Fake News: Der «Blick» war durchaus kritisch – aber nur in eine Richtung

Fake News: Der «Blick» war durchaus kritisch – aber nur in eine Richtung

Ringier und dessen Flaggschiff «Blick» stehen im Verdacht, in Coronazeiten Staatspropaganda statt Journalismus betrieben zu haben. Es gab aber durchaus auch kritische Beiträge in der Zeitung. Allerdings nur dann, wenn der Bundesrat aus Sicht des «Blick» zu wenig hart agierte.

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von Stefan Millius am 7.1.2022, 13:30 Uhr
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Unterstützung der offiziellen Politik statt deren unvoreingenommene Prüfung: Das ist es, was laut CEO Marc Walder bei Ringier in den letzten fast zwei Jahren gefragt war. Was er offen aussprach, liess sich auch fortlaufend überprüfen: Kritische Stimmen zu den Coronamassnahmen und berechtigte Fragen zu publizierten Zahlen wurden im «Blick» entweder totgeschwiegen oder zwar gebracht, aber verbunden mit diffamierenden Einschätzungen. Über Nacht wurden aus früher hochgelobten Forschern plötzlich «umstrittene Wissenschaftler» – ohne nähere Begründung.

Indirekte Unterstützung für Berset

Dennoch kann man nicht behaupten, der «Blick» habe dem Bundesrat stets den Rücken gestärkt. Es gab durchaus Kritik an der Arbeit der Landesregierung. Eine Reihe von Beispielen zeigt aber, dass diese stets erfolgte, wenn man bei Ringier fand, der Bund müsse härter durchgreifen. Damit spielte die Zeitung indirekt Sprachrohr von Bundesrat Alain Berset, der dem Vernehmen nach oft gerne schärfere Massnahmen ergriffen hätte, im Gremium damit aber unterlag.
Im Herbst 2020 beispielsweise kommentierte Verleger Marc Walder persönlich die Politik des Bundesrats und kritisierte, dass grössere Veranstaltungen wieder möglich waren. Die Politik müsse alles unternehmen, um den Schaden zu begrenzen.

«Appell» für strengeren Kurs

Einen Monat später richtete «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer einen «Appell» an den Bundesrat und forderte diesen zu härteren Massnahmen auf. In diesem Zug schrieb er: «In diesen schwierigen Tagen hat der Bundesrat versagt.» Dabei nannte Dorer explizit Alain Berset. Dieser dürfte das aber durchaus gern gelesen haben, denn der «Appell» war in seinem Sinn.
Im März 2021 war die Reihe wieder an Marc Walder. Er machte sein persönliches Steckenpferd, die Digitalisierung, zum Thema. Der Bund habe es nicht geschafft, die nötigen digitalen Hilfsmittel für Informationen rund um Corona rechtzeitig aufzubauen. Eine berechtigte Kritik, wie sie beispielsweise auch der St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler immer wieder vorbringt. Aber es war keine Kritik an der allgemeinen Coronapolitik.
Impfen, impfen, impfen
Und dann war da natürlich noch die Impfung. Sehr früh stellte sie für die Ringier-Medien den Königsweg aus der Krise dar. Wenn die Impfung Anlass gab zur Kritik, dann aber stets, weil die Impfkampagne zu langsam verlaufe, die Kantone nicht richtig mitspielten und so weiter. Mögliche Nebenwirkungen der Impfung, ihre begrenzte Wirksamkeit, die Tatsache, dass immer öfter «nachgespritzt» werden muss: Das war für «Blick» und die anderen Medien des Verlags nie ein Thema. Auch die Tatsache, dass Geimpfte nicht einfach «ungefährlich» sind, wurde stets zurückhaltend behandelt. Es hiess nur: Bitte mehr davon – und schneller.
Im August 2021 übte wiederum Chefredaktor Christian Dorer Kritik an Alain Berset. Für Dorer im Nachhinein vermutlich ein Beleg, dass er keineswegs brav einen verordneten Kurs umsetzt. Doch was war der Inhalt des Kommentars? Berset setze sich zu wenig entschieden ein für das Covidzertifikat. Dieses solle noch in viel mehr Bereichen des öffentlichen Lebens zur Anwendung kommen. Was als Kritik maskiert war, war in Wahrheit auch hier wieder durchaus im Sinn des Gesundheitsministers, einem erklärten «Fan» des Zertifikats.
Die Bilanz: Die offizielle Coronapolitik aus Massnahmen, Impfung und Zertifikat wurde bei Ringier von Anfang an durchs Band mitgetragen. Kritik gab es nur, wenn das alles aus Sicht des Verlags zu wenig entschlossen vertreten wurde. Der Verdacht, dass die Männerfreundschaft zwischen Alain Berset und Marc Walder den Kurs der Ringier-Medien bestimmte, ist damit alles andere als ausgeräumt.

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