Fairer Wettbewerb ist die beste Entwicklungshilfe

Fairer Wettbewerb ist die beste Entwicklungshilfe

Entwicklungshilfe und Agrarpolitik stehen in einem geradezu zynischen Widerspruch zueinander. Den Ländern des Südens wäre am besten geholfen, wenn die Länder im Norden ihre Bauern weniger schützen und stützen würden.

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von Claudia Wirz am 4.8.2021, 12:30 Uhr
Europäische Agrarpolitik steht in einem zynischen Widerspruch zur europäischen Entwicklungshilfe.
Europäische Agrarpolitik steht in einem zynischen Widerspruch zur europäischen Entwicklungshilfe.
Ungezählte Milliarden von Franken oder Euros fliessen Jahr für Jahr als Entwicklungshilfe – oder wie man es heute politisch korrekt sagt – als Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit nach Afrika. Die Bilanz dieser vermeintlichen Wohltaten der Reichen ist niederschmetternd. Afrika ist noch immer arm. Oder anders gesagt: Die Entwicklungshelfer haben noch immer sehr viel zu tun, wie dieser Bericht zeigt.

Wandel durch Handel

Mehr noch: Die Entwicklungshilfe hat den Ökonomien in afrikanischen Ländern nachhaltig geschadet und massive Abhängigkeiten geschaffen. Sie fördert korrupte Strukturen und sogar Kriege, zerstört jeden Anreiz, gut zu wirtschaften, zementiert bestehende Gegebenheiten, begünstigt die Verstädterung und sorgt dafür, dass Wissen und Kulturtechniken verloren gehen. Die aus Sambia stammende US-Ökonomin Damisa Moyo spricht von «Dead Aid», wenn sie Entwicklungshilfe meint. Entwicklungshilfe führt in die Knechtschaft.
Besonders zynisch erscheint die Entwicklungshilfe der reichen Länder, wenn man sie im Kontext ihrer eigenen Agrarpolitiken sieht. Da die Zielländer der Entwicklungshilfe agrarisch geprägt sind, ist für sie die Regulierung der Agrarmärkte von grösster Relevanz.
Doch genau hier endet dann die vorgebliche Völkerfreundschaft der Reichen mit den Armen. Sobald die eigenen Interessen tangiert sind, vielleicht sogar die eigene Wiederwahl zur Debatte steht, ist die Solidarität mit den Armen vergessen. Die reichen Länder investieren ungleich viel mehr Mittel in den Schutz ihrer eigenen Bauern als in die Entwicklungshilfe. Sie tun alles, um ihre eigenen Bauern vor der Konkurrenz von aussen abzuschotten.
Das schädlichste Instrument im bunten Strauss des Agrarschutzes sind die Exportsubventionen, die zum Abbau von Überschussproduktionen dienen. Überschussproduktionen wiederum entstehen in den reichen Ländern, weil Subventionen die Marktmechanismen ausschalten und falsche Anreize setzen. Die überschüssige Ware muss man loswerden. Und so wurden jahrzehntelang Weizen, Poulet oder Milchpulver aus Europa künstlich verbilligt auf die afrikanischen Märkte geworfen. Ein französisches Mastpoulet war dann auf einem afrikanischen Dorfmarkt billiger zu haben als ein einheimisches Huhn.

Ende des Egoismus

Das Zerstörungspotenzial dieser zynischen Politik ist gewaltig. Nicht umsonst wurde sie von der WTO verboten. Der Schaden aber ist durch diese jahrzehntelange egoistische Praxis des Nordens längst angerichtet. 1993 zum Beispiel zahlte die EU an die damals noch 12 Mitgliedstaaten satte 10 Milliarden Euro allein für Exportsubventionen aus. Das hinterlässt Spuren bis heute. Im Sport würde man von «Doping» sprechen.
Doch ist nun mit dem Verbot der Exportsubventionen alles in Ordnung? Mitnichten! Exportsubventionen sind zwar deutlich reduziert worden, doch die Landwirtschaft in den reichen Ländern ist nach wie vor mit Steuergeld «gedopt», die Subventionen heissen nun einfach anders. Dank den Direktzahlungen und anderen agrarpolitischen Massnahmen können die Bauern im reichen Norden investieren, produzieren und eben auch exportieren, ohne sich grosse Sorgen um die wahrhaften Produktionskosten machen zu müssen. Damit haben sie gegenüber den Bauern aus ärmeren Ländern weiterhin einen massiven, politisch gewollten Wettbewerbsvorteil, der mit Fairness nichts zu tun hat – und der die Entwicklungshilfe als geradezu heuchlerisch erscheinen lässt.
Darüber, welches Ausmass an Zerstörung diese jahrelange Politik in der afrikanischen Landwirtschaft angerichtet hat, kann man wohl nur spekulieren. Aber man kann daraus einen Schluss ziehen: Die eigene Landwirtschaft weniger zu schützen und zu stützen wäre die redlichste Art der Entwicklungshilfe. Geschieht das nicht, bleibt Entwicklungshilfe das, was sie seit je gewesen ist: Ein Beschäftigungsprogramm für all die Entwicklungshelfer und ein netter Batzen für das eigene gute Gewissen.

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