Feuer zwischen den Beinen

Feuer zwischen den Beinen

Von der Schönheit des Wartens und der Langeweile. Vom Vorteil, nicht immer zu bekommen, was man will. Und von einer veritablen Spätzündung.

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von Dominique Feusi am 26.7.2021, 08:50 Uhr
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Ein heisser Sommernachmittag. Wir zittern. Durchfroren vom Rhein. Wir drücken unsere kalten Körper auf die warmen Steine der Ufermauer. Die Kirchenuhr schlägt. Das tut sie jede Viertelstunde, sie taktet unser langsames Leben durch. Wir lassen uns trocknen, erzählen uns Geschichten und braten auf den Steinen in der Sonne, bis es nicht mehr auszuhalten ist. Bis der Erste wieder johlend ins eiskalte Wasser springt und die anderen es ihm gleichtun. Es ist ein langer Sommernachmittag auf dem Dorfe, irgendwann in den 80ern, und es gibt nichts anderes zu tun.

Die grosse Langeweile

Wir kennen jeden, der hier wohnt. Wir kennen jeden, der vorbeigeht oder fährt. Wir kennen jedes Auto, jeden Töff, jedes Velo, jedes Boot. Wir kennen jede Katze und jeden Hund. Wir wissen, wer wann nach Hause kommt und wer wohin gehört. Alles hat seine Ordnung. Die Öde der Provinz. Aber wir sind jung und warten, dass etwas passiert. Wir warten an Orten, die uns vielversprechend erscheinen. Vor dem Volg, am «Löliegge», beim grossen Brunnen, hinter dem Schulhaus oder eben am kleinen Hafen. Aber eigentlich ist das einerlei. Denn meist passiert nichts. Und die Nachmittage ziehen langsam und beständig wie der Fluss an uns vorbei.

Meist passiert nichts. Und die Nachmittage ziehen langsam und beständig wie der Fluss an uns vorbei.


Wir träumen von der grossen, weiten Welt und haben Sehnsucht nach Orten, die wir nicht kennen. Unser Wissen beruht oft auf Hörensagen. Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt. Geschichten sind kaum überprüfbar. Informationen sind ein rares Gut und was uns an Fakten fehlt, fabulieren wir dazu.

Notstromaggregat für Gelassenheit

Bedürfnisse werden nicht sofort gestillt. Man wartet sehnsüchtig auf das Lieblingslied im Radio. Auf die Sendung im Fernsehen. Am Samstagabend gibt es manchmal drei Wunschfilme, es wird telefonisch abgestimmt und dann zeigen sie nie den Film, den man sich gewünscht hat.
Die Langeweile, das Warten, die Vorfreude, die Enttäuschung, man bekommt nicht immer, was man will, und es ist okay. Man lernt, damit umzugehen. Schaut man sich die Hektik von jüngeren Menschen an, ist das wahrscheinlich ein Vorteil meiner Generation. Wir sind einen Zacken stressresistenter. Enttäuschungserprobter. Resilienter. Wir konnten in Ruhe heranwachsen. Wir hatten noch Zeit, unsere Stunden waren kaum verplant. Wir konnten Dinge ausprobieren. Durften scheitern. Nicht alles musste was werden. Wir waren nicht die Projekte unserer Eltern, denn die waren einfach froh, wenn wir uns irgendwie beschäftigten. Und diese ganzen wunderbar langweiligen Tage der Kindheit fungieren in hektischen Zeiten vielleicht als Reservoir, als eine Art Notstromaggregat für Gelassenheit.

Bedürfnisse werden nicht sofort gestillt. Man bekommt nicht immer, was man will, und lernt, damit umzugehen.


Doch an diesem Nachmittag fährt ein weisses Mercedes Cabriolet mit Bootsanhänger an die Einwasserungsstelle. Wir kennen weder das Auto noch den grauhaarigen Mann hinter dem Steuer. Und vor allem kennt niemand die weitaus jüngere, wunderschöne Frau auf dem Beifahrersitz. Die Frau hat knallrotes Haar und schaut wie ein Filmstar aus. Oder so, wie wir uns einen Filmstar vorstellen.

Feuer und Flamme

Die Buben geraten beim Anblick der rothaarigen Schönheit völlig ausser sich. Sie sind, wie mein Nachbarsjunge, der mir wie ein grosser Bruder ist, alle rund vier Jahre älter als ich. Ich hänge meistens mit den grossen Buben rum und kenne ihr Balzverhalten, doch die Reaktion auf die Rothaarige gleicht einem Brandvorfall. Die Buben benehmen sich wie Paviane, springen auf der Mauer herum, machen Saltos ins Wasser und sind sich sofort einig, dass der grauhaarige Mann das Boot falsch einwassert und ohnehin überhaupt nichts kann.

Ich überlege tage-, ja wochenlang, weshalb die Rothaarige wohl Feuer zwischen den Beinen hat.


Der Rothaarigen entgeht natürlich der Balztanz der Buben nicht, worauf sie sich genüsslich in Szene setzt, ihr Kleid auszieht und vor uns im Bikini wie eine Raubkatze zum Badesteg stolziert. Der Nachbarsjunge ruft: «Die hat Feuer zwischen den Beinen!», und alle lachen. Ich lache lauthals mit, habe aber keine Ahnung, um was es geht.

Fragen über Fragen

Ich überlege tage-, ja wochenlang, weshalb die Rothaarige wohl Feuer zwischen den Beinen hat. Ich strenge mich wirklich an, aber mir fällt partout keine Lösung ein. Ich mache mir etwas Sorgen, da meine Mutter ebenfalls rote Haare hat, aber meine Mutter ist fröhlich, und ich denke mir, falls sie ebenfalls Feuer zwischen den Beinen hat, scheint sie nicht darunter zu leiden.
Ich leide jedoch, weil ich den Witz nicht verstehe. Ich frage niemanden, weil ich mir dumm vorkomme. Wie kann jemand Feuer zwischen den Beinen haben, ohne dass die Kleidung brennt? Weshalb wissen alle Bescheid, nur mir hat niemand was gesagt? Und wann ist das alles passiert?

Späte Zündung

«Hast du Feuer?», fragte mich kürzlich eine Frau mit leuchtend rotem Haar, und ich dachte an den Sommertag am kleinen Hafen und alsbald liefen mir vor Lachen Tränen übers Gesicht. Weniger wegen dem Witz, sondern weil ich nur ein paar Jahrzehnte gebraucht habe, bis der 50er auch mir noch runtergefallen ist. Tja, die Langeweile, das Warten, die Vorfreude, die Enttäuschung, meine Generation hat eben noch gelernt, den Dingen Zeit zu geben.
Oder wie meine Mutter selig stets sagte:
«Du bist halt ein Spätzünder!»

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