommen werden und Frauen werden gar mit Quoten gefördert. Die Zeichen der Zeit stehen gut. Viele hochdotierte Arbeitgeber suchen händeringend nach gut ausgebildeten, weiblichen Fachkräften. Frauen stellen die Mehrheit der Studierenden an Schweizer Hochschulen, erobern die Teppichetagen der Privatwirtschaft und sind längst selbst dazu im Stande, Einkommen zu erwirtschaften.
Nun hat das Schweizerische Bundesgericht diesem Umstand Rechnung getragen. Frauen sollen nach der Scheidung nicht mehr automatisch vom Ex-Partner finanziell bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unterhalten werden, sondern – wenn es die Lebensumstände erlauben – ökonomisch so rasch wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen.
Ein Grund zum Jubeln – müsste man meinen; die Richter sprechen den Frauen die Mündigkeit zu, die ihnen die Politik zwar gerne rein hypothetisch attestiert – in der Umsetzung jedoch seit Jahren praktisch keinen Fuss vor den anderen bringt.

Nun hört man landauf landab das gleiche Klagen: Frauen hätten bei dieser neuen Rechtsprechung das Nachsehen, Männer seien die grossen Gewinner.

Grösser könnte die Diskrepanz des jahrelangen Propagandieren des Prototyps einer modernen Frau, die selbstbestimmt mit beiden Füssen fest im Leben steht – und dem Wunsch nach der plötzlichen Rückkehr in die reaktionäre und altbackene Zeit der Versorgerehe – nicht sein.
Emanzipation ist alles, was der Frau Vorteil verschafft, so scheint es – und nicht, was sie als mündiges und autonomes Wesen für voll nimmt: Mit sämtlichen aus diesem Axiom resultierenden Konsequenzen. Was für ein Widerspruch!
Die liberale Frauenrechtlerin Esther Vilar (deren Name aktuell wieder in aller Munde ist) fasste die Entscheidung der Frauen, den Mann im Erwerbsleben vorzuschicken und in selbstgewählter Unfreiheit dem Leben einer Hausfrau zu frönen, bereits in den 70er Jahren bitterböse zusammen mit den Worten: «Die Frauen lassen die Männer für sich arbeiten, für sich denken, für sich Verantwortung tragen.» Nun würde man sich wünschen, Vilar sei widerlegt worden. Doch der O-Ton des kollektiven Klagens lässt anderes vermuten.

Bezeichnend ist auch, dass offenbar viele Frauen nicht verstanden haben, dass sie in der Rolle des besserverdienenden Ehegattenteils ebenfalls profitieren würden.
Denn: Auch sie müssten den Ex-Partner im Falle einer Scheidung nur noch bedingt oder gar nicht mehr unterhalten.
Offenbar sehen sich aber ganz viele Frauen – trotz all des Geredes von Gleichberechtigung – überhaupt nicht in der Rolle des zukünftigen Ernährers, Besserverdieners oder Hauptverdieners.

Schuld daran sei wieder die Gesellschaft: Bezahlbare Kitaplätze würden fehlen, Care-Arbeit bliebe grossmehrheitlich an den Frauen hängen und ja – die patriarchalischen Geschlechterrollen als ewiger Sündenbock im Repertoire der Dauerlamentierer darf natürlich auch nicht fehlen.
«Der Glaube an die Unterdrückung der Frau sitzt in unserer Gesellschaft mittlerweile tiefer als das Dogma der unbefleckten Empfängnis in der katholischen Kirche», fasst Vilar-Biograph Alex Baur treffend zusammen.
Schade nur, dass genau diejenigen, die am lautesten die ökonomische Unabhängigkeit der Frau fordern, das Narrativ der vom Mann abhängigen Frau am stärksten reproduzieren.
Es ist nicht Sache der Richter, nach der Scheidung a posteriori ein emanzipatives Familienmodel zu gewährleisten, sondern Sache der zukünftigen Ehegatten, a priori vor der Eheschliessung ein solches auszuhandeln. Das gilt auch – und besonders - für Frauen.


Quellennachweise
Die Einführung der Individualbesteuerung ist derzeit als lancierte Volksinitiative der FDP-Frauen als Politikum hängig: https://www.fdp-frauen.ch/fdp-frauench/kampagnen/individualbesteuerung
https://www.nzz.ch/schweiz/bundesgericht-die-ehe-ist-fuer-frauen-keine-lebensversicherung-ld.1606120?reduced=true
Zitate entnommen aus: Baur, Alex (2021). Unerhört - Esther Vilar und der dressierte Mann. Zürich, Schweiz: Salis Verlag.



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