Fake News: Überrissene Panik zu den Intensivstationen

Fake News: Überrissene Panik zu den Intensivstationen

Die Intensivstationen in der Schweiz sind immer für eine alarmierende Schlagzeile gut. Derzeit übertreiben es aber sogar die Medien, die diese Masche seit Monaten pflegen. Sie verbreiten völlig irreführende Aussagen.

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von Stefan Millius am 3.12.2021, 13:30 Uhr
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«Das Unispital Zürich schlägt bereits Alarm. In nur einem Monat hat sich die Zahl der Covid-Patienten auf 177 mehr als verdoppelt. 43 liegen auf den Intensivstationen, 24 am Beatmungsgerät. Im ganzen Kanton gibt es keine freien Intensivbetten mehr! Alle Spitäler sind voll.»
Diese Aussage im «Blick» vom 1. Dezember ist deutsch und deutlich – aber eine reine Trickserei. Es wird suggeriert, alleine im Universitätsspital gebe es 43 Covid-Patienten auf der Intensivstation. Dabei bezieht sich die Zahl in Wahrheit auf alle Spitäler im Kanton Zürich. Im Universitätsspital waren zu jenem Zeitpunkt gerade mal 8 Covidpatienten auf der Intensivstation – und 50 andere.

Zu 86 Prozent belegt, aber nicht «voll»

Im ganzen Kanton Zürich stehen 215 Intensivpflegeplätze zur Verfügung. Davon waren am 1. Dezember 42 von Covid-Erkrankten belegt, 142 von anderen Patienten. Die Auslastung lag damit bei 86 Prozent. Das ist nicht nichts, aber weit entfernt von «voll». Die Behauptung, es gebe keine freien Intensivbetten mehr im ganzen Kanton, ist eine reine Erfindung.
Bleibt die Frage, ob sich die Situation zumindest alarmierend verschärft hatte zum Zeitpunkt der Schlagzeile. Auch danach sieht es nicht aus. Im Kantonsspital Winterthur (18 IPS-Plätze) beispielsweise lag die Auslastung am 1. Dezember bei 72 Prozent. Von den 19 Patienten dort waren gerade mal 4 Covidfälle. Das entspreche der Situation von vor vier Wochen, sagt eine interne Quelle gegenüber dem «Nebelspalter», die Hysterie sei völlig überzogen.

Zahlen sinken bereits wieder

Wirklich voll sind die Intensivstationen in kleinen Spitälern wie Limmattal, Wetzikon, Hirslanden Klinik im Park oder Zollikerberg. In Männedorf, im Seespital Horgen und Kilchberg oder der Universitätsklinik Balgrist befand sich Anfang Dezember hingegen kein einziger Covidpatient. Obschon das eine oder andere dieser Spitäler noch Kapazitäten hätte. Ob die Zahlen wie von den Experten des Bundes prognostiziert bis Ende Jahr tatsächlich stark zunehmen und die Situation auf den Intensivstationen brenzlig wird, ist offen, aber zumindest der Status quo müsste korrekt gemeldet werden.
Doch das Beste: Inzwischen sind die Zahlen sogar wieder gesunken. Am 2. Dezember befanden sich noch 34 Covidpatienten auf Zürcher Intensivstationen, die Gesamtauslastung ist auf 81 Prozent gefallen. Im Kantonsspital Winterthur liegt sie nun bei rekordverdächtig tiefen 44 Prozent.
Davon ist im «Blick» seltsamerweise nichts zu lesen. Stattdessen titelt die Zeitung heute wieder ungerührt: «Volle Intensivstationen – ein Bericht von der Front».

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